Editorial — I Don’t Always Print Pictures …

Mahtola Wittmer · I Don’t Always Print Pictures But When I Do They Are Fucking Awesome, 2016, Fotografie, Masse variabel

Mahtola Wittmer · I Don’t Always Print Pictures But When I Do They Are Fucking Awesome, 2016, Fotografie, Masse variabel

Editorial

Editorial — I Don’t Always Print Pictures …

Die Aufnahme scheint missraten. Viel ist von dem Sandstrand, den grünen Palmen und dem sattblauen Himmel nicht zu sehen, die Hälfte wird von einem Daumen abgedeckt. Dafür ist der Titel sehr eloquent: ‹I Don’t Always Print Pictures But When I Do They Are ­Fucking Awesome.› So hiess auch eine Gruppenschau, die ­Mahtola Wittmer zum Anlass nahm, das eigene Verhältnis zur Fotografie zu reflektieren. Als ausgebildete Grafikerin ist sie mit analoger Fotografie und den Vorgängen im Labor, die ein Bild erst sichtbar machen, vertraut. Und sie kennt den Ärger über einen fehlerhaften Abzug nach einem langwierigen Entwicklungsprozess. Seit sie nun ein Smartphone besitzt und meist damit fotografiert, drängen sich neue Themen auf: Was soll in der Fülle der Eindrücke festgehalten werden? Welches Bild ist gelungen, welches nicht? Wie fotografiert man fürs private Album, wie im Hinblick auf eine Ausstellung? Das Foto auf dem Cover entstand während einer Reise durch Australien. Und was wie ein Fehler wirkt, ist locker inszeniert. Der fleischfarbene Kreis erinnert ans Menschliche und lässt das Digitale fassbar werden. In Wittmers Ausstellung im Aargauer Kunsthaus Aarau wird diese Verbindung zum Haptischen noch weiter getrieben: Eine Auswahl von Aufnahmen, die sonst als ungreifbarer Schatz in einer digitalen Cloud schweben, hat sie ausgedruckt und auf einen Haufen geworfen. Wir dürfen sie in die Hand nehmen und selbst überlegen, welches Foto wir gesichert und welches wir weggewischt hätten. Und wie verfährt die Künstlerin? Intuitiv: «Ich gehe meinen eigenen Bedürfnissen nach, jedoch mit Wachheit, grosszügig, ich sammle, umarme und nehme zunächst vieles mit, ohne zu werten.» Diese Weltumarmung, bei der man sich gelegentlich selbst im Wege steht, ist hier auf erfrischende Weise eingefangen. Zudem lädt der Daumen zum Blättern ein. 

Auteur(s)
Claudia Jolles
Artiste(s)
Mahtola Wittmer

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