Ernst Gamperl — Das andere Leben der Eiche

Ernst Gamperl · Dialog mit dem Holz, Ausstellungsansicht Gewerbemuseum Winterthur, 2019. Foto: Michael Lio

Ernst Gamperl · Dialog mit dem Holz, Ausstellungsansicht Gewerbemuseum Winterthur, 2019. Foto: Michael Lio

Besprechung

Er ist ein Ausnahme-Holzbildhauer, vielfach ausgezeichnet, ­international renommiert: der skulpturale Gestalter Ernst ­Gamperl. Das Gewerbemuseum Winterthur stellt zum ersten Mal sein ­‹Lebensbaum-Projekt› vor, ein ästhetisch überraschendes Ensemble mit Formen wie aus der Tiefe der Zeit.

Ernst Gamperl — Das andere Leben der Eiche

Winterthur — Von welcher Seite man sich diesen Objekten auch nähert, eines ist gewiss: Ihrer Faszination kann man sich nur schwer entziehen und in ihrer fremd-vertrauten Selbstverständlichkeit lassen sie wohl niemanden unberührt. Holz, Eichenholz, aber in welcher Form! Scheinbar Archaisches in unverrückbarer, schwebender Gegenwart. Schweres ganz leicht. Gefässe, die nichts fassen müssen als die eigene Leere. Feinwandige Gefässe, die sich als kraftvoll geerdete Skulpturen behaupten. Lauter Objekte mit ihrer unverwechselbaren, charakteristischen «Haut», die sich zwischen Innen- und Aussenraum spannt. Haut, auf der das Licht sich seinen Weg sucht und organisch Gewachsenes und kunstvoll auf der Drehbank Gestaltetes gleichermassen zum Klingen bringt – mag sein, dass meine Reaktion angesichts dieses Ensembles von Gefässen sentimental ist, doch was soll’s, wenn man in einer Ausstellung Schönheit, Stille und auf den Punkt gebrachte Zeit erfahren kann. Auf fünfzehn verschieden hohen weissen Sockeln kommen die über fünfzig Objekte aus dem ‹Lebensbaum-Projekt› von Ernst Gamperl (*1965) in den hellen Räumen des Gewerbemuseums rundum zur Geltung. Zwei-, dreihundert Hölzer hatte der deutsche Künstler bereits verarbeitet, bevor die gigantische, von einem Orkan entwurzelte bayrische Eiche zu seinem Lebensbaum wurde. Seit 2010 arbeitet er mit ihr, mit dem grünen Holz, dem lebendigen Material des etwa 230 Jahre alten Baums, «beseelt von dem Gedanken, die Eiche wieder zu neuem Leben zu erwecken». Und wenn er auch eine ungefähre Vorstellung davon hat, wie das Stück aussehen soll, das auf eigens dafür entwickelten Drehbänken erschaffen wird, Gamperl weiss: «Das Holz redet immer mit.» So sind die asymmetrischen Gefässe immer einzigartig und unwiederholbar und was beim Trocknungsprozess entsteht, welche Verschiebungen oder Risse es gibt, lässt sich nur bedingt kontrollieren. Überhaupt: Von der äusseren Form eines Stücks Holz bis zum auf 5 Millimeter Wanddicke ausgehöhlten Objekt, das nur noch ein Hundertstel des ursprünglichen Stücks wiegt, ist es ein langer, risikoreicher Prozess. Den Farbton jedoch, in dem die verschiedenen Einzelwerke des auf circa hundert Objekte angelegten ‹Lebensbaum-Projekts› erklingen, gestaltet Ernst Gamperl bewusst: mit Mineralien und Eisenoxyden, mit Bienenwachs der eigenen Bienen für schimmernden Satinglanz. Über all das ist in einem als Schaulager eingerichteten Raum, in dem auch ein Film gezeigt wird, viel zu erfahren. 

Jusqu'à 
03.11.2019

→ ‹Ernst Gamperl – Dialog mit dem Holz›, Gewerbemuseum Winterthur, bis 3.11.; 7.9., 16 Uhr: Buch­vernissage in Anwesenheit des Künstlers ↗ www.gewerbemuseum.ch

expositions/newstickertrier par ordre décroissant Date Type Ville Pays
Ernst Gamperl - Dialog mit dem Holz 26.05.2019 - 03.11.2019 exposition Winterthur
Schweiz
CH
Artiste(s)
Ernst Gamperl
Auteur(s)
Angelika Maass

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