Hans Witschi — Hurt

Hans Witschi (Copyright) · Verletztes Mädchen, zeichnend (12), 2019, (1468), Öl auf grundierter ­Baumwolle, 50,8 x 40,64 cm

Hans Witschi (Copyright) · Verletztes Mädchen, zeichnend (12), 2019, (1468), Öl auf grundierter ­Baumwolle, 50,8 x 40,64 cm

Besprechung

Hans Witschi, der Schweizer Maler mit Lebensmittelpunkt in New York, kommt mit satten achtzig neuen Leinwänden im ­Gepäck nach Zürich. Allerdings liegen allen Arbeiten nicht mehr als zwei unterschiedliche Motive zugrunde, in jeweils vierzig­facher Variation. Und diese Variationen haben es in sich.

Hans Witschi — Hurt

Zürich — Beim Betreten der Ausstellungsräume begegnet der Besucher zunächst der Serie  ‹Verletztes Mädchen, zeichnend›. In streng linearer Hängung lässt sich Bild für Bild abschreiten, und Schritt für Schritt stimmt das Motiv nachdenklicher. Wir sehen ein malendes Mädchen, fein konturiert und in fast japanischer Tuschemanier mit dem Pinsel auf die immer weiss grundierte Leinwand gehaucht. Die einzige Farbe, die dabei zum Einsatz kommt, ist Rot, meistens in einem kalten, manchmal aber unvermittelt auch in einem warmen Ton. Auch nachdem man das Motiv viele Male gesehen hat und obwohl man ganz nah an jedes Bild herantreten kann, bleibt das Mädchen auf Distanz. Es verweigert den Blickkontakt. Im Profil dargestellt bleibt es ganz bei sich und auf sich selbst konzentriert. Sein Publikum beachtet es nicht – wie auch, scheint es doch gar nicht zu bemerken, dass es beobachtet wird. Tatsächlich wurde Hans Witschi (*1954, Luzern) von einer Fotografie inspiriert, die ihm in der New York Times aufgefallen war. Das Mädchen war Teil einer Werbeanzeige. Was ihn positiv überraschte, war der Umstand, dass das Kind trotz seiner körperlichen Beeinträchtigung, der Luxation des rechten Arms, für Werbezwecke als repräsentativ galt, jenseits aller gängigen Schönheits- und Gesundheitsdiktate. Der Maler erhebt das Mädchen zur Malerin und lässt es in dieser Tätigkeit aufgehen. Er widmet sich ihm immer und immer wieder, und lässt uns quasi an seiner täglichen Stimmungslage teilhaben, wenn er seine Mimik variiert oder die Farbigkeit seines Gesichts kontrastreich verändert, von durchscheinend Weiss bis Zornesrot. Damit fesselt er uns emotional, zieht uns in das Bild hinein, rührt uns, sorgt aber auch dafür, dass sich das Sujet nicht vereinnahmen lässt. Denn der Maler verleiht dem Mädchen ein inneres Leuchten, eine Würde, eine Aura: Noli me tangere! Ganz im Gegensatz dazu ist die zweite Serie einem lachenden Jungen gewidmet, der uns frontal anstrahlt und ein weisses, unbeschriebenes Blatt entgegenhält. Auch seine Haltung lässt eine Beeinträchtigung vermuten. Auch er ist mit feinem Pinselstrich skizziert, allerdings vor bunten, grellen Hintergründen, die auf der Wand in block­artiger Hängung ein wahres Feuerwerk der Farben entfachen. Der Junge scheint zu locken: Schaut her, was ich zu bieten habe. – Ein «invisible painting», oder einen blinden Spiegel, der das Ebenbild des Betrachters nicht reflektiert, sondern ausradiert …? 

Jusqu'à 
05.10.2019
expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Hans Witschi 29.08.2019 - 05.10.2019 exposition Zürich
Schweiz
CH
Auteur(s)
Mechthild Heuser
Artiste(s)
Hans Witschi

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