L’univers de Germaine

Muda Mathis, Sus Zwick, Hipp Mathis · L’univers de Germaine, 2018, Courtesy Kunsthaus Baselland. Foto: Ismael Lorenzo

Muda Mathis, Sus Zwick, Hipp Mathis · L’univers de Germaine, 2018, Courtesy Kunsthaus Baselland. Foto: Ismael Lorenzo

Muda Mathis · Sus Zwick, Hipp Mathis · Germaine Winterberg, aus: L’univers de Germaine, 2018, Videostill

Muda Mathis · Sus Zwick, Hipp Mathis · Germaine Winterberg, aus: L’univers de Germaine, 2018, Videostill

Hinweis

L’univers de Germaine

Warth — Das Kunstmuseum des Kantons Thurgau Kartause Ittingen widmet dem jüngst entstandenen Oral-History-basiertem Videoprojekt von Muda Mathis, Sus Zwick und Hipp Mathis eine Sonderpräsentation. Das vorgängig im Kunsthaus Baselland gezeigte filmische Porträt einer aussergewöhnlichen Frau geht über das Dokumentarische hinaus, integriert performative Elemente und damit die künstlerische Haltung der Filmemacher. Im Zentrum steht die abenteuerliche Lebensgeschichte von Germaine Winterberg (*1936, Basel). Sie zieht seit den Fünfzigerjahren auf eigene Faust durch viele ferne Länder. Rund fünf Jahre verbrachte sie in Indien, zwei im Maghreb. Sie arbeitete im Völkerkundemuseum Basel als Textilassistentin und kaufte auch für die Sammlung ein. Das Reisen und das Sammeln für Museen war zuvor eine männliche Domäne der Oberschicht. Sie selbst, so berichtet sie, hat nur eine marginale Ausbildung und stammt aus einfachen Verhältnissen. Alleinreisende Frauen gab es einige vor ihr, bspw. Alexandra David-Néel, die als erste europäische Frau 1923 die verbotene Stadt Lhasa in Tibet getarnt betrat und ihre Reiseerfahrungen publizistisch verarbeitete. Germaine Winterbergs Talent liegt in der Erzählung. Das Filmteam hat dafür eine passende Umsetzung gefunden. Die zahlreichen Aufnahmesitzungen wurden in 30 Episoden mit insgesamt fast fünf Stunden Laufdauer gegliedert. Die Mehrkanalversion präsentiert verschiedene Tonspuren und Sitzungen gleichzeitig. Die Sitzungen unterscheiden sich durch die Kleidung und den Schmuck der Erzählerin sowie den Ort der Aufnahme in ihrem Zuhause. Das Nebeneinander auf mehreren Monitoren legt nahe, dass man den Erzählfaden einer Tonspur verliert und seinen Blick über die vielen Gesichter schweifen lässt. Im Gedächtnis bleibt die ausdrucksstarke und lebendige Gestik und Mimik. Eine unermüdliche Quelle der Begeisterung ob all der fremden Begegnungen. Germaine Winterbergs Bedürfnis nach Bewegung greift der zweite Teil des Projekts auf: eine 25-minütige hochformatige Tanz-Sound-­Videomontage. Hier kreuzen sich Themen, Motive und Umfeld der Reines Prochaines, zu denen Muda Mathis und Sus Zwick gehören, mit der Welt der Porträtierten: die selbstbewusste Frau, der weibliche Körper, die Lust am Auftritt, am Tanz, an Stoffen, an Lebensenergie. In einer filmischen Performance treten Germaine Winterberg, Fränzi Madörin und die befreundete Maria Anna Mathis auf. ­Familien- und Wahl­verwandtschaften haben dieses facettenreiche Videoporträt geprägt. Deutlich wird: Die alte Dame eignet sich als Vorbild und Identifika­tionsfigur, sei es aus künstlerischer, sei es aus alltäglicher Perspektive. 

Jusqu'à 
08.03.2020

→ Kunstmuseum des Kantons Thurgau Kartause Ittingen, bis 8.3.2020; ‹Edition L’univers de Germaine›, Hörbuch und Videos, Leporello mit USB Stick ↗ www.kunstmuseum.tg.ch

Publicité