I want to know what love is. I want you to show me.

Lucy McRae · Solitary Survival Raft, 2020, Studioaufnahme. Foto: Ariel Fisher

Lucy McRae · Solitary Survival Raft, 2020, Studioaufnahme. Foto: Ariel Fisher

Justine Emard · Co(AI)xistence, 2017, Video Still, Courtesy HeK Basel

Justine Emard · Co(AI)xistence, 2017, Video Still, Courtesy HeK Basel

Besprechung

Künstliches Meeresrauschen, Datensätze, die bei einem Rendering-Spezialisten und einer Laborantin Verliebtheit auslösen, auf Empathie programmierte Roboter, aber auch Schreckens- und Endzeitszenarien: Nicht nur das echte Leben, auch Simulationen wissen die grossen und wahren Emotionen zu wecken.

I want to know what love is. I want you to show me.

Basel — Als emotionale Intelligenz bezeichneten die amerikanischen Psychologen John D. Mayer und Peter Salovey 1990 die Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle korrekt zu interpretieren und zu steuern. Damit verbanden sie begrifflich zwei a ­priori konträre menschliche Eigenschaften und bahnten dem Verständnis unserer Empfindungen als ökonomisch verwertbares Gut den Weg. Mit der rasanten Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz hat diese Verquickung seither eine gänzlich neue Bedeutung erlangt. Sehende oder multisensorische Maschinen erfassen – auf Algorithmen und Methoden wie Deep Learning gestützt – nicht mehr nur unsere äussere, amtliche Identität. Vielmehr scannen und analysieren sie im Bruchteil von Sekunden mit Hilfe von immer feiner codierter Gesichtserkennung auch jede unserer inneren Regungen und sogar deren Wirkung auf Dritte.
In der reichhaltigen Schau ‹Real Feelings›, mit der das Haus der elektronischen Künste (HeK) das gewandelte Verhältnis von Emotionen und Technologien einem ­Reality Check unterzieht, erkunden gleich mehrere der zwanzig renommierten Beteiligten dieses Phänomen. So haben etwa Lauren Lee McCarthy und Kyle McDonald an etlichen Stellen Kameras installiert. Deren Aufnahmen fliessen am Ein- respektive am Ausgang auf Screens zusammen und konfrontieren uns, sofern wir mit anderen Anwesenden interagiert haben, mit unserem potenziellen Social Score.
Etwas weiter macht uns Coralie Vogelaar mit dem Facial Action Coding System (FACS) bekannt, jenem Datenpunktnetz, das Paul Ekman, ein weiterer US-Psychologe, 1978 anhand der Kontraktionsmuster unserer 44 Gesichtsmuskeln zur Grund­lage aller automatisierten Mimikerkennung erhoben hat. Simone C. Niquille wiederum reflektiert, wie man bei Online-Videoschaltungen Analyse-Tools durch vorgängiges Spiegeltraining düpiert. Zugleich ruft sie uns den berühmten Essay ‹What is it like to be a bat?› des US-Philosophen Thomas Nagel von 1974 ins Gedächtnis, demzufolge wir uns nie wirklich in andere Daseinsformen einfühlen, sondern uns diesen höchstens kognitiv annähern können. Dass dies umgekehrt auch für KI-basierte Anwendungen gilt, bilanziert Clément Lambelet mit ‹Happiness is the only true emotion›. Mit beängstigend tiefen Prozentzahlen belegt die Porträtfolge, wie dürftig die Treffsicherheit von Emotionsanalysen mit Ausnahme der Lacherkennung derzeit noch ist. Kein Grund also zur Sorge? Falls doch, Ruhe bewahren. Ein verbesserter Code oder ein cooles neues Smart Gadget wird es schon richten.

Jusqu'à 
15.11.2020
expositions/newsticker Date Type Ville Pays
REAL FEELINGS 27.08.2020 - 15.11.2020 exposition Basel/Münchenstein
Schweiz
CH

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