Kader Attia — Koloniale Geschichte reparieren

Culture, Another Nature Repaired, 2014–2020, Teakholzskulpturen auf Metallständern, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, 2020 © ProLitteris, Courtesy Galerie Nagel Draxler

Culture, Another Nature Repaired, 2014–2020, Teakholzskulpturen auf Metallständern, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, 2020 © ProLitteris, Courtesy Galerie Nagel Draxler

Indépendance Tchao, 2014, Skulptur aus Metall-Archivboxen, Stahl und Holz, 333 x 180 x 150 cm; ­Modern Architecture Genealogy, 2014/2020, Collage auf Karton, 80 x 100 cm (hinten), Ausstellungs­ansicht Kunsthaus Zürich, 2020 © ProLitteris, ­Courtesy Galerie Nagel Draxler. Foto: Franca Candrian

Indépendance Tchao, 2014, Skulptur aus Metall-Archivboxen, Stahl und Holz, 333 x 180 x 150 cm; ­Modern Architecture Genealogy, 2014/2020, Collage auf Karton, 80 x 100 cm (hinten), Ausstellungs­ansicht Kunsthaus Zürich, 2020 © ProLitteris, ­Courtesy Galerie Nagel Draxler. Foto: Franca Candrian

Untitled, 2020, Skulptur aus reparierten zerbrochenen Keramiken, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, 2020 © ProLitteris

Untitled, 2020, Skulptur aus reparierten zerbrochenen Keramiken, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, 2020 © ProLitteris

Les Entrelacs de l’Objet, 2020, Filmstill, Video: 1 h 18' 37'' © ProLitteris

Les Entrelacs de l’Objet, 2020, Filmstill, Video: 1 h 18' 37'' © ProLitteris

Fokus

Kolonialgeschichte prägt Gegenwart. Kader Attia wuchs zwischen zwei Kulturen in einer Pariser Banlieue auf. In seiner Kunst bezieht er Stellung zu postkolonialen Krisen und Konflikten. Er zeigt defekte Machtgefüge auf, die von der Moderne bis zur globalisierten Gegenwart führen, und sucht – aktuell im Kunsthaus Zürich – nach Wegen der Reparatur. 

Kader Attia — Koloniale Geschichte reparieren

Das schwierige Erbe des Kolonialismus rückt derzeit immer stärker in das öffentliche Bewusstsein. Kader Attia beschäftigt sich mit den Möglichkeiten einer Reparatur postkolonialer Schieflagen, die sich nach wie vor in individuellen Verletzungen, kulturellen Übergriffen oder wirtschaftlichen Machtverhältnissen äussern. In einer monografischen Schau sowie auch mit einer Einzelarbeit in der Ausstellung ‹Schall und Rauch – Die wilden Zwanziger› werden die wichtigsten Facetten seines Schaffens aktuell im Zürcher Kunsthaus präsentiert. ‹Remembering the Future›, so der Titel der Solo-Präsentation, meint auch, dass ohne das Wissen um die Vergangenheit keine Zukunft entstehen kann.
Auf der dOCUMENTA (13) im Jahr 2012 stellte Kader Attia das Thema Reparatur ins Zentrum einer Installation mit dem Titel ‹The Repair from Occident to Extra-Occidental Cultures›. Dort betätigte er sich als Historiker, Archäologe und Ethnologe auf der Suche nach Objekten, die gegenseitige Verflechtungen der Kulturen aufzeigen. Ein Sammelsurium von Artefakten, mehrheitlich aus Westafrika stammend, und allesamt repariert, lagerte in Archivgestellen und Vitrinen wie in einem ethnologischen Museum. Die Faszination des Künstlers galt insbesondere Objekten, bei denen die Flickstelle sichtbar blieb und die mit von den Kolonialmächten eingeführten Knöpfen, Spiegelscherben oder französischem Tuch bearbeitet worden waren. Parallel befanden sich in diesem Display fotografische Porträts von verwundeten und fürs Leben mit tiefen Narben gezeichneten Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, den sogenannten «gueules cassées». Sie wurden vom Künstler in Zusammenarbeit mit senegalesischen Kunsthandwerkern auch in Holz nachgeschnitzt und erinnern in ihrer Abstraktion und Rohheit an afrikanische Masken oder kubistische Porträts. Diese Verbindung zwischen Kriegsschrecken und der zeitlich parallel laufenden Geschichte der Kunst, deren Aufbruch in die Abstraktion wesentlich von der Faszina­tion der Objekte – etwa durch Picasso, Braque und Matisse – geprägt war, welche die Kolonial­herren von Feldzügen zurückbrachten, zeichnet das Bild einer Moderne mit Parallelführung von industrieller Revolution, Kriegstechnologie und Imperialismus.

Kunstgeschichte der Aneignung
Attia thematisiert wiederholt das wechselseitige Verhältnis zwischen westlicher Moderne und Afrika. Viele der Bezüge werden auch in einzelnen Kapiteln der Schau im Kunsthaus Zürich aufgenommen. Auch Le Corbusier – wie Attia aufzeigt – orientierte sich an nordafrikanischen Vorbildern, an Siedlungsformen und Baustilen. Attiafokussiert mehrfach auf diese kulturellen Appropriationen und zeigt Formen der vielschichtigen Aneignung und Wiederaneignung auf. Aus ehemaligen Karteikästen der Kolonialpolizei baut er ein Memorial für das Hôtel de l’Indépendence in Dakar, das einst in modernistischer Hochhaus-Manier Zeuge des afrikanischen Aufbruchs nach der Unabhängigkeit war – heute jedoch leer und verlassen dasteht. Zwischen Collagen und Archivauslagen mit Architekturzeitschriften, die Le Corbusiers Verhältnis zur afrikanischen Architektur und sein Erbe darin belegen, verstellt ‹Indépendence Tchao›, 2014, ein Turmgebäude aus rostigen Archivboxen, den Blick in den nachfolgenden Raum. Die Perspektivlosigkeit, die man hier beim Durchgang für einen ­Moment am eigenen Körper erfährt, erinnert fast ein wenig daran, wie eng die (Raum-)Verhältnisse in den vom Modernismus geerbten Sozialbauten heute sind.

Strukturelle Gewalt
Besonders aktuelle Facetten zeigt sein Werk dort, wo es Bezug nimmt auf die strukturelle Gewalt am schwarzen Körper und den Protest gegen Rassismus. Ausgehend von einem Vorfall in einem Pariser Vorort, wo der Kongolese Théo Lukaka 2017 von der Polizei in einer Routinekontrolle brutal zusammengeschlagen wurde, thematisiert Kader Attia das medial vermittelte und in weiten Teilen der westlichen Gesellschaft vorherrschende Bild von Migranten. Attia führt Interviews mit Aktivistinnen, Philosophen und Kulturschaffenden – alle mit Migrationshintergrund, die über eigene Erfahrungen mit Gewalt und über ihre Sicht auf den Vorfall berichten. Der eigentliche Vorfall wird nur ganz kurz in unscharfen Bildern einer Überwachungskamera eingeblendet. Er lässt diese Stimmen, die im öffentlichen Diskurs wenig Gehör finden, ausführlich zu Wort kommen und zeichnet so ein alternatives Bild des Geschehens.
In einer anderen Videoarbeit dokumentiert Attia in voller Länge eine Diskussion zur Gelbwesten-Bewegung zwischen den Intellektuellen Toni Negri, Etienne Balibar und dem Aktivisten Omar Slaouti sowie dem Publikum innerhalb der von Attia 2017 initiierten und selbstorganisierten Plattform La Colonie, die in einem Pariser Migrantenquartier gelegen, ein Netzwerk und Treffpunkt für Austausch bildete. Der Diskussion stellt er auf einer Pinnwand Fotos von Demonstranten gegenüber, die in den letzten Monaten von Polizeigewalt verletzt wurden. Beide Arbeiten zeigen die Aktualität, die das Schaffen Attias prägt. Die Unmittelbarkeit der Gegenwartsanalyse und ihre teils uneditierte Dokumentation steht so auch im Kontrast zu Arbeiten, die stärker künstlerisch verarbeitete Mittel wählen. Der Künstler schlüpft hier in die Rolle des Aktivisten und stellt sich nicht nur innerhalb seines Werks, sondern im öffentlichen Diskurs seiner gesellschaftlichen Verantwortung.

Dialogische Heilungsprozesse
Die zentrale und eigens für die Ausstellung im Kunsthaus entstandene Arbeit ‹Les Entrelacs de l’Object›, 2020, beschäftigt sich erneut mit dem Konzept der Reparatur. In der Videoinstallation diskutieren Historikerinnen, Philosophen, Aktivistinnen, Psychoanalytiker und Ökonomen die Frage der Restitution von Kulturgütern. Die Bildprojektion fällt durch den Raum auf 22 afrikanische Objekte, teils 3D-Drucke und teils Holzkopien von afrikanischen Artefakten aus dem Musée du Quai Branly in Paris, die ihre Schatten in die Projektion werfen. So macht Attia sichtbar, wie die Geschichte ihre Schatten auf die Gegenwart wirft. Kann die Rückgabe der Artefakte zur Heilung der historischen Verletzungen der Kolonialzeit beitragen? In den Statements zeigen sich vielschichtige Schlaglichter einer Geschichte der kulturellen Ausbeutung, etwa das Unverständnis der Europäer für die kulturell-rituelle Herkunft der geraubten Objekte, ihren Bedeutungsverlust nach der Entwendung aus dem ursprünglichen Kontext, ihre aktuelle Diaspora-Existenz ohne kulturelle Identität und die Schwierigkeiten bei der Rückführung nach Afrika. Zur Sprache kommen zwei Mitverfasser*innen des Berichts zur Restitution afrikanischen Kulturerbes, den Emmanuel Macron 2018 mit dem Ziel der Rückgabe aller in Frankreich gelagerten Artefakte in Auftrag gab. Attia kontrastiert die Standpunkte der Protagonisten wertfrei, zeigt damit eine differenzierte Auseinandersetzung und überlässt die Urteilsbildung dem Publikum.
In einem Künstlergespräch im Hood Museum of Art, Dartmouth College, Hanover/USA geht er jedoch etwas weiter und stellt fest, dass eine Restitution nicht immer angestrebt sein muss, dass vielmehr der Dialog zwischen den westlichen Museen und den Herkunftsorten den Ausschlag gibt, ob eine Dekolonisierung gelingen kann oder nicht. Die Erinnerungsarbeit besteht gemäss Attia darin, durch dialogische Vielstimmigkeit Brücken zu bauen, um zukünftig gerechtere Beziehungen zu ermöglichen. Das Unrecht der Vergangenheit jedoch kann durch die Restitution nicht wiedergutgemacht werden. Attia macht sich inhaltlich und formal immer wieder stark für eine verwobene, hybride Kultur, die durch gegenseitige Aneignung wächst und sich weiterentwickelt trotz der Verletzungen.

Leben mit dem Schmerz
Kader Attia plädiert für ein Leben mit dem postkolonialen Schmerz. Anders als in westlichen Gesellschaften sind verheilte Verletzungen in vielen afrikanischen Kulturen positiv konnotiert. Narben dienen hier auch als Körperschmuck und werden absichtsvoll gestaltet. Sie markieren Zugehörigkeit und Identität. In der westlichen Wahrnehmung hingegen, so Attia, folgt jede Heilung und jede Reparatur dem Ideal der Perfektion, wobei die spurlose Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes angestrebt und damit in gewisser Wiese auch Geschichte negiert wird. Auch wenn Attia die Schieflagen immer mit aller Deutlichkeit, teils auch mit Brutalität aufzeigt, hält er als Abschluss der Ausstellung ein versöhnliches Bild bereit: In einer Installation sind zerbrochene, mit rotem Epoxidharz reparierte Keramikschalen, die er in Nordafrika fand, auf Metallstelen zu sehen. Die Narben sind Teil des Reizes der Objekte. In der Spiegelarbeit gleich daneben, deren Bruch von Klammern zusammengehalten wird, stehen wir unserem eigenen Spiegelbild gegenüber und sind aufgefordert, uns nach unserem eigenen Standpunkt zu fragen.

Sabine Rusterholz Petko, Kunsthistorikerin, freie Kuratorin, lebt in Zürich. sabine.rusterholz@gmail.com

→ ‹Kader Attia – Remembering the Future›, Kunsthaus Zürich, bis 15.11.; Symposium ‹Die post­koloniale Schweiz›, 1.11., 14 Uhr ↗ www.kunsthaus.ch
→ ‹Accident as Repair: Kader Attia – Artist Lecture and Discussion›, online: 
www.youtube.com/watch?v=-ybUeLyNb3o, 9.2.2018

Jusqu'à 
15.11.2020

Kader Attia (*1970, Dugny), lebt in Berlin und Paris
1998 École Nationale Supérieure des Arts Décoratifs, Paris
1994 Escola Massana, Centre d’Art i Disseny, Barcelona
1993 École Supérieure des Arts Appliqués Duperré, Paris

Einzelausstellungen (Auswahl)
2018 ‹Video Room: Kader Attia›, Museu de Arte de São Paulo, São Paulo; ‹Kader Attia. Scars Remind Us that Our Past is Real›, Fundació Joan Miró, Barcelona; ‹Kader Attia et Jean-Jacques Lebel. L’un et l’autre›, Palais de Tokyo, Paris; ‹Kader Attia. Reason’s Oxymorons›, Hood Museum of Art, Hanover
2016 ‹Prix Marcel Duchamp›, Centre Georges Pompidou, Paris; ‹Sacrifice and Harmony›, Museum für Moderne Kunst, Frankfurt
2015 ‹The Injuries are here›, Musée cantonal des Beaux-Arts de Lausanne, Lausanne

Grossprojekte, Biennalen (Auswahl)
2018 Manifesta 12, Forcellade Seta, Palermo
2017 ‹Viva Arte Viva›, 57. Biennale Venedig, Venedig
2016 Dak’Art 2016, 12. Dakar Biennale, Dakar; 6. Marrakesch Biennale, Marrakesch
2014 Dak’Art 2014, 11. Dakar Biennale, Dakar; 5. Marrakesch Biennale, Marrakesch
2012 Documenta (13), Fridericianum, Kassel

expositions/newsticker Datetrier par ordre croissant Type Ville Pays
Kader Attia 21.08.2020 - 15.11.2020 exposition Zürich
Schweiz
CH

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