Dorothea Lange — Pionierin der Dokumentarfotografie

Dorothea Lange · Migrant Mother, Nipomo, California, 1936, Pigmentdruck nach Originalnegativ, 31 x 40 cm, Courtesy Collection of the Oakland Museum of California, Dorothea Lange Memorial Fund and the National Endowment for the Arts

Dorothea Lange · Migrant Mother, Nipomo, California, 1936, Pigmentdruck nach Originalnegativ, 31 x 40 cm, Courtesy Collection of the Oakland Museum of California, Dorothea Lange Memorial Fund and the National Endowment for the Arts

Dorothea Lange · Crossroads General Store, North Carolina, 1939, Pigmentdruck nach Originalnegativ, 119 x 164 cm, Courtesy The Dorothea Lange Collection, the Oakland Museum of California, City of Oakland, Schenkung Paul S. Taylor

Dorothea Lange · Crossroads General Store, North Carolina, 1939, Pigmentdruck nach Originalnegativ, 119 x 164 cm, Courtesy The Dorothea Lange Collection, the Oakland Museum of California, City of Oakland, Schenkung Paul S. Taylor

Besprechung

Die amerikanische Fotografin Dorothea Lange wurde weltberühmt mit dem Porträt einer jungen Farmerin, die sie zur Zeit der Grossen Depression in den USA ablichtete. Dass die Bild­ikone ‹Migrant Mother› in einer unbekannten Version gezeigt wird, und dies ausgerechnet in Brugg, ist ein Glücksfall.

Dorothea Lange — Pionierin der Dokumentarfotografie

Brugg — Der Zufall will es, dass Paul Taylor, Musiker und Enkel der grossartigen Foto­pionierin aus Kalifornien, nicht nur in Brugg lebt (der Liebe wegen), sondern dass er die Galeristin des Zimmermannhauses Andrea Gsell ansprach, als diese letztes Jahr vor seinem Haus in der Altstadt ein Kunstprojekt im öffentlichen Raum realisierte. Er hätte da noch einige Originalabzüge seiner Grandma, ob man die nicht einmal zeigen wolle. Nun ist im Zimmermannhaus die berühmte ‹Migrant Mother› in einer fast unbekannten Version zu sehen. Denn dass die junge Frau – Tochter einer Cherokee-­Familie – auf sieben verschiedenen Negativen zu sehen ist, wissen die wenigsten: Hier sitzt sie mit einem Baby im Arm auf einem Kistchen, zwei kleine Mädchen stehen neben ihr und ein Teenager fläzt sich vorne im Bild auf einem abgewrackten Schaukelstuhl. Ein zeltartiges Gehäuse, notdürftig zusammengeschustert aus Tüchern, Schnüren und Ästen, eine leere Essschale und zwei Koffer verweisen auf die prekäre Lebenssituation der Familie. Es ist die Zeit der Great Depression und Dorothea Lange (1895–1965) dokumentiert im Auftrag der Farm Security Administration (FSA) und für Präsident Roosevelts Unterstützungsprogramm die Lebensumstände der verarmten Landbevölkerung in den USA. Sie dokumentiert nicht nur das Elend der weissen Bevölkerung, sondern lichtet auch schwarze Arbeitslose ab, die auf der Veranda eines Drugstores sitzen, wo den Armen Geld ausgeliehen und ihre Ware verpfändet wird.
Als Meisterin beweist sie sich auch in dem Porträt ‹Ex-Slave with a long ­memory›. Die mit Kopftuch und Schürze bekleidete Frau strahlt Stolz und Würde aus – ein Bild von stupender Schönheit, frei von Sozialkitsch. Die 25 in thematische Gruppen geordneten Bilder (davon mehr als die Hälfte Originalabzüge) repräsentieren alles, was die Fotopionierin aus San Francisco umtrieb: Migration, Armut, Kinderarbeit, Rassendiskriminierung, Umweltkatastrophen (Dust Bowl) und Arbeitslosigkeit. Die 25 Originalprints aus dem Familienalbum des Enkels, seine über QR-Code vermittelten Erinnerungen an die Grossmutter und die von der Klangkünstlerin Lilian Beidler vertonten Naturaufnahmen bilden eine tolle Ergänzung. So richtig ans Herz geht ­indes immer noch das Bild der jungen Mutter, das in seiner ikonischen Version einen Preis von rund USD 250’000 erzielte. Die porträtierte Frau profitierte nie von diesem Erfolg. Sie starb 1983 und hinterliess 10 Kinder, 39 Enkel und 74 Urenkel. Dorothea Lange starb ein Jahr vor ihrer grossen Retrospektive im MoMA. 

Jusqu'à 
03.10.2021

→ ‹Dorothea Lange & Lilian Beidler – Wellenlänge›, Zimmermannhaus und Kabinett c/o Paul Taylor, ­Galerie Falkengasse 6, Brugg, Klanginstallation in der Altstadt, bis 3.10. ↗ www.zimmermannhaus.ch

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