Expressionismus Schweiz — Endlich wild und modern

Otto Morach · Asphaltarbeiter, um 1916, Öl auf Leinwand, 114,5 x 86 cm, Kunst Museum Winterthur (ausgestellt ist eine leicht andere Fassung aus dem Kunstmuseum Solothurn). Foto: SIK-ISEA

Otto Morach · Asphaltarbeiter, um 1916, Öl auf Leinwand, 114,5 x 86 cm, Kunst Museum Winterthur (ausgestellt ist eine leicht andere Fassung aus dem Kunstmuseum Solothurn). Foto: SIK-ISEA

Besprechung

Die Avantgarde hat das Sagen, befreit von Konventionen, auf der Suche nach einer neuen Formensprache: ‹Expressionismus Schweiz› zeigt sie mit Werken von 1903 bis 1933 in ihrer ­ganzen Spannbreite, unter Einbezug der Romandie und des Tessins. Eine Entdeckungstour mit gut gesetzten Akzenten.

Expressionismus Schweiz — Endlich wild und modern

Winterthur — Wenn man aus diesem farbigen, expressiven Kosmos wieder auftaucht, glaubt man, mindestens zweihundert Werke gesehen zu haben. Dabei sind es etwa 120, zahlreiche grafische Blätter und wenige Holzskulpturen eingerechnet. Woran das liegt? Gewiss an der Vielfalt, der grossen Strahlkraft, dem dynamischen Leuchten, den noch immer «schmetternden Farbklängen», in denen so viel Aufbruch und Gegenwart mitklingt – an den Überraschungen, dem vielen noch kaum so Gesehenen.
Da stapft einer dunkelglühend durch die noch glühendere Landschaft des Mendrisiotto, die bemalte Leinwand unter dem Arm, ein ebenso leidenschaftlicher wie gequälter und sensibler Geist: ‹Der Maler› von Hermann Scherer. Scherer, der früh verstorbene Mitbegründer der unter dem Eindruck von Kirchner ins Leben gerufenen Gruppe Rot-Blau, hat mit drei Gemälden und drei Skulpturen – die das ganze dritte Obergeschoss mit Spannung aufladen – einen starken Auftritt in dieser Schau.
Mehr als vierzig Künstler, darunter vier Künstlerinnen, finden in der von Andrea Lutz und David Schmidhauser kuratierten Ausstellung zusammen. Ob grosse oder nicht so grosse Namen, Mitglieder von Gruppen wie Rot-Blau, Der Moderne Bund, Orsa Maggiore, Le Falot oder eher oft schwerblütige Einzelkämpfer: Alle kommen zur Geltung – von der Ältesten, der mit fünf traumhaften Seelenlandschaften vertretenen Marianne von Werefkin, bis zum zwei Generationen jüngeren Max Sulzbachner, von dem ein einziges, wildes Gemälde (Raskolnikow vor dem Mord an der Pfandleiherin) gezeigt wird. Und alle Werke müssten einzeln aufgeführt werden, denn es ist das Verdienst dieser Schau, dass jedes ebenso für sich wie in seiner Beispielhaftigkeit spricht und Beleg ist für den Stilpluralismus der Zeit – der französische Einfluss mit Kubismus und Fauvismus auf der einen, deutscher Expressionismus auf der anderen Seite. Nicht selten kommen beide Seiten zusammen, bei Otto Morach etwa, der mit für Schweizer Verhältnisse ungewohnt explosiven Gemälden präsent ist. Unter die Haut gehen auch all die Leidenden, denen Eduard Gubler, Ignaz Epper oder der Spätexpressionist Johannes Robert Schürch Ausdruck verleihen. Bewegung, inhaltlich wie formal ein Hauptmerkmal des Expressionismus, bietet ‹Expressionismus Schweiz› überall: in Alice Baillys ‹Dans la chapelle›, Giovanni Giacomettis Äpfeln auf dem Tischtuch, der ‹Gasse in Ascona› der völlig unbekannten Rita Janett und natürlich in Kirchners grandiosen Davoser Landschaften, die, so Kirchner selbst, «mit Blut und Nerven geschaffen sind (…), unmittelbar und suggestiv». 

Jusqu'à 
16.01.2022

→ ‹Expressionismus Schweiz›, Reinhart am Stadtgarten, bis 16.1.; mit spannendem Katalog ↗ kmw.ch

Publicité