Kunsthochschulen — Kunst- und Bildungszentrum im Wallis

Claire Frachebourg · Un lieu-dit, 2021, Bachelor-Arbeit, Courtesy EDHEA. Fotos: Laura Morier-Genoud

Claire Frachebourg · Un lieu-dit, 2021, Bachelor-Arbeit, Courtesy EDHEA. Fotos: Laura Morier-Genoud

Céline Masson · I Wonna Live For Ever, 2021, Master-Arbeit, Courtesy EDHEA 

Céline Masson · I Wonna Live For Ever, 2021, Master-Arbeit, Courtesy EDHEA 

Victor Schwab · Pièce jaune, 2021, Bachelor-Arbeit, Courtesy EDHEA

Victor Schwab · Pièce jaune, 2021, Bachelor-Arbeit, Courtesy EDHEA

Fokus

Die Schweizer Hochschullandschaft ist vielfältig. Föderale Finanzierungsmodelle erlauben eigenwillige Antworten auf den vier­fachen Auftrag zu Lehre, Forschung, Dienstleistung und Weiterbildung. Der Ruf ist über die Schweiz hinaus gut. Wie sieht es aus der Nähe aus? Jeweils zu Semesterbeginn geht Kunstbulletin der Schweizer Kunstausbildung auf den Grund.

Kunsthochschulen — Kunst- und Bildungszentrum im Wallis

Wer ein Kunststudium in der Westschweiz anstrebt, denkt an Genf oder Lausanne. Orte, die von Frankreich aus für Exzellenz und aktive Kunstbetriebs-Integration, für hohe Lebenshaltungskosten und rigide Selektion stehen. Wer etwas länger im Zug sitzen bleibt, erreicht Siders (Sierre). Den Genfersee im Rücken, trifft er auf eine kleine Hochschule im Aufbruch. Hier an der École de design et haute école d’art du Valais EDHEA soll diese Serie zu den Kunsthochschulen beginnen, die Fragen stellt wie: Welche Stimmung beherrscht den Studienalltag? Wird eigenverantwortlich experimentiert? Werden alternative Formen des Lehrens mit den Studierenden gemeinsam erkundet? Wie werden Produktion, Vermarktung, Finanzierung vermittelt? Ist Andersdenken und -handeln möglich, auch gegen die Institution selbst?

Gemeinsinn in Randlage
In atemberaubendes Bergpanorama eingebettet wie ins lokale kulturelle Leben, studieren an der EDHEA 234 junge Menschen bei 65 Lehrenden. Die ruhige, 72-jährige Schule in Randlage zum Kunstbetrieb ermöglicht konzentriertes Studium in ländlicher Gelassenheit. Mancher findet das lahm, die meisten loben das familiäre Ambiente. Eine aktive Rolle der Lernenden in der Lehrgestaltung ist in grossen Westschweizer Institutionen unüblich – die ECAL hat nicht einmal eine Studierendenvertretung. In der EDHEA erlaubt Nähe Gemeinsinn, Solidarität, Partizipation. Mit Erfolg: Die Anzahl Kandidaturen hat sich verdoppelt, der für Kunst gesetzte Deckel von 82 Studierenden ist erreicht. Dieser Deckel fehlt im Design. Da die EDHEA als einzige Schule im Wallis nur Kunst bis zum Master anbietet, bremst dies ihr Wachstum.
Rund sechzig Diplomierte, während der Pandemie von den Lehrenden einfallsreich unterstützt, zeigten ihre qualitativ hochstehenden Arbeiten vergangenen Juni in den Usego-Hallen vor rund 350 Besucherinnen und Besuchern. Das 1700 Quadratmeter grosse ehemalige Verteilzentrum ergänzt als ungeheizter Präsentations- und Arbeitsraum das Haupthaus, wo mit viel Herzblut Projekte realisiert worden sind.In ihrem Master-Video ‹I Wonna Live For Ever› zeigt sich Céline Masson tanzend in Untersicht. Operationsnarben und Alter unterlaufen die vom Videobild geschürten Schönheitserwartungen: eine tapfere ästhetische Zumutung. Solch engagierte plastische Sensibilität mit persönlicher, bisweilen anrührender Note in der Hinwendung auf die Welt, in der wir leben, prägt die meisten Arbeiten. Beeindruckend, wie Coline Ladetto in einem Kellerraum auf einem Stuhl sitzt, atmend. Die ‹Apnée› ihrer mit dem städtischen Bachelor-Preis ausgezeichneten Performance evoziert so einfach wie ergreifend aktuelle Atemnöte. Diese übersetzt Miriro Mwandiambira mit ‹Je pensais que ça irait mieux …› in Erinnerungsarbeit zwischen Kultur, Familie, Gesellschaft. Für ihre performative Rauminstallation erhielt sie den Preis der BEA-Stiftung.

Schwung im Tal
Seit mit Jean-Paul Felley im Juni 2018 ein Walliser die Direktion übernahm, kommt Schwung ins Tal. Den ehemaligen Co-Direktor des Centre culturel suisse in Paris und des Genfer Kunstzentrums Attitudes zeichnen grosse Kenntnis des aktuellen Kunstgeschehens und die Nähe zu Kunstschaffenden aus. Sein Credo: «Künstler oder Künstlerin, das ist kein Beruf, das ist keine Karriere – das ist ein Leben. Darauf bereiten wir vor, dafür stehen wir durch horizontale Durchmischung von Lehre und Forschung, Öffnung des Kunstfeldes und Einsatz für alle, die diese Schule verlassen.» Förderer grenzüberschreitender Praktiken, lancierte Felley für kommendes Jahr den neuen Schwerpunkt «Sound», kreuzt bildkünstlerische und klangliche Praxis. Mit gutem Grund: Besonders die Sound-Performances der Bachelor-Diplomandinnen Claire Frachebourg und Diana Martin, mit der seit einigen Jahren aktiven ‹Unité Son› erarbeitet, wurden jeweils mit Preisen und Residenzen überhäuft. Im September findet ein hochkarätiges Kolloquium zu Sound-Kunst in Fussdistanz zur Schule im Theater TLH statt. Es ist einer der regelmässigen Partner für studentische Projekte, zeigt unter anderem von Studierenden entwickelte Plakatentwürfe und ermöglicht die von der EDHEA sehr geförderte Transversalität künstlerischer Disziplinen.

Gravitationszentrum für Kunst
Das ist das Besondere der EDHEA: Sie ist nicht nur Lehranstalt, sondern regionales Bildungszentrum für Kunst. Das belegen die vielen privaten Förderer. Dennoch hat es die Schule nicht leicht. Jean-Paul Felley nimmt auch bei der festlichen Diplomverleihung kein Blatt vor den Mund, kritisiert die durch den Kunstdeckel erzeugten Asymmetrien und Konkurrenz unter den in der HES·SO zusammengefassten Kunstschulen. «Das Grossunternehmen gibt uns Kraft und politisches Gewicht, aber wenn bei gleichen Startbedingungen manche Boote schneller fahren als andere», erklärt der passionierte Segler, «dann sollte die Chancengleichheit überprüft werden.» Felleys Ambition: die EDHEA auf Augenhöhe der «Grossen» zu bringen, und zwar komplementär, unter Beibehaltung der spezifischen Rolle als Kunstpol im Tal. Dafür soll die derzeit auf drei Gebäude verteilte Schule bis 2025 in einem neuen Haus zusammengeführt werden: 9000 Quadratmeter, öffentliche Bibliothek, Ausstellungsraum, Autorenkino. Geschätzte Kosten: CHF 35 Millionen – eine Herausforderung!

Ein solider, gleichwohl poröser Schutzraum
Die Schule setzt nicht auf Ausbildung zu Erfolg und Endprodukten. Vielmehr fördert sie eine verantwortliche, engagierte und kritische Position der Diplomierten in der Gesellschaft – als Künstlerinnen und Künstler mit singulärer Formensprache. Eine solche ergebnisoffene Pädagogik steht im Konflikt mit einem Exzellenz- und Auswahlsystem, das Erfolg an Verkaufszahlen misst, und einem Hochschulkanon, der um Geltung im Kunstbetrieb konkurriert. Um eigenständige Kunstschaffende heranzubilden, die Kunst und Welt umgestalten, braucht es einen soliden, gleichwohl porösen Schutzraum. Dies scheint an der EDHEA verstanden worden zu sein. Das Grundparadox, institutionell zu rahmen, was diesen Rahmen sprengen soll, ist vornehmste Aufgabe der Kunstlehre. Künftige Kunst wird auch in Siders nicht gemacht. Ihr wird der Boden bereitet.

J. Emil Sennewald arbeitet als Kritiker in Paris und unterrichtet Philosophie an der ÉSACM, Clermont-­Ferrand, sowie der F+F Schule für Kunst und Design, Zürich. emil@weiswald.com
→ École de design et haute école d’art du Valais, EDHEA; Veranstaltungen s. Website ↗ www.edhea.ch

«Das Beste meiner drei Jahre Ausbildung zur Kunst in Siders? Dass ich Worte finde, um zu benennen, was ich mache, dass ich es sehe und artikuliere, dadurch weiterentwickle.» Noémie Tagan, Bachelor of Arts
«Ich schätze sehr die Offenheit und den anderen Blick auf die Kunst, den diese Schule bietet. Ich hoffe, sie bleibt auch in Zukunft eine widerständige Kraft im globalisierten Kunstbetrieb.» Céline Masson, Master of Arts

«Letztes Jahr konnten wir keinen normalen Diplomabschluss machen. Wir haben uns zusammengetan, nach dem Konsensprinzip ein Symposium organisiert.
Alle trugen das mit, trotz vieler Debatten. Das war sehr anstrengend, aber unglaublich lehrreich.» Caterina Giansiracusa, Master MAPS 2020, Residenzaufenthalt in Australien
dank der ­OPALE-Stiftung

«Dass alles komplizierter geworden ist, liegt nicht an Jean-Paul Felley, der übrigens viel in die Ateliers investiert – vielmehr erzeugt die Einbindung einer leichten, reaktiven Struktur in die grosse, zentralisierte Verwaltung der HES·SO auf fatale Weise schwergängige, wenig spontane Abläufe.» Marcel Bétrisey, Verantwortlicher für Sound-Labor und Prototypen

EDHEA Ausbildungsangebote
Berufsausbildung: Lehre in Grafikdesign für Jugendliche (CFC/MP) / Fachabitur Grafikdesign
Vorbereitung: Propädeutikum in Kunst und Design / Fachabitur bildende Künste (MSAV)
Hochschulstudium: Bachelor bildende Künste / Schwerpunktausrichtung Sound / MAPS – Master of Arts in Public Spheres (ein auf Beweglichkeit fussender Master) / PhD der Kunst durch das Forschungs-Institut en Arts Visuels (IRAV)

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