Lena Maria Thüring — In fliessenden Bewegungen zurück ins Meer

Liquid Connections, 2021, Videostill

Liquid Connections, 2021, Videostill

Liquid Connections, Part II: Water, Other, 2021, Ausstellungsansicht Coalmine, Winterthur. Foto: Rosa Wolf

Liquid Connections, Part II: Water, Other, 2021, Ausstellungsansicht Coalmine, Winterthur. Foto: Rosa Wolf

Foto: Rosa Wolf

Foto: Rosa Wolf

Fokus

In ihrem neuen, vielschichtigen Ausstellungs- und Filmprojekt fokussiert Lena Maria Thüring auf die wechselseitigen Beziehungen zwischen dem menschlichen Körper und dem Element Wasser. Über spekulative und reale Erzählweisen nähert sich die Künstlerin dem Ursprung des Seins und befasst sich mit der ­Gefährdung durch den Klimawandel.

Lena Maria Thüring — In fliessenden Bewegungen zurück ins Meer

In Lena Maria Thürings Werk stehen gesellschaftliche Themen im Vordergrund. Sie reflektiert in ihren Arbeiten sozialpolitische Aspekte, familiäre Strukturen sowie Geschlechterrollen. Bereits in den eindringlichen Videoarbeiten ‹Der grosse Bruder, der Bruder, die Schwester, die kleine Schwester›, 2009, und ‹How to decide what to do with your life›, 2016, sucht sie nach Formen, um kollektive und persönliche Erinnerungen zu artikulieren und Tabus des Schweigens zu brechen.
Lena Maria Thüring schloss 2007 ein Studium der Fotografie und 2014 einen Master of Arts in Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste ab. Seitdem arbeitet die Künstlerin, die jüngst im Centre culturel suisse in Paris ausstellte, multimedial. Im Jahr 2020 hat sie zusammen mit der Kuratorin Alice Wilke die Produktionsfirma Rosa Wolf gegründet. Unter diesem Label entwickelt das Team Konzepte, organisiert, produziert und vermittelt neue Kunst- und Ausstellungsprojekte. Im Fokus des aktuellen multimedialen Projekts ‹Liquid Connections› steht ein Film, der im Raum des Kulturvereins filter4 in Basel gedreht wurde. In der Coalmine in Winterthur und im Ausstellungsraum Klingental wird nun das dazugehörige installative Setting mit Performances gezeigt. Ergänzend zum Film entstanden eine Tonarbeit und mehrere Objekte aus Metall, Keramik und Stoff, die sowohl als eigenständige Skulpturen wie auch als Bühnenausstattung und Kostüme erscheinen. Zentrales Thema der neusten raumfüllenden Arbeit ist das Element Wasser.
Die Wasserproblematik wird seit einigen Jahren im Kontext der Klimadebatte vermehrt diskutiert. Bereits für das Kunst-am-Bau-Projekt ‹Water Connections›, 2016–2018, in der Schweizer Botschaft in Seoul hat Thüring eine installative Arbeit im ­Innenhof realisiert, die das Thema Wasser und seine historische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung aufgreift. Mit einer schematischen Darstellung des südkoreanischen Flusses Han in der Gestalt von Regenrinnen auf dem Boden machte sie auf die Wasserengpässe und die Regenwassernutzung in Korea aufmerksam.

Körper aus Wasser
Ökologie fragt bekanntlich nach den Beziehungen zwischen Lebewesen und ihrer natür­lichen Umwelt. Zu diesem Themenkomplex gehören auch die Forschungen zum evo­lutionären Ursprung des Lebens, der gemäss einer These im Ur-Ozean, also in verschiedenen Ozeanen der frühen Erdgeschichte, anzusiedeln sei. Im Sinne der Naturwissenschaftlerin und Historikerin Donna Haraway untersucht die Künstlerin zudem, welche Geschichten Welten erschaffen und wie die Welt Geschichten hervorbringen kann. Thüring versteht ihr Projekt als spekulative Narration und verhandelt darin die Möglichkeit, dass wir dem Meer entstammen und angesichts des steigenden Meeresspiegels wieder ins Meer zurückkehren. Der begehbare unterirdische Raum des filter4, einer ehemalige Wasserspeicheranlage auf dem Bruderholz in Basel, die Haushalte mit Trinkwasser versorgte, bildete im Juni 2021 die passende Kulisse als Auftakt für diese Vision. Die Besuchenden tauchten in dieses Unterwasserset ein und begegneten auf sandigem Boden skurrilen weiss-rot gefurchten Keramikobjekten in unterschiedlichsten Formen, die sogenannten Vasenschwämmen in der Tiefe des Pazifiks ähnelten. Diese tonnenförmigen Schwämme sind zweigeschlechtige Organismen und dienen vielen Meerestieren als Siedlungsräume. Daneben lagen Metallelemente, die an gesunkene Schiffswracks und an Zivilisationsrelikte erinnern. Das dunkle Ambiente und der herzähnlich pulsierende Sound liessen einen in eine andere Realität eintauchen und die Verbindung zu anderen Wasserlebewesen suchen.
Die Publikation ‹Bodies of Water› der Kulturwissenschaftlerin Astrida Neimanis, die das Wasser als verbindendes Element zwischen Mensch und Natur beschreibt, sei für den Film, die Tonarbeit und für die Performance in der Coalmine ein wichtiger Ausgangspunkt, betont Thüring. Unser Körper besteht wie derjenige von anderen Lebewesen mehrheitlich aus Wasser, was den Menschen mit seiner natürlichen Umgebung verbindet. Richten wir den Blick weniger auf uns selbst und mehr auf all die Organismen, die zu Land, aber auch im Wasser leben, fällt die Diversität von Formen und Geschlechtszuschreibungen auf, die im Meer vorkommen. Die inszenierte Unterseelandschaft in der Coalmine ähnelt jener des filter4. Sie wird durch hängende Ketten, Meeresobjekte und organisch wirkende oder korallenartige Gebilde bevölkert. Der Ausstellungsraum wird mit scheinbar blauem Tages­licht durchflutet und das Geschehen im Aussenraum wirft Schatten. So wird die Aus­senwelt im Innenraum zum Bild. Mehrmals während der Laufzeit der Ausstellung wird die Unterwasserlandschaft durch Zainab Lascandri und Lucia Gugerli als verschleierte Performerinnen aktiviert. Dabei bewegt sich die Tänzerin Gugerli wie eine Alge oder eine andere Wasserkreatur fort. Währenddessen stimmt Lascandri einen Sprechgesang an, der auf wissenschaftlichen und literarischen Zitaten basiert, verbunden mit Fragmenten aus Popsongs.

Liquid Connections
Die Stimme der Performerin lullt uns ein mit «The end and the beginning, and then the end again. And then the beginning. Both wet, so wet». Weiter skandiert sie: «We are bodies of water. Circulating: matter, mother, water. We are sea: sands corals, seaweeds, swimmers, children, waves. Matter, other, water, matrix, the sea.» Plötzlich befindet man sich in einer Sprachverflechtung zwischen den wissenschaftlichen Theorien Donna Haraways und Ella Fitzgeralds Jazzgesängen. Dabei verliert die Sprache die wörtliche Bedeutung und nimmt den Rhythmus von hin und her schwappenden Wellen auf: «So cry me a river, tears becoming a body of water, sea levels are rising, get wet, I’m arousing.» Und das Lied ‹Dance Me to the End of Love› von Leonard Cohen könnte uns vielleicht auf eine hoffnungsvolle Rückführung einstimmen, in die Zeit, als die Welt noch ein Ozean war.
Gemeinsamer Nenner der Songs bildet die Prämisse, dass das Fliessen von Wasser für unsere Körperlichkeit existenziell ist und dass es Zeit ist, den anthropozentrischen Blick für ein breiteres Verständnis der Schöpfung aufzugeben. Um den drohenden Auswirkungen der Klimakrise wirksam entgegenzutreten, braucht es poli­tische Lösungen und Aktivismus. Damit stellt sich die Frage, was das Kunstwerk ‹Liquid Connections› zu einem nachhaltigen Diskurs beitragen kann. An die Anfänge der Menschheit zu erinnern und das Zusammenleben verschiedenster Lebewesen durch vielfältige Erzählweisen zu überdenken, lässt uns die Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Die kühne Vorstellung, etwas anderes zu sein als das, was wir heute sind, schafft neue Sichtweisen auf die Koexistenz von Menschen, Pflanzen und Tieren und auf die derzeitigen ökologischen Herausforderungen.

Ursula Meier, Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin. ursulamei@sunrise.ch

→ ‹Lena Maria Thüring – Liquid Connections, Part II: Water, Other›, Coalmine Winterthur, Ausstellung und Performance, bis 23.10. ↗ www.coalmine.ch
→ ‹Aggregates›, Ausstellungsraum Klingental, bis 24.10. ↗ www.ausstellungsraum.ch
→ ‹Lena Maria Thüring – Liquid Connections, Part III: Water, Other, Matter›, Galerie Philipp Zollinger, 20.11.–22.1. ↗ www.philippzollinger.com
→ ‹Lena Maria Thüring – Liquid Connections, Part IV: Water, Other, Matter, Matrix›, Progr, Bern, 14.1.–19.2. ↗ www.videokunst.ch

Jusqu'à 
23.10.2021

Lena Maria Thüring (*1981) lebt und arbeitet in Zürich und Basel

2007 Studienabschluss Fotografie, Zürcher Hochschule der Künste ZHdK
2014 Master of Arts in Fine Arts, Zürcher Hochschule der Künste ZHdK
2014 bis 2017 Jurymitglied Fachausschuss für Film und Medienkunst, BS / BL
seit 2014 Dozentin am Institut Kunst in Basel

Einzelausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Hanjin Palermo›, Centre culturel suisse, Paris
2018/19 ‹Arbeit als Liebe. Liebe als Arbeit›, (mit Brigitte Dätwyler), ZH-Reformation, Screening, Museum Haus Konstruktiv, Zürich
2016 ‹How to decide what to do with your life›, Kunstraum Le Foyer, Zürich
2015 ‹Fenster zur Gegenwart – Werke aus der Sammlung: Lena Maria Thüring›, Kunstmuseum / Progr, Bern; ‹Future Me›, Screening, Museum für Gegenwartskunst, Basel
2013 ‹Manor Kunstpreis›, Museum für Gegenwartskunst, Basel

expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Lena Maria Thüring – Liquid Connections, Part II: Water, Other 30.09.2021 - 23.10.2021 exposition Winterthur
Schweiz
CH
Aggregates 19.09.2021 - 24.10.2021 exposition Basel
Schweiz
CH
Auteur(s)
Ursula Meier
Artiste(s)
Lena Maria Thüring

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