Maurizio Cattelan

Maurizio Cattelan · Breath, 2021, Carrara-­Marmor, menschliche Figur: 40 x 78 x 131 cm, Hund: 30 x 65 x 40 cm, Courtesy Marian Goodman Gallery und Pirelli Hangar Bicocca, Mailand. Foto: Agostino Osio

Maurizio Cattelan · Breath, 2021, Carrara-­Marmor, menschliche Figur: 40 x 78 x 131 cm, Hund: 30 x 65 x 40 cm, Courtesy Marian Goodman Gallery und Pirelli Hangar Bicocca, Mailand. Foto: Agostino Osio

Maurizio Cattelan · Blind, 2021, Harz, Holz, Stahl, Aluminium, Polysteren, Farbe, 1695 x 1300 x 1195 cm, Courtesy Marian Goodman Gallery und Pirelli Hangar Bicocca, Mailand. Foto: Agostino Osio

Maurizio Cattelan · Blind, 2021, Harz, Holz, Stahl, Aluminium, Polysteren, Farbe, 1695 x 1300 x 1195 cm, Courtesy Marian Goodman Gallery und Pirelli Hangar Bicocca, Mailand. Foto: Agostino Osio

Hinweis

Maurizio Cattelan

Mailand — Wer es bisher noch nicht verstanden hat, bei dem wird jetzt die Münze fallen. Die Hasensprünge von Maurizio Cattelan nehmen das Kunstsystem und die menschliche Existenz auf die Schippe. Er provoziert, aber in Wirklichkeit sucht er weniger die Konfrontation als den Dialog. Der wohl international bekannteste italienische Künstler eckt an, deckt Widersprüche auf und regt zum Denken an: über Leben und Tod, über Politik und Gesellschaft. Er verschwindet und taucht wieder auf. Er geht in Pension und beschert uns dann doch wieder eine riesige In-situ-Installation. Die aktuelle Ausstellung im Hangar Bicocca in Mailand ist aufgebaut wie ein Dreiakter im Theater. In jedem der drei chronologisch aufgereihten Räume wird eine Arbeit inszeniert: ‹Breath›, ‹Ghosts› und ‹Blind›. Doch beginnen wir von vorn: denn auch wenn Cattelans Interventionen Konzeptkunst sind, haben sie – und die Inszenierung in der Bicocca speziell – eine starke sinnliche Ausstrahlung. Denn der paduanische Künstler denkt und spricht in Bildern. Beim Eintreten finden sich die Besuchenden in einem dunklen Raum wieder. Bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, können sie kaum etwas erkennen. Als Erstes fällt der Blick auf zwei hell beleuchtete weisse Marmorfiguren auf dem Boden: ‹Breath›. Ein in fötaler Stellung schlafender Mann mit kurzen Hosen und einer Wollmütze liegt vor einem schlafenden Hund in ähnlicher Stellung. Bei genauerem Hinsehen – das hatten wir doch schon! – entpuppen sich die Gesichtszüge als die des Künstlers selbst. Und das war’s nun? Erst allmählich erscheinen mit der Gewöhnung der Augen an die Dunkelheit kleine Figürchen im gigantischen zweiten Raum. Es handelt sich um Tausende von ausgestopften Tauben, die auf den Metallbalken der Industriehalle sorgfältig platziert worden sind. In Gruppen, allein, in unterschiedlichen Blickrichtungen. Wir kennen die Tauben Cattelans aus den Biennalen von 1997 und 2011, als sie noch ‹Turists› und ‹Others› hiessen. In ‹Ghosts› beobachten, ja kontrollieren uns die Vögel nun aus der Höhe. Sie sind Botschafter, Friedenssymbol und fliegende Ratten zugleich. Im hintersten, kubischen Raum ragt ein schwarzer Monolith ‹Blind› zur Decke auf: zuoberst verschmolzen mit einem Flugzeug aus demselben opaken Material, das ihn zu durchschiessen scheint. Cattelan ist todernst und hat seine zynische Ader überwunden: Er inszeniert die Katastrophen der letzten 20 Jahre von 9/11 zur Pandemie und wirft uns auf uns selbst zurück. Am Boden liegend, hoffentlich wirklich noch atmend! 

Jusqu'à 
20.02.2022

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