Mirko Baselgia — Die ökologische Verantwortung der Kunst

Tartaruga – The Canberra Times, 2021, Zeitungspapier auf CNS-Platte, 50,6 x 39,7 cm. Foto: Stefan Altenburger

Tartaruga – The Canberra Times, 2021, Zeitungspapier auf CNS-Platte, 50,6 x 39,7 cm. Foto: Stefan Altenburger

Bigger Landscape, 2021, Arvenholz (Pinus cembra) auf Holzplatte, 253 x 1570 cm, ø 500 cm. Foto: Stefan Altenburger

Bigger Landscape, 2021, Arvenholz (Pinus cembra) auf Holzplatte, 253 x 1570 cm, ø 500 cm. Foto: Stefan Altenburger

Bigger Fish, 2021, Aluminium auf Holzplatte, 260 x 390 cm. Foto: Stefan Altenburger

Bigger Fish, 2021, Aluminium auf Holzplatte, 260 x 390 cm. Foto: Stefan Altenburger

Tailored Skin, 2021, Kiefernstamm (Lantsch/Lenz), europäisches Nussbaumholz, Höhe 627 cm, ø 77–44 cm. Foto: Stefan Altenburger

Tailored Skin, 2021, Kiefernstamm (Lantsch/Lenz), europäisches Nussbaumholz, Höhe 627 cm, ø 77–44 cm. Foto: Stefan Altenburger

Foto: Jürg Zimmermann

Foto: Jürg Zimmermann

Fokus

Wieso in die Ferne schweifen, wenn doch alles da ist? Mirko ­Baselgia besinnt sich in seinen jüngsten Arbeiten auf Materialien seines persönlichen Perimeters – der Region Albula in Graubünden – ohne globale Zusammenhänge ausser Acht zu las­sen. Eine multisensorische Kostprobe davon zeigt seine Ausstellung im Kunst(Zeug)Haus in Rapperswil-Jona.

Mirko Baselgia — Die ökologische Verantwortung der Kunst

‹)in(out) till sundown› lautet der Titel der Schau im Kunst(Zeug)Haus. Mit dem raffinierten Spiel der Interpunktion und einer Referenz auf den Schriftsteller John Muir deutet Mirko Baselgia das fluide Verhältnis von Innen und Aussen an, das sich thematisch durch die ganze Ausstellung zieht. Zugleich nimmt er mit der Schreibweise Bezug auf die Institution, die ihn eingeladen hat.
Das Wechselverhältnis von Innen und Aussen wird künstlerisch sowie philosophisch thematisiert und anhand des Elements der Haut vielfältig durchgespielt – sei es diejenige von Menschen, Tieren oder Pflanzen. Als Membran ist die Haut sowohl abweisend wie auch durchlässig, gleichermassen schützend wie fragil. Für den von einer Hautkrankheit betroffenen Künstler ist sie ein wiederkehrendes Thema in seinem Œuvre. Die für die Ausstellung entstandenen Werke zeugen von Mirko Baselgias Rückbesinnung auf seine Wurzeln und zugleich von einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit dem Globalen. Die Werke regen dazu an, über den eigenen Platz in der Welt und die daraus resultierende Rolle im Ökosystem nachzudenken.

Lingua da l’universalità
Bilingual mit Romanisch und Deutsch aufgewachsen, ist dem Bündner Künstler die Sprache wichtig – auch, weil wir die Welt anhand von Sprache konstruieren. «Du kannst die gleichen Worte in zwei Sprachen sagen und doch ist es nicht der gleiche Satz», meint Baselgia und betont, dass seine Mehrsprachigkeit ihn für Nuancen sensibilisiert hat. Ob er Romanisch, Englisch oder Latein für die Titel seiner Werke nutzt – nicht selten entscheidet der Klang über die Wahl der Sprache. Wie die im November erscheinende Ausstellungspublikation in Englisch und Deutsch erahnen lässt, hat der Sprachgebrauch aber auch strategische Gründe. Auf Rumantsch wird im Katalog zugunsten einer sprachlichen Universalität und Zugänglichkeit verzichtet. Schade! Geht es doch gerade um Baselgias Identität. Daher meine Entscheidung für romanische Untertitel zu diesem Beitrag.

La relazium tanter uman e natüra
Die Beziehung zwischen Mensch und Natur ist ein wiederkehrendes Thema in Mirko Baselgias Schaffen. Die jüngsten Werke zeugen nun von einem erweiterten Bewusstsein hinsichtlich der Materialwahl, mit der er seine Kunstproduktion auf ihre ökologischen Implikationen hin befragt. Mit der Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln ging der Wunsch einher, lokales Material für seine Werke einzusetzen. Dieses ist natürlichen Ursprungs aus Bündner Wäldern oder ein recyclierter Werkstoff. In einer Wechselbeziehung mit der Natur zu arbeiten, ist für Baselgia zentral. Das Ökosystem soll als Nährboden für die Kunst behutsam genutzt, nicht ausgebeutet werden.

L’odur ed il sun forestal
Die Ausstellung im Kunst(Zeug)Haus zeigt, dass Mirko Baselgia nicht nur visuell arbeitet, sondern auch den Duft und den Klang des Waldes ins Museum bringt und damit verschiedene Sinne anspricht. Ein mit Holzschindeln ausgekleideter runder Raum, den man nur durch eine schmale Öffnung betreten kann, hüllt einen augenblicklich in einen wohltuenden, beruhigenden Arvendurft. ‹Bigger Landscape›, 2021, heisst dieses Werk, das von japanischen Zen-Gärten inspiriert wurde. Diese Trockengärten laden ein, das Hier und Jetzt bewusst wahrzunehmen. Die verschiedenen Formen der Schindeln versinnbildlichen Wasser, Wind, Vegetation, Erde, Sand und Stein. Die heimische Technik der Schindelverkleidung nutzt Baselgia auch in einer fortlaufenden Reihe von Reliefs, in der er auf die Thematik der Haut Bezug nimmt.
Wie Produktion, Lokalität und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen, zeigt die Gemäldeserie ‹Rascha›, 2021. Der romanische Werktitel nimmt vorweg, dass Baselgia hier mit Baumharz gemalt hat. Für die monochromen Gemälde hat er von der Weberei Tessanda Val Müstair handgewebten Leinenstoff bezogen, den er in seinem Atelier in Alavaschein auf Keilrahmen aus lokalen Hölzern aufzog. In der Videoarbeit ­‹Source›, 2021, sieht man, wie er und seine Mitarbeiterin im Wald Harz für die ‹Rascha›-Gemälde sowie zahlreiche andere Materialien sammeln, die für die ausgestellten Werke weiterverarbeitet wurden. Klänge des Waldes untermalen den zentralen Akt des Sammelns und lassen einen fast vergessen, dass man in einem Museum – und nicht im Wald – steht.

Studio Mirko Baselgia
Ein wichtiger Aspekt seiner Kunstproduktion, so betont Baselgia, sei die Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteurinnen und Akteuren: Die Mitarbeitenden des Studios Mirko Baselgia, die bereits erwähnte Handweberei Tessanda Val Müstair, das Restaurant Oz von Andreas Caminada für den Begrüssungstee ‹Tea for You›, 2021, Schulklassen aus Rapperswil-Jona, welche die Eintrittskarten ‹Ticket for You›, 2021, aus recyceltem Material mitgestaltet haben, und Menschen von überallher, die dem Aufruf gefolgt sind, Aluminiumdeckel – zum Beispiel von Joghurts – einzusenden. Aus diesem Leichtmetall entsteht während der Ausstellung das Werk ‹Bigger Fish›, 2021, das wie ein Geflecht aus lichtreflektierenden Fischschuppen die Robinson-Bibliothek des Museums umhüllt. Durch das Material regt das Werk an, über die Verschmutzung der Weltmeere nachzudenken, und fordert die Besucherinnen und Besucher auf, ihren Abfall bewusster zu recyceln. Menschen und Tiere, Pflanzen und Organismen, du und ich – alle tragen in einer Zusammenarbeit zum Kunstwerk bei.
Zitate, aus dem Romanischen, aus einem Gespräch mit Mirko Baselgia am 24.8. in Rapperswil-Jona.
Seraina Peer ist Kunsthistorikerin, lebt und arbeitet in Chur und Bern. Seraina.peer@bluewin.ch

→ ‹Mirko Baselgia – )in(out) till sundown›, Kunst(Zeug)Haus, Rapperswil, bis 7.11.  ↗ www.kunstzeughaus.ch
→ ‹il luf el visier digl art – der Wolf im Visier der Kunst›, Casa d’Angel, Lumbrein, bis 19.3. (→ S. 90/91) ↗ www.culturalumnezia.ch
→ ‹LandLiebe – Kunst und Landwirtschaft›, Bündner Kunstmuseum Chur, bis 2.1. ↗ www.kunstmuseum.gr.ch

Jusqu'à 
07.11.2021

Mirko Baselgia (*1982, Lantsch/Lenz) lebt in Alvaschein
2010 MA Fine Arts, Zürcher Hochschule der Künste
2008 BA Fine Arts, Zürcher Hochschule der Künste

Ausstellungen (Auswahl)
2020 ‹Giustrar›, Stalla Madulain
2019 ‹Les étoiles ne sont pas seules›, Galerie Heinzer Reszler, Lausanne
2018 ‹Pardis (Curzoin)›, Abbatiale de Bellelay; ‹Habitat›, Galerie Urs Meile, Luzern
2017 ‹Kunst in der Krypta No. 5›, Grossmünster Zürich
2016 ‹Antupada I+II›, Kloster Schönthal, Langenbruck
2014 ‹The pattern which connects›, Kunstmuseum Olten
2013 ‹Primavera›, Manor Kunstpreis, Bündner Kunstmuseum, Chur; ‹Midada da structura›, Galerie Edition Z, Chur

Institutionen Pays Ville
Bündner Kunstmuseum Chur Suisse Chur
Casa d'Angel Suisse Lumnezia
Kunst(Zeug)Haus Suisse Rapperswil-Jona
expositions/newsticker Date Type Ville Pays
LandLiebe – Kunst und Landwirtschaft 18.09.2021 - 02.01.2022 exposition Chur
Schweiz
CH
Mirko Baselgia 29.08.2021 - 07.11.2021 exposition Rapperswil-Jona
Schweiz
CH
il luf el visier digl art - der Wolf im Visier der Kunst 03.07.2021 - 19.03.2022 exposition Lumnezia
Schweiz
CH
Artiste(s)
Mirko Baselgia
Auteur(s)
Seraina Peer

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