Sammlerstücke — Welt im Gleichgewicht, lichterfüllt

Albert Anker · Zwei erwachende Kinder, 1891, Öl auf Leinwand, 59 x 79 cm, Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte. Foto: SKKG

Albert Anker · Zwei erwachende Kinder, 1891, Öl auf Leinwand, 59 x 79 cm, Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte. Foto: SKKG

Fokus

Gleich mehrere von Ankers meisterlichen Kinderbildnissen ­haben Eingang in Bruno Stefaninis Sammlung gefunden. Mit grosser Empathie erfasst Anker die Psyche seines Gegenübers, getreu seiner Schicksalsbrief-Devise «wahrhaft & gewissenhaft». Das gilt auch für die zwei erwachenden Kinder. 

Sammlerstücke — Welt im Gleichgewicht, lichterfüllt

Es passiert immer wieder. Bei jeder neuen Begegnung mit Albert Anker (1831–1910) gerate ich in Abgründe des Fragens: Was will und kann Porträtkunst? Warum wird einem Kunst, die alle zu verstehen glauben, leicht verdächtig? Und warum gelange ich bei Anker, dem ich so tiefe Erlebnisse verdanke, noch immer in die Situation, ihn verteidigen zu wollen? Als er, dessen Werk schon van Gogh als «so tüchtig und fein empfunden» schätzte, siebzig wurde, gratulierte ihm der Gesamtbundesrat: «Die Erzeugnisse Ihrer Kunst sind jedermann verständlich, sie reden eine eindringliche Sprache, sie sind lebenswahre Darstellungen, deren gesunden Realismus noch eine späte Nachwelt bewundern wird.» Heute sprechen wir eher von Ankers poetischem, seinem intimen, lichterfüllten Realismus, in dem charakterisierende und erzählerische Momente zusammenfinden. Welt im Gleichgewicht. So ungetrübt von Harm und Leid die meisten seiner Werke auch erscheinen mögen: Zumindest die nicht mehr ganz jungen Betrachter werden, wenn ihre Blicke nicht völlig in der formalen und koloristischen Vollkommenheit aufgehen, zur Licht- auch die Schattenseite mitdenken.
Auch in diesem Fall? Wie sie einen anstrahlen, die Backen rot, die Haare verwuschelt, Kopf an Kopf, das Leintuch bis unters Kinn gezogen. Noch kindlich lächelnd das Kleine, wissender schon und heiter die Ältere. So geht schönstes Erwachen, so beginnt ein neuer Tag. Aus seliger Geborgenheit hinein in den hellen Morgen, der in aller Unschuld den beiden gehört und demjenigen, den der Stuhl mit den abgelegten Kleidern kaum von der innigen Szene trennt. ‹Zwei erwachende Kinder› ist ein Werk des Sechzigjährigen, der das Kind als eigene Persönlichkeit begreift. Anker, vertraut mit Tod und Verlust, weiss viel vom Menschen. Unter seinen zahlreichen Kinderdarstellungen bedeuten mir andere mehr als dieses Gemälde, Porträts von Schulkindern etwa, das grossartige ‹Mädchen mit Brot› und vor allem, ein Ausnahmewerk, das «französische» Porträt seiner achtjährigen Tochter Louise. Doch in letzter Zeit fühle ich mich den beiden Erwachenden näher als sonst, weil sie etwas verkörpern, das die meisten aus der eigenen Kindheit kennen und nun oft vermissen: diese Zuversicht, die einen Anfang, aber kein Ende hat. Eine immer präsente kleine Schwarzweiss­fotografie, die mein Vater gemacht hat, als mein Bruder dreieinhalb Jahre und ich fünf Wochen alt war, schafft über die Zeiten hinweg Verbindung, mit leichter Akzentverschiebung: Kopf an Kopf im Bett, der Grosse selig lächelnd, die Kleine, die noch keine Ahnung hat, schaut «wissend» direkt in die Kamera. Zauber des Anfangs – wie lange?

Angelika Maass ist Kulturpublizistin, Autorin, Übersetzerin. a.maass@hispeed.ch

→ Sammlerstücke: Autor/innen kommentieren ein Werk ihrer Wahl aus der Sammlung der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte ↗ www.skkg.ch

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