Schang Hutter und Lorenz Spring — Fragile Menschenbilder

Schang Hutter · Bronze Figur (Detail), 2007, Bronze 4/6, 168 x 60 x 60 cm

Schang Hutter · Bronze Figur (Detail), 2007, Bronze 4/6, 168 x 60 x 60 cm

Besprechung

Geplant war die Ausstellung als Begegnung zweier Künstler, die sich intensiv mit dem Menschen auseinandersetzen: Schang Hutter und Lorenz Spring. Durch den Tod Schang Hutters im ­vergangenen Juni wird aus der Ausstellung in der Berner Galerie da Mihi nun eine Art erweiterte Hommage.

Schang Hutter und Lorenz Spring — Fragile Menschenbilder

Bern — Die Verletzlichkeit des Menschen, das war Schang Hutters grosses Thema. Immer wieder erzählte er von dem für ihn prägenden Aufenthalt in München Mitte der 1950er-Jahre. Als junger Mann war er zum Kunststudium aus dem friedlichen Solo­thurn in die bayrische Metropole gekommen, in der die Spuren des Zweiten Weltkriegs noch deutlich sichtbar waren. Nicht nur im Stadtbild. Stärker als die Ruinen zerbombter Häuser bewegten Schang Hutter (1934–2021) die kriegsversehrten Menschen. Männer mit fehlenden Gliedmassen und vernarbten Gesichtern. Es waren Eindrücke, die sich dem jungen Künstler tief einprägten und ihn in seiner künstlerischen Entwicklung beeinflussten. Er erarbeitete eine Formensprache, die es ihm erlauben sollte, Schmerz und Verwundbarkeit wiederzugeben. So entstanden die dürren Figuren, die typisch wurden für sein Schaffen: mit fadendünnen Beinen und überlangen Armen, die oft wie in grellem Schrecken in die Höhe gerissen sind. Figuren so fragil, dass man den Eindruck bekommt, ein leiser Windhauch könne sie aus dem Gleichgewicht bringen. Hutter, ein politisch denkender Mensch, hat seine Gestalten als Mahnung verstanden, als Aufruf, darüber nachzudenken, was Menschen Menschen antun können – und was das für die Gesellschaft im Ganzen bedeutet. Immer wieder hat er seine Figuren gestaltet, in diversen Materialien, Formaten, Formationen. Die Ausstellung in der Galerie da Mihi zeigt einen Querschnitt davon, präsentiert sowohl grosse Skulpturen in Bronze und Holz als auch kleinere Tischskulpturen und Lithografien.
Zu den Werken von Schang Hutter gesellen sich Gemälde und kleinere Objekte von Lorenz Spring (*1964), der ebenfalls den Menschen ins Zentrum seiner künstlerischen Betrachtungen rückt. Schaut Hutter mit dem politisch linken Auge, so ist es bei Spring ein christlich-religiöser Blick. In der Ausstellung sind vor allem Arbeiten zum Thema Liebe zu sehen, die einen versöhnlichen Gegenpol zu den anklagenden Figuren Hutters bilden. Eine weitere sehr schöne Ergänzung bilden Fotografien von Tiziana de Silvestro, die im Sommer 2019 entstanden auf der von Thomas Hirschhorn organisierten ‹Robert Walser-Sculpture› auf dem Bahnhofplatz in Biel. Zu Hirschhorns Grossprojekt gehörte eine Dauerlesung, bei der von wechselnden Menschen nonstop Robert Walser vorgelesen wurde. In den Fotografien de Silvestros immer wieder zu sehen sind auch die Figuren der Grossplastik ‹Vertschaupet› von Schang Hutter, die seit 1981 vor dem Bieler Bahnhof installiert ist. Die zerquälten Figuren scheinen den Worten Walsers zu lauschen. 

Jusqu'à 
23.10.2021

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