Chalet5

Chalet5 · Uri(h)ütte, 2022, Ausstellungsansicht, Kulturraum, alte Kirche Göschenen

Chalet5 · Uri(h)ütte, 2022, Ausstellungsansicht, Kulturraum, alte Kirche Göschenen

Hinweis

Chalet5

Göschenen — Im Tunneldorf Göschenen wird man von den donnernden Detonationen des Aushubs für die zweite Gotthardröhre empfangen. Ein modernes Kantinegebäude für die Arbeiter weist auf die Veränderungen der Infrastruktur hin. Die alte Zollbrücke zeugt von den Wegen der Säumer über den Gotthard. Hier lebt das Duo Chalet5, bestehend aus Karin Wälchli und Guido Reichlin. Die beiden arbeiten mit Ambivalenzen und einem multiperspektivischen Blick auf Identitätsstiftendes oder setzen, wie etwa während ihrer Stipendienaufenthalte in Kairo und Indien 2006 bzw. 2011, Alltägliches frisch in Szene. In ihrem aktuellen Projekt ‹Ur(i)hütte› in der als Kulturraum genutzten alten Kirche von Göschenen fangen sie nun Blicke auf den Organismus des Dorfes und die umgebende Natur ein. Die kulturelle Teilhabe der Bevölkerung ist dabei zentral, denn die partizipative Kooperation führt zu einem mehrschichtigen Diskurs und einer überraschenden Gesamtinstallation.
Im Chor des mit LED-Lichtquellen ausgeleuchteten Kirchenraums entdeckt man eine immense Postkarteninstallation. Die Abbildungen stammen aus einem Wettbewerb für die Bevölkerung: Farbige Fotografien mit Berg- und Stauseemotiven aus der Region reihen sich an vergangene Grümpelturniere oder Seifenkistenrennen in Schwarz-Weiss; ein kräftig gebautes, sagenumwobenes Sennentuntschi ist abgelichtet. Darüber ragen zahlreiche Karten mit Bricolagebuchstaben, die das Wort «Göschenen» ergeben. Vergleichbar mit Aby Warburgs «Bilderatlas Mnemosyne» widerspiegelt dieses Tableau eine komplexe Geschichte dieses Dorfes und konstituiert ein Erinnerungskollektiv im Sinne der Göttermutter allen Wissens. Die Archivierung wird mit historischen Postkartengrüssen, beispielsweise von der Dammahütte, ergänzt.
Etymologisch gehe auch der Name Göschenen auf Hütten zurück. Das Urprinzip des Bauens zeigt sich in der aus Abfallholz von Chalet5 erbauten Urhütte im Zentrum. Darin finden sich künstlerische Interpretationen einer Schülerschaft. Auf Regalen stehen 16 Modelle wie eine Türmchenruine mit Tonzinnen. Reisig überdacht sie. Weiter begegnet man einer Behausung aus Schwemmholz auf Moos als Schutz für ein Tier sowie futuristische Hüttenikonen. Das Malobjekt ‹Disaster Paradise› in der Serie ‹Vor Ort›, für die Chalet5 den Förderpreis des Kantons Uri 2021 erhielt, erweitert die Sicht. Die Froschperspektive lenkt das Auge von einer geheimnisvollen Wassertiefe durch Steine und Pflanzenstrukturen zu Edelsteinen und evoziert eine Atmosphäre himmlischer Offenbarung. Ebenfalls in die Höhe ragt die Holzkonstruktion mit den aus Arvenholz geschnitzten Täfelchen des Göschener Jägers Waldemar Mattli. Die Flurnamen wie «Torbrig», «Tränkstei» und «Trischtbett» flackern vor einem Landkartenhintergrund über einen Screen. Die künstlerische Spurenlegung ehrt Göschenen und seine Einwohner. Die für die Ausstellung in den Kirchenraum gebaute Hütte soll auch weiterhin bestehen bleiben und sich mit nachhaltigen Projekten verzahnen.

Jusqu'à 
25.09.2022
expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Chalet5 — Gruss aus Göschenen 25.06.2022 - 25.09.2022 exposition Göschenen
Schweiz
CH
Artiste(s)
Chalet5
Auteur(s)
Ursula Meier

Publicité