Rosetsu — Kühne Visionen

Nagasawa Rosetsu · Tiger, 1786. Detail aus einer Reihe von sechs Schiebetüren; Tusche auf Papier, Courtesy Muryōji, Kushimoto

Nagasawa Rosetsu · Tiger, 1786. Detail aus einer Reihe von sechs Schiebetüren; Tusche auf Papier, Courtesy Muryōji, Kushimoto

Besprechung

Da wird nicht zu viel versprochen. Die Ausstellung im Museum Rietberg ist schlicht atemberaubend. Die Gelegenheit, den Wandmalereien und anderen fantastischen Meisterwerken von Rosetsu erstmals ausserhalb Japans zu begegnen, sollte man sich nicht entgehen lassen. Also: unbedingt eintauchen.

Rosetsu — Kühne Visionen

Zürich — Das sprüht nur so vor Lebendigkeit, vor unmittelbarer Eindringlichkeit und gültiger Gegenwart, sodass die zwei Jahrhunderte und die kulturelle Distanz, die zwischen uns Heutigen und diesen Wunderwerken aus Ostasien liegen mögen, mühelos überbrückt werden. Die Bewegung, die in jeder Hinsicht aus den gut fünfzig, im Zeitraum von nur siebzehn Jahren entstandenen Bildern spricht, ist ergreifend. Rosetsu hat die oft grossen, mehrteiligen Werke mit Tusche auf Papier oder Seide gemalt; leichte Farben kommen mitunter hinzu. Aber wie er gemalt hat! Nicht nur mit feinem, zartem Pinsel, sondern auch mit borstig grobem, breitem. Manchmal auch mit Fingern und Handfläche. Und beinahe jedes Werk, egal, ob es sich dabei um Hänge-, Quer- oder Handrollen handelt, um Stellschirme oder Schiebetüren, ist ein Beispiel für Raum-Kunst: grossartig komponiert, Helles und Dunkles, Fülle und Leere könnten nicht schöner zusammenfinden. All diese beeindruckenden Schöpfungen stammen von einem Künstler, der als unorthodox und experimentierfreudig, als fantasievoll und dynamisch gilt, als humorvoll, exzentrisch, ja modern: Nagasawa Rosetsu (1754–1799), fast nicht zu fassen. Einer, «der sich einer einfachen Klassifizierung entzieht», wie Matthew McKelway (New York) weiss, der die faszinierende Schau zusammen mit Khanh Trinh (Zürich) kuratiert hat und gemeinsam mit ihr für den ebenso schönen wie aufschlussreichen Katalog verantwortlich zeichnet. Da ist der berühmte Tiger, der geradezu aus dem Bild herauszuspringen scheint und, obwohl er mehr einer grimmigen Hauskatze gleicht, sein Gegenstück, den nicht weniger berühmten mythischen Drachen, in den Schatten stellt: Wie dieser soll er in einer einzigen Nacht des Jahres 1786 gemalt worden sein, eines von zahlreichen Werken, welche die Haupthalle eines Tempels schmückten. Einen noch längeren Schwanz hat der Tiger von ‹Tiger und Sperlinge› (um 1792–94).
Die Spatzen, als dächten sie «ja, schleich dich nur!», scheinen völlig unbeeindruckt. Überhaupt, Rosetsus Tiere: so realistisch, so lebendig, bald für sich, bald in der Landschaft oder als Teil einer charaktervollen Erzählung. Da gibt es Affen in verschiedensten Konstellationen – eindrücklich die einsame Äffin auf jadegrünem Felsen vor Goldgrund –, entzückende Hundekinder, immer wieder Vögel (‹Hirtenmainas auf Felsen›, ein geradezu akustisches Bild), und wenn, überirdisch, die Kraniche am Berg Fuji vorbei- und auf uns zufliegen, könnte es nicht schöner sein.

Jusqu'à 
04.11.2018
expositions/newsticker Datetrier par ordre croissant Type Ville Pays
ROSETSU – Fantastische Bilderwelten aus Japan 06.09.2018 - 04.11.2018 exposition Zürich
Schweiz
CH
Auteur(s)
Angelika Maass
Artiste(s)
Nagasawa Rosetsu

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