Cancel Culture — Die umstrittenen Menschenbilder von Frank Buchser

The Song of Mary Blane, Öl auf Leinwand, 103,5 x 154 cm, 1880, Kunstmuseum Solothurn

The Song of Mary Blane, Öl auf Leinwand, 103,5 x 154 cm, 1880, Kunstmuseum Solothurn

Fokus

Cancel Culture — Die umstrittenen Menschenbilder von Frank Buchser

Cancel Culture — Die umstrittenen Menschenbilder von Frank Buchser

Keine Frage, der Maler Frank Buchser hat Frauenkörper erotisiert. Man kann, und das ist weniger eine Enthüllung als eine Routinehandlung, seine Darstellungen unter den kolonialen «Male Gaze» einordnen und als sexistisch bezeichnen. Für den Mann, der das Kunstmuseum besucht hat, ist das keine Option, sondern eine «Pflicht». Er gibt in Solothurn den Tarif durch. Er schreibt, «wie Kunstwerke heute ausgelegt werden müssen, … nicht sollen», und argumentiert auf einer Linie, die von der Politik und der puritanisch geprägten angelsächsischen Geisteswissenschaft vorgegeben wird. In Kunst und Kultur liegen die Definitionsmacht (wer prägt die Begriffe?) und die symbolische Macht (wer bestimmt, was gezeigt werden darf und wie?) gegenwärtig auf seiner Seite, eine Rolle, die früher Kirche und Bürgertum wahrgenommen haben.
Buchsers Frauenbilder sind augenfällig, aber im Gegensatz zu seinen afroamerikanischen Gemälden, die von seinen amerikanischen Zeitgenossen verdutzt zur Kenntnis genommen wurden, nicht einmalig. Buchsers abenteuerliches Leben ist faszinierend, es fällt in eine Zeit im Umbruch, eine Zeit, die er kriegerisch, malerisch, politisch und publizistisch mitgestaltet hat. Er wusste um das Provinzielle seiner Herkunft, deshalb hat es ihn – wie viele andere Schweizer auch – in die Welt gezogen. 1866 fuhr er über den Atlantik, um mit der Malerei Geld zu machen. Dazu drapierte er sich mit einem aufgebauschten politischen Auftrag: Zwecks Bekräftigung der ideellen Union zwischen den emporkommenden Vereinigten Staaten und dem europäischen Kleinstaat sollte er für den Ständeratssaal des zukünftigen Bundeshauses wichtige Persönlichkeiten des «gelobten Landes» malen. Die Porträts des Präsidenten Andrew Johnson (1866, Kunstmuseum Basel), des Aussenministers William ­Seward (1869, Kunstmuseum Basel), oder der Generäle William T. Sherman und Robert E. Lee (1866 bzw. 1869, beide in der Residenz der Schweizer Botschaft in Washington) zeugen von dieser Mission. Doch ebenso wenig wie seine Frauenbilder machen seine Männerporträts das Spezielle an Buchsers Werk aus.
Während seines fünfjährigen Aufenthalts in Amerika hat Buchser nicht nur Staats­männer und Generäle gemalt. Des politischen und wirtschaftlichen Zentrums überdrüssig, begann er, den peripheren Westen und Süden des Landes zu bereisen, wo zahlreiche Gemälde von Indianern und Afroamerikanern entstanden. ‹The Song of Mary Blane›, 1880, (Kunstmuseum Solothurn) etwa zeigt ein ländliches Idyll mit einer Gruppe junger Menschen beim Musizieren und Lauschen, im Halbschatten zwischen Maisfeld und Hütte. Buchser selbst hielt das Bild für sein Hauptwerk. In anderen Gemälden widmete er die Aufmerksamkeit ärmlich gekleideten Schuhputzern, in lässiger Pose. ‹The Volunteers Return›, 1867, (Kunstmuseum Basel) zeigt einen prahlenden Veteranen in notdürftiger Uniform. Bewaffnete Afroamerikaner, das ist in Nordamerika noch heute ein heikles Thema. Da geistert das Gespenst der Revolte.
Buchsers afroamerikanische Serie wird in den Vereinigten Staaten als einzigartig wahrgenommen. Die beiden afroamerikanischen Musikwissenschaftlerinnen ­Eileen J. Southern und Josephine Wright weisen zum Beispiel darauf hin, dass Buchsers ‹Guitar Player› von 1867 das erste bekannte Bild eines schwarzen Bluesgitarristen darstellt. Die Kunsthistorikerin Sara Moriarty argumentiert, dass das amerikanische Publikum die Gemälde schwer einordnen konnte, weil Buchser die gängigen visuellen Schlüssel nicht benutzt habe, mit welchen in Nordamerika Kunst, Identität und Differenz definiert werden.

Präsidenten und Sklaven
Buchsers bukolische Genreszenen zeigen unbekümmerte Menschen, die sich den Freuden des Lebens hingeben. Die pittoreske Maske verbirgt jedoch nur notdürftig den Schatten der Gewalt. Bestimmt hat ihn auch der fremde Maler gespürt. Nur, die Zeit, als Buchser die Vereinigten Staaten bereiste, war jene der «Reconstruction». Die Wunden des Bürgerkriegs sollten verheilen, das Land wieder in Schwung kommen. Es war nicht die Zeit für eine schonungslose künstlerische Auseinandersetzung mit Sklaverei und Rassismus. Schon Buchsers eher harmlose Idyllen haben in diesem Umfeld für einige Aufregung gesorgt. Es scheint mir, dass man nur einem hergelaufenen Ausländer die Respektlosigkeit nachsehen konnte, mit der er Präsidenten undverdiente Generäle neben Afroamerikanern von der Gasse und vom Land gemalt hat, kamen doch Talent und Leidenschaft des Malers in seinen lockeren Genrebilder besser zur Geltung als in seinen teils steifen Porträts von Staatsmännern.
Das abenteuerliche Leben Buchsers, sein tollkühnes Jonglieren zwischen Macht und Misere, Militär und Malerei, das ist der Rede wert. Man sollte sich seinen einmaligen Bildern aus Amerika widmen, weniger seinen zuweilen schablonenhaften orientalistischen Fantasien. Die sexuell aufgeladene Darstellung des Frauenkörpers war lange Zeit nur in der bildenden Kunst möglich – vielfach unter dem Deckmantel von Allegorien und biblischen Szenen –, später unter anderem in der verklemmten Aktfotografie. Heute hat der allgegenwärtige Porno die Notwendigkeit künstlerischer Sublimation überflüssig gemacht. Der vorwurfsvolle Blick der Nachgeborenen, der Eifer und die Unbarmherzigkeit, mit welchen einige unter ihnen über Menschen aus der Vergangenheit mit ihrer zeitgenössischen Elle richten, erstaunt immer wieder aufs Neue. Woher nehmen sie nur die Sicherheit, auf der richtigen Seite der zukünftigen Geschichte zu stehen?
Wohlwollende Neugierde
Ein Verpflichtung, anstössige Kunst zu kontextualisieren, gibt es nicht. Falls man es tut, soll das Bemühen um Kontext das eigentliche Werk nicht in den Schatten stellen. Neben kritischer Distanz sind Respekt und Einfühlungsvermögen entscheidende Werte bei der Annäherung an ein Werk aus anderen Zeiten oder Kulturen. Ohne eine gewisse Autonomie kann Kunst weder entstehen noch betrachtet werden. Sie flieht, sobald man sie in ein allzu starres ideologisches Korsett zwängt. Die Forderung nach Kontextualisierung gemäss einer bestimmten politischen Agenda stellt die Interpretation vor das eigentliche Werk. Ein Saalblatt reicht nicht, da muss eine grosse Tafel hin. Das ist verkehrt. Die grosse Tafel ist das Gemälde. Ein Kunstwerk, auch ein unpassendes, soll zuerst mal wirken können.
Wer jedoch anstatt wohlwollender Neugierde den moralischen Geigerzähler ins Museum mitbringt, kann dort ausser Sondermüll nichts erkennen. Schulmeisterlich sogenannten Hinterwäldlern eine Lektion zu erteilen, das scheint gegenwärtig ein poli­tischer Sport zu sein. Kann der selbst­gerechte Saubermann, der das Kunstmuseum in Solothurn besucht hat, beurteilen, ob Buchsers Bilder oder gar die Hängung rassistisch sind? Es scheint mir schwierig. Er ist nämlich gar nicht ins Museum gegangen. Er hat nur seine eigene Echokammer besucht.

Replik auf: ‹Es stimmt etwas nicht in diesem Raum›, Matt Aufderhorst, WOZ, 24.6.2021

Niklaus Strobel, lebt in Montevideo, Baumeister, Kurator und Autor. Auf Frank Buchser ist er in einem Katalog des uruguayischen Malers Juan Manuel Blanes gestossen. niklaus@legoville.net

Art Student or Ring Taste, Öl auf Leinwand, 101 x 72 cm, 1878, Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte, Winterthur

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