Daniela Keiser — London: Being in the Library

Daniela Keiser · Library – Idea Store, 321 Whitechapel Road, Shadwell, 2020, Einzelbild aus raumgreifender Fotoinstallation (Lamda-Prints), 152-teilig, je 30,6 x 25,6 cm (Blatt), Courtesy Galerie Stampa, Basel. Foto: Kaspar Ruoff

Daniela Keiser · Library – Idea Store, 321 Whitechapel Road, Shadwell, 2020, Einzelbild aus raumgreifender Fotoinstallation (Lamda-Prints), 152-teilig, je 30,6 x 25,6 cm (Blatt), Courtesy Galerie Stampa, Basel. Foto: Kaspar Ruoff

Besprechung

Das Kunstmuseum Olten nimmt sich in seinen Herbstausstellungen der Trias Kunst – Architektur – Fotografie an. In Daniela Keisers Arbeiten bleibt die Architektur mit grossem A dabei im Hintergrund. Sie überlässt den Raum den flüchtigen Momenten, fotografisch eingefangen und haptisch reproduziert.

Daniela Keiser — London: Being in the Library

Olten — Das Kunstmuseum in Olten bekommt einen Neubau. Und den braucht es auch: Aktuell muss der Hauptraum im Erdgeschoss als Ausstellungssaal und auch als Empfang und Museumsshop herhalten. Ein Glücksfall für die titelgebende Arbeit ‹London – Being in the Library› der Schweizer Künstlerin Daniela Keiser (*1963).
Ein regelmässiges Raster mit Fotografien zieht sich über die drei verfügbaren Wandflächen. Sie zeigen immer wieder das gleiche Motiv: die Whitechapel Road im Londoner East End. Zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten lässt sich verfolgen, wie Marktstände auf- und wieder abgebaut werden, wie die Menschenmenge anschwillt und abflaut, mal Regen, mal Schnee auf den glänzenden Asphalt fällt, der über die Jahre hinweg von unzähligen Füssen blank geschliffen wurde. Die geparkten Lieferwagen scheinen genauso unbeweglich wie die etwas heruntergekommene viktorianische Blockrandbebauung am rechten Bildrand. Die Fotografien haben etwas Flüchtiges, Beiläufiges, das im Widerspruch steht zur Beharrlichkeit der Repetition. Aufgenommen hat sie Keiser mit einem Smartphone durch verschiedene Fenster des vom Stararchitekten Sir David Adjaye erbauten «Idea Store». Doch der auffällige gläserne Bau bleibt im Hintergrund. Der Künstlerin in London gleich spiegelt sich die Besucherin in Olten im Fensterglas der Fotografien und wird auf sich selbst zurückgeworfen. Es ist an ihr, die einzigartige Atmosphäre in dieser zeitgenössischen Interpretation einer Bibliothek und ihre Bedeutung für das Quartier zu erspüren.
Diese Beobachterposition wird in der Installation ‹Happy Birthday› aufgelöst. Mono­chrome Heliogravuren zeigen einen Tortenwagen, mit Ballonen und Rüschen behängt, der während einer ausgelassenen Feier über einen getigerten Teppich gerollt wird. Die aufgeregte Stimmung im Bild wird durch die Reproduktion in unterschiedlichen Rottönen zusätzlich gesteigert. Als Kontrast dazu blickt die letzte Installation ‹Cyanogarten 5› in eine ruhige, griechische Kulturlandschaft. Die als Cyanotypie entwickelte Fotografie ist in ein raumgreifendes Raster aus Hadernpapier mit weichen Büttenrändern aufgeteilt. Es ist beinahe eine Idylle, wären da nicht die dunklen Flecken, die durch aufziehende Wolken auf die Olivenhaine geworfen werden. Der Gegensatz der warmen Landschaft zum kalten Blauton löst ein leises Befremden aus, das verhindert, dass das Bild gänzlich zum Fenster wird.

Jusqu'à 
14.11.2021

→ ‹Daniela Keiser – London: Being in the Library›; Kunstmuseum Olten, bis 14.11.; Publikation mit Fotografien von Daniela Keiser und einer Konversation mit David Adjaye und Philip Ursprung (Englisch), Park Books, 2021; parallel dazu: ‹Iwan Baan – Momentum of Light› ↗ www. kunstmuseumolten.ch

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