Das Grosse Rätsel – Wächter in der Wüste

Jacumba, Old Highway 80 (USA), 27.8.2010. Foto SH

Jacumba, Old Highway 80 (USA), 27.8.2010. Foto SH

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Das Grosse Rätsel – Wächter in der Wüste

Eine Fliege brummt herbei, kreist einmal um meinen Kopf, landet auf einem grauen Kotwürstchen zu meinen Füssen, das wohl ein Kojote oder ein Wüstenfuchs hinterlassen hat, surrt davon. Die Strasse ist leer, über Kilometer ist kein Fahrzeug zu sehen, kein Mensch weit und breit. Am Rande des Highway aber, auf der Grenze eines Grundstücks, zu dem auch ein Wellblechschuppen gehört, stehen Menschenfiguren aus Beton. Jemand hat ihnen alte T-Shirts, Jacken oder Regenmäntel übergezogen, ihnen Mützen oder Helme aufgesetzt und Schilder um den Hals gehängt, auf denen «Danger Keep Out» geschrieben steht. Sie fallen auf in diesem trockenen Ödland, wirken bizarr, gruselig.
Westlich von Jacumba, einem Kaff ohne Café, aber mit fünf evangelikalen Kirchen, führt der Old Highway 80 bis auf wenige Meter an den Zaun heran, der die USA von Mexiko trennt. Es ist ein hoher Zaun aus glatten Metallstäben und Stacheldraht, bewacht von bewaffneten Patrouillen. Trotzdem kommt es in manchen Nächten offenbar vor, dass einer es hinüber schafft. Bestimmt stehen die Figuren deshalb hier. Denn um Kunst wird es sich nicht handeln, auch wenn die Gestalten wie Mannequins von ... aussehen. Diese Betonwesen sollen abschrecken, sollen Migranten, die im Schutz der Dunkelheit durch die Wüste schleichen, daran hindern, das Grundstück zu betreten, sich im Schuppen vor der Polizei zu verstecken. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie es mir in die Knochen fahren würde, tauchte nachts eine solche Figur plötzlich im Licht meiner Taschenlampe auf. Eines aber wüsste ich sofort: Willkommen bin ich hier nicht. 

Samuel Herzog, Textbauer, Inselbauer, Schüttsteinschaffer. info@samuelherzog.net

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Auteur(s)
Samuel Herzog

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