Herta Müller — Sprachgewalt auf kleinstem Raum

Herta Müller · Der Beamte sagte, 2021, Ausstellungsansichten Museum Langmatt, Baden © ProLitteris

Herta Müller · Der Beamte sagte, 2021, Ausstellungsansichten Museum Langmatt, Baden © ProLitteris

Herta Müller · Der Beamte sagte, 2021, Ausstellungsansichten Museum Langmatt, Baden © ProLitteris

Herta Müller · Der Beamte sagte, 2021, Ausstellungsansichten Museum Langmatt, Baden © ProLitteris

Besprechung

Das Museum Langmatt zeigt kleinformatige Wortcollagen von Herta Müller, die sowohl den klassischen Rahmen des ­Museums als auch das eigene Format sprengen. Eine Feier der Poetik mit den Mitteln des Schreibtischs und der kleinen Schere – gegen die grosse im Kopf.

Herta Müller — Sprachgewalt auf kleinstem Raum

Baden — Wie es wohl ist, wenn die eigene Sprache Exil bedeutet? Zuerst im Geburtsland, im kommunistischen Rumänien, wo Deutsch eine Minderheitensprache war, poetische Flucht, aber auch Fluch im traumatischen mütterlichen Erbe des Gulag in der Ukraine. In der präzisen sprachlichen Auseinandersetzung mit dem Schweigen der Mutter. Mit der Emigration 1987 nach Deutschland wird diese Muttersprache zur Exilsprache im Ursprungsland derselben, ein paradoxer Zustand, der sich in einer semantischen Präzision äussert, die die Autorin Herta Müller (*1953) auszeichnet.
Da sich die Semantik mit Zeichen aller Art befasst, ist sie ein Teilbereich der Semiotik; weil ihr Fokus auf Zeichen der Sprache liegt, gilt sie als Teil der Linguistik. Im Zwischenbereich der beiden Disziplinen, im selbstgewählten Exil, verorten sich die Wortcollagen von Müller. Im Museum Langmatt sind 140 neue solcher Collagen zu sehen, die erstmals eine chronologische Reihung bilden und dabei eine autobiografische Erzählung andeuten. Seit über dreissig Jahren schneidet die Autorin Wörter und Bilderschnipsel aus und verwahrt sie in einem umfangreichen Archiv. Aus diesem schöpfend fügt sie ihre kleinformatigen Wortcollagen, deren poetische Sprengkraft in einem seltsamen Widerspruch zur visuellen Dürftigkeit der gehängten Bilder steht.
Bereits in ihrem Werk ‹Der Mensch ist ein grosser Fasan auf der Welt›, 1986, entsteht zwischen der Schlichtheit des Geschilderten, Bauernweisheiten, die keine sind, Kapitel, die Nebensächlichem gewidmet sind wie Schlaglöchern oder Stopfnadeln, eine seltsame Diskrepanz zwischen dem Geschriebenen, dem Ungesagten und dem Nichtsagbaren, aus dessen Leerstellen sich eine fulminante Poetik entwickeln.
Mit dem Erscheinen ihres Meisterwerks ‹Die Atemschaukel›, 2009, und dem Nobelpreis für Literatur im gleichen Jahr katapultiert sie sich ins internationale Rampenlicht. Und dennoch, das Gefühl, eine Sprache zu benutzen, die sich im Exil befindet, bleibt. Die erniedrigenden Erfahrungen der Einreise und die Bezüge zu einer kollektiven Vergangenheit äussern sich in bildlichen Gedichten wie: «Man kann so viel reden wie Schnee fällt / das Wirkliche fehlt / der Mund lässt mich allein / wenn er mein Leben erzählt.» Wie bei einem Comic das Eigentliche zwischen den Panels geschieht, so entfaltet sich die Sprachmacht bei Müllers Collagen in den Schnittstellen, dem «/» in diesem Text. Beim Weitergehen geht das Bild im Rahmen vergessen, die Sprache hallt nach. 

Jusqu'à 
05.12.2021
expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Herta Müller 05.09.2021 - 05.12.2021 exposition Baden
Schweiz
CH
Auteur(s)
Damian Christinger
Artiste(s)
Herta Müller

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