Martina Morger — Lecken statt kaufen, gestalten statt verharren

So Long, 2021, Performance und Installation. Foto: Fabienne Watzke

So Long, 2021, Performance und Installation. Foto: Fabienne Watzke

So Long, 2021, Performance und Installation. Fotos: Daniel Ammann

So Long, 2021, Performance und Installation. Fotos: Daniel Ammann

So Long, 2021, Performance und Installation. Fotos: Daniel Ammann

So Long, 2021, Performance und Installation. Fotos: Daniel Ammann

So Long, 2021, Performance und Installation. Fotos: Daniel Ammann

So Long, 2021, Performance und Installation. Fotos: Daniel Ammann

Lèche Vitrines, 2020, Videostills aus: HD-Video, 16:9, 16:48 min, Kamera: Lukas Zerbst & Youssef ­Chebbi, Schnitt & Ton: Lukas Zerbst

Lèche Vitrines, 2020, Videostills aus: HD-Video, 16:9, 16:48 min, Kamera: Lukas Zerbst & Youssef ­Chebbi, Schnitt & Ton: Lukas Zerbst

Lèche Vitrines, 2020, Videostills aus: HD-Video, 16:9, 16:48 min, Kamera: Lukas Zerbst & Youssef ­Chebbi, Schnitt & Ton: Lukas Zerbst

Lèche Vitrines, 2020, Videostills aus: HD-Video, 16:9, 16:48 min, Kamera: Lukas Zerbst & Youssef ­Chebbi, Schnitt & Ton: Lukas Zerbst

Cleaning Her, 2021, Videostills aus: 7 Videos, 4K-Video, 19:10, 7 Hantarex, je 7min, Kamera, Schnitt & Ton: Lukas Zerbst

Cleaning Her, 2021, Videostills aus: 7 Videos, 4K-Video, 19:10, 7 Hantarex, je 7min, Kamera, Schnitt & Ton: Lukas Zerbst

Cleaning Her, 2021, Videostills aus: 7 Videos, 4K-Video, 19:10, 7 Hantarex, je 7min, Kamera, Schnitt & Ton: Lukas Zerbst

Cleaning Her, 2021, Videostills aus: 7 Videos, 4K-Video, 19:10, 7 Hantarex, je 7min, Kamera, Schnitt & Ton: Lukas Zerbst

Cleaning Her, 2021, Videostills aus: 7 Videos, 4K-Video, 19:10, 7 Hantarex, je 7min, Kamera, Schnitt & Ton: Lukas Zerbst

Cleaning Her, 2021, Videostills aus: 7 Videos, 4K-Video, 19:10, 7 Hantarex, je 7min, Kamera, Schnitt & Ton: Lukas Zerbst

Cleaning Her, 2021, Videostills aus: 7 Videos, 4K-Video, 19:10, 7 Hantarex, je 7min, Kamera, Schnitt & Ton: Lukas Zerbst

Cleaning Her, 2021, Videostills aus: 7 Videos, 4K-Video, 19:10, 7 Hantarex, je 7min, Kamera, Schnitt & Ton: Lukas Zerbst

Martina Morger. Foto: Tine Edel

Martina Morger. Foto: Tine Edel

Fokus

Martina Morger hat den Manor Kunstpreis erhalten, dank oder trotz ihrer Konsumkritik. Die Performance- und Installationskünstlerin setzt sich mit der Leistungsgesellschaft und ihren Kaufanreizen auseinander. Oft arbeitet sie mit Vorhandenem: Sie transformiert ihre Ausgangsmaterialien nur minimal, setzt aber wirkungsvoll Assoziationsketten in Gang. 

Martina Morger — Lecken statt kaufen, gestalten statt verharren

Schaufenster sind Vitrinen des Konsums. Die Dinge sind darin ausgestellt, aber dem Zugriff entzogen. Anders als im Museum sind sie jedoch zu haben. Theoretisch – wenn das nötige Geld vorhanden ist und wenn nicht gerade ein Ausnahmezustand herrscht. So wie im vergangenen Jahr im Frühling. Martina Morger war kaum in Paris angekommen für das Auslandsatelier der Visarte, als in Frankreich Geschäfte, Kultur- und Sportinstitutionen schliessen mussten und das gesamte öffentliche Leben stark eingeschränkt wurde. Die maximal erlaubte tägliche Aufenthaltsdauer ausserhalb der eigenen Wohnung war auf eine Stunde begrenzt, die Entfernung vom Wohnort auf 500 Meter. Den Aufenthalt deswegen abbrechen? Martina Morger ist in Paris geblieben. Die völlig unerwartete Situation bedeutete auch für sie einen starken Einschnitt, dem sie sich jedoch nicht tatenlos ergab. Morger reflektierte Umstände und Auswirkungen des Ausnahmezustands und entwickelte daraus unter anderem jene Arbeit, für die sie mit dem Manor Kunstpreis ausgezeichnet worden ist: Das Video ‹Lèche Vitrines›, 2020, zeigt die Künstlerin durch die Pariser Strassen streifend, hie und da vor einem Schaufenster stehenbleibend und die Scheibe ableckend.

Infrastrukturen des Kaufens
Morger hat sich Geschäfte ausgesucht, deren Sortiment ebenso begehrenswert wie unerreichbar war: «Da lagen Windbeutel, Süssigkeiten, Austern, vergängliche Din­ge, aber die Degustation war nicht möglich.» Alles blieb Verheissung hinter der gros­sen Glasscheibe. Auch bei Schmuck- und Uhrengeschäften, Buchläden, Reise- und Immobilienbüros hielt die Künstlerin an und zeichnete den Umriss eines begehrenswerten Objekts oder einer Anzeige mit der Zunge nach: «Ich verknüpfe damit zwei Bedeutungsebenen und hinterfrage das Heilen durch Konsum: Das Lecken ist eine Geste des Verlangens, aber auch des Heilens. Elterntiere heilen und pflegen auf diese Weise ihre Jungen.» Zugleich kann die Scheibe als die sprichwörtliche gläserne Decke interpretiert werden: Das Ziel ist klar zu sehen, aber dennoch nicht so einfach zu erreichen oder gar zu haben.
Themen rund um Leistung, Konsum, Kaufanreize und die entsprechenden Infrastruk­turen stehen im Zentrum der Ausstellung. Einmal mehr entpuppt sich die postmoderne Architektur im Untergeschoss des Kunstmuseums St. Gallen als trefflich geeignet für die zeitgenössische Kunst. Kuratorin Nadia Veronese hatte Martina Morger eingeladen, selbst zu entscheiden, ob sie im Obergeschoss mit dem repräsentativen Oberlichtsaal, im Erdgeschoss mit seinen gut proportionierten Räumen oder im postmodernen Untergeschoss ausstellen wolle. Für Martina Morger war klar: «Es zieht mich zur brutalistischen Form hin. Und der räumliche Kontext ist wichtig bei einer situativen Arbeit.» So deklarierte sie den Durchgang neben der 1987 brachial ins Museum gebauten Rampe zur ‹Passage›, 2021. Nicht irgendeiner Passage, sondern einer Einkaufspassage oder dem, was davon übriggeblieben ist. Drei leere, aus der Zeit gefallene Vitrinen flackern hier vor sich hin. Sie sind fast leer. Zumindest Konsumartikel, nach denen sich die Finger oder wie im Fall von ‹Lèche Vitrines› die Scheibe abschlecken liesse, gibt es hier nicht mehr. Stattdessen hängen Leuchtstoffröhren schief herunter, die Glastablare sind verstaubt und übriggebliebene Reklamezettel zerknittert.

Qualitäten ausgedienter Dinge
Der Konsum ist aus- und die Tristesse eingezogen. Aber nicht nur, denn die leeren Vitrinen entfalten eine neue Präsenz als Körper im Raum. Plötzlich wird ihre Formensprache interessant. Tatsächlich sind die Vitrinen Objets trouvés. Die Künstlerin verleiht ihnen mit dem eigens installierten, flackernden Licht ein zweites Leben.
Morger hat eine grosse Affinität zu ausgemusterten, aus der Zeit gefallenen Dingen. Schon in Paris sind ihr besonders jene Geschäfte ins Auge gestochen, «in deren Schaufenstern die Zeit stehen geblieben ist, die wie vergessen anmuten». Für ‹Prospects: Sugar Beach›, 2021, hat sie hellblaues und gelbes Silikon in ein ausgedientes Behältnis für Reiseprospekte gegossen. Es bedeckt kaum mehr als den Boden der einzelnen Fächer und weckt mühelos die Erinnerung an ein Schlückchen Meer, ein Quadratzentimeterchen Sand oder ein Quäntchen Sonnenuntergang. Oder doch nur an Plastik, das Strand und Meer verschmutzt? Die zurückhaltende Schönheit der ­Arbeit ist ebenso doppeldeutig wie ihr Titel, ist doch Prospekt unter anderem die Bezeichnung für ein Druckerzeugnis, eine Aussicht oder einen Theaterhintergrund.

Platz für Performances
Auch im Kunstmuseum St. Gallen selbst ist Morger auf Ausrangiertes gestossen: Ein nicht mehr benutztes Geländer rückt sie neu ins Blickfeld. Der Handlauf führt schräg an der Wand entlang, wie die meisten Handläufe neben Treppen. Aber hier ist keine Treppe. Martina Morger lenkt mit dem funktionslos gewordenen Geländer die Aufmerksamkeit auf die Geschichte des Museums: «Was war vorher im Gebäude? Was hat sich getan?» Zugleich ist das Geländer verbleibender Teil der Performance ‹So Long›, 2021, die noch vor der eigentlichen Ausstellungseröffnung aufgeführt wurde und nun nur noch als Nennung im Saaltext existiert – als rätselhafter Auftritt des Schondagewesenen, für immer Verpassten. Ebenso abwesend und dauerhaft zugleich manifestiert sich die Performancekunst in ‹On Curating›, 2018. Mit Absperrungen des Museums ist ein leerer Platz frei gehalten für eine künftige Performance. Die Daseinsberechtigung der ephemeren Kunst ist Morger ein wichtiges Anliegen: «Performances finden zu bestimmten Zeiten an einem bestimmten Ort statt. Das verlangt Kapazität des Publikums.» Es muss sich einlassen und muss diese Möglichkeit aber zuerst einmal erhalten. Dafür sorgt der abgegrenzte und damit reservierte Platz. Aus­serhalb der Performance, die meiste Zeit also, ist er als Raum im Raum zu sehen.

Leistung als Zuwendung
‹Cleaning Her›, 2021, wiederum weist Parallelen auf zu ‹Lèche Vitrines›: Die Künstlerin bewegt sich für diese Performance zu verschiedenen Stationen im Aussenraum; die Handlung konzentriert sich vollständig zwischen Künstlerin und Objekt. In diesem Fall putzt sie sieben Werke im öffentlichen Raum. Säubern als Geste der Zuwendung, Pflege als Aufmerksamkeit und Wertschätzung, Dienstleistung mehr als Dienst denn als Leistung – Martina Morger schreibt die Kontexte neu und definiert einen grossen Auftrag: «Ein Vorschlag, wie wir unser Zusammenleben gestalten: Das sollte Kunst sein.»

Die Zitate stammen aus einem Gespräch mit der Künstlerin am 10.9.2021 im Kunstmuseum St. Gallen.
Kristin Schmidt, Kunsthistorikerin, lebt in St. Gallen, post@kristinschmidt.de

Jusqu'à 
06.03.2022

Martina Morger (*1989, in Vaduz) lebt in Balzers und Hannover

2018–2019 Glasgow School of Arts, Master Fine Arts Practice
2017–2018 Universität für angewandte Kunst Wien, Transmedia Arts
2015–2018 Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), Bachelor Bildende Kunst
2007–2010 Universität Zürich, Medienwissenschaften

Ausgewählte Einzel- und Gruppenausstellungen
2021 ‹Stretch›, Lovaas Projects, München; ‹Printing Your Dreams›, Warenlift, Zürich
2020 ‹App’n’cell Now›, Kunsthalle Ziegelhütte, Appenzell; ‹Bloody Morrow›, Lavender Sunrise, Nextex, St. Gallen; ‹I Might Be Staring At Infinity (or the backs of my own eyelids)›, Virtual ARTIM, Baku; ‹Lèche Vitrines›, Cité Internationale des Arts, Paris
2019 ‹To Smooth the Furrowed Brow›, B32, Maastricht; ‹Hairy Death Spiral›, Intermedia Gallery, CCA, Glasgow; 58th Venedig Biennale, Liechtenstein symposium: Art in Dataspace, Museo Correr, Venedig; ‹Alight›, National Galleries of Scotland, Edinburgh
2018 ‹Heimspiel›, Kunstmuseum Appenzell; ‹Aller Retour›, Galleria Lapinlahti, Helsinki

expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Martina Morger — Lèche Vitrines 17.09.2021 - 06.03.2022 exposition St. Gallen
Schweiz
CH
Artiste(s)
Martina Morger
Auteur(s)
Kristin Schmidt

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