Sammlerstücke — Ein Kleinkind zwischen Hypnos und Thanatos

Sigismund Righini · Schlafendes Kind, 11.12.1900, Öl auf Leinwand auf Holzfaserplatte aufgezogen, 33 x 28 cm, Rahmenmass 41,7 x 33,7 x 3 cm

Sigismund Righini · Schlafendes Kind, 11.12.1900, Öl auf Leinwand auf Holzfaserplatte aufgezogen, 33 x 28 cm, Rahmenmass 41,7 x 33,7 x 3 cm

Fokus

Die Grabrede für Ferdinand Hodler hielt Sigismund Righini. Das markiert die Position des Zürcher Malers in seiner Zeit. Später betätigte er sich vornehmlich als Kunstfunktionär. Er war Freund von Amiet und Giacometti und holte van Gogh und Picasso ins Kunsthaus. Sein ‹Schlafendes Kind› gehört des ungeachtet zu den berührendsten Bildnissen der Kunstgeschichte. 

Sammlerstücke — Ein Kleinkind zwischen Hypnos und Thanatos

Righinis ‹Schlafendes Kind› betrachten wir heute nicht ohne unwillkürlich an die Presse­bilder des Leichnams des syrischen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi zu denken, der im September 2015 bäuchlings an einen türkischen Badestrand gespült wurde. Einige Fotos zeigen ihn, wie das Kind bei Righini, in verkürzter Perspektive, die ­Füsse im Vordergrund. Die abgebildeten Kinder dürften dasselbe Alter haben. Keine drei Jahre alt. Sind die Analogien damit erschöpft? Sehen wir genauer hin.
Wir sehen auf dem kleinen, hochformatigen Ölbild, in dem Braun und ­Ockertöne neben dem Weiss eines faltigen Hemdchens dominieren, ein vielleicht zwei bis dreijähriges Kind in starker Verkürzung mit dem rechten Füsschen uns entgegen auf dem Rücken liegend, während das linke mit Knie und weissem Kleidchen hinter dem Rahmen rechts verschwindet. Die kompositorische Unordnung rechts besitzt eine Spiegelung im Motiv auf der linken Bildseite: das zerzauste Haar des Kindes, die betont abjekte Form des Ohrs, die nackte Schulter und schliesslich der verrutschte Ärmel des Nachthemdchens, dem die kleine Hand fehlt. Ist sie hineingerutscht? Oder abgetrennt? Das Kind mit dem grossen Kopf hat die Augen geschlossen. Es scheint zu lächeln und seine gespreizten Beinchen deuten entspannten Schlaf an. Oder ist es tot? Jedes Bettzeug fehlt. Statt Plüsch und Kleinkindplunder definiert Pinselbraun den unklaren Bildraum und als Corona umgibt wolkiges Schwarz das blonde Haar.
Mit der Verbreitung des Aylan-Kurdi-Fotos verband sich jenseits des medialen Rummels – wir erinnern Ai Wei Weis plumpes Kurdi-Bodrum-Reenactment – die aktivistische Hoffnung, Kurdis Opfer sei nicht umsonst, sein Tod werde die Welt zu  Besinnung und Hilfsbereitschaft rufen. Diese eschatologische Hoffnung knüpft sich nicht, darin liegt das Missverständnis, an die Sache selbst, nämlich den Skandal der Flüchtlingskrise, sondern einzig an das aufgerufene Bild des toten Jungen, das in der Reihe erlösungsmächtiger und dämonischer Pathosformeln steht: Mantegnas ‹Beweinung Christi› in der Mailänder Brera machte 1480 mit der dramatischen Verkürzung des Leichnams des Gekreuzigten, die ihn uns leibhaftig nahebringt, den Anfang. Hans Baldung Grien folgte profaniert mit dem ‹Behexten Stallknecht›, 1534, nach.
Sigismund Righini (1870–1937) kannte sie und legte sein Kind mit Bedacht und uns zur Verantwortung zwischen Thanatos, und Hypnos, den Tod und seinen kleinen Bruder Schlaf, den grossen Meistern nach. Darin liegt die Differenz zwischen der Kunst Righinis und dem stupiden Spiel heutiger Social-Media-Spektakel.

Max Glauner, Kulturhistoriker,  Journalist und Dozent an der ZHdK, lebt in Zürich und Berlin, maxglauner.com

→ Sammlerstücke: Autor/innen kommentieren ein Werk aus der Sammlung der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte ↗ www.skkg.ch

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