Vanessa Billy — We Become

Vanessa Billy · Bales, 2021, Feder, Nylon-Netz, je 140 x 130 x 130 cm; Claws, 2021, Stahl, Ausstellungsansicht Kunsthaus Pasquart. Foto: Lia Wagner

Vanessa Billy · Bales, 2021, Feder, Nylon-Netz, je 140 x 130 x 130 cm; Claws, 2021, Stahl, Ausstellungsansicht Kunsthaus Pasquart. Foto: Lia Wagner

Vanessa Billy · Through and Through, 2020, Ausstellungsansicht Kunsthaus Pasquart. Foto: Lia Wagner

Vanessa Billy · Through and Through, 2020, Ausstellungsansicht Kunsthaus Pasquart. Foto: Lia Wagner

Besprechung

Vanessa Billy setzt sich in ihren Arbeiten mit Fragen der Ökologie auseinander, mit Energiekreisläufen und den Auswirkungen menschlichen Handelns. Mit ihren klugen Arbeiten ist sie international erfolgreich. Das Kunsthaus Pasquart präsentiert die Künstlerin in einer grossen Einzelschau.

Vanessa Billy — We Become

Biel — Die Ausstellung beginnt bereits im Aussenraum und im Foyer, mit ‹Claws (Spider)›, 2021: drei Mehrschalengreifer, wuchtige Eisenklauen, wie man sie von Schrottplätzen kennt. Der Titel rückt die Readymades in die Nähe des Animalischen. Die Assoziation «Schrottplatz» spielt darauf an, wie der Mensch die Umwelt verwertet und entwertet. Gedanken, die mitten hinein führen in das Universum von Vanessa Billy (*1978, Genf), das sich im zweiten Obergeschoss des Kunsthauses Pasquart entfaltet. In der 25 Meter langen Tischvitrine im Korridor hat die Künstlerin einen Sandstrand auf Augenhöhe installiert: ‹Desert Beach›, 2012–2021. Es ist nicht die Art von blassgoldenem Sehnsuchtsstrand, wie man ihn aus Reiseprospekten kennt. Der Sand ist dunkel, etwas grobkörnig und wirkt dadurch relativ natürlich – soweit ein Strand in einer Tischvitrine natürlich wirken kann. Auf dem Sand, zum Teil auch halb im Sand verborgen, liegen seltsame kleine Objekte: Finger, Garnelen, so rosarot, als wären sie gekocht, transparente Strukturen, die an leere Garnelenhülsen erinnern. Einige Objekte wirken ziemlich echt, andere sind aufgrund ihrer Materialität (z. B. Bronze oder Kaugummi) leicht als Artefakte erkennbar. Oder vielleicht doch nicht? Vanessa Billy spielt in dieser Arbeit mit der grossen menschlichen Bereitschaft, sich täuschen zu lassen und im Grenzgebiet zwischen Natürlichem und Künstlichem schnell die Orientierung zu verlieren.
Die Strand-Installation bildet gewissermassen das Rückgrat der Ausstellung ‹We Become›. Eine Ausstellung, die zeigt, wie intensiv sich Vanessa Billy mit dem Themenkomplex Mensch und Umwelt befasst und wie sie dabei von ihren Erfahrungen im Umgang mit unterschiedlichen Materialien profitiert. Schweres Gerät wie die Mehrschalengreifer im Eingangsbereich setzt sie ebenso souverän ein wie zarte Vogel­federn oder Glas. Auf rosigen Inseln aus Kalziumkarbonat – dem Hauptbestandteil der Schalen von Meerestieren, Schnecken und Korallen – präsentiert Billy die miteinander korrespondierenden Glasarbeiten ‹Bones›, 2018, und ‹No Bones›, 2018. Die ‹Bones› sind ein Haufen kleiner Glasobjekte, die an Knochen erinnern, an kümmerliche Überreste von etwas, das einmal ein Wirbeltier gewesen sein könnte (oder sogar ein Mensch). Die ‹No Bones› sind zarte Objekte, deren sanft bizarre Formen an wirbellose Tiere denken lassen. Die Doppelarbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie wir verschiedene Lebensformen bewerten und ob Wirbeltiere ihren Platz weit oben in unserer Wertschätzung tatsächlich verdient haben, also: ob sie besser oder wichtiger sind als Wirbellose.
Immer wieder spielt die Ausstellung darauf an, wie menschliche Handlungs- und Sichtweisen nicht nur die Umwelt verändern, sondern auch den menschlichen Handlungsraum. Unter dem Titel ‹Through and Through›, 2020, gestaltet die in Zürich lebende Künstlerin Vorhänge aus Kabeln, die vor zwei Türöffnungen von der Decke herabhängen, und zwar so, dass sie das oberste Viertel des Türrahmens blockieren. Ausserdem wurden am unteren Ende der Kabel Gummiisolierungen entfernt. Die Kupferlitzen liegen frei. Um nicht mit den offen liegenden Kupferkabeln in Berührung zu kommen, müssen die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung sich bücken. Der Mensch beugt sich vor der Technik, die er einst entwickelt hat, um sich das Leben leichter zu machen. Ein gerade in seiner Zurückhaltung gelungenes Bild.
Die Ausstellung im Kunsthaus Pasquart zeigt Vanessa Billy als sehr engagierte, reflektierte, manchmal auch ironische Künstlerin. Sie verdeutlicht aber auch, wie schwierig es für Kunstschaffende sein kann, sich mit einem ebenso vieldiskutierten wie facettenreichen Themenkomplex wie Mensch und Umwelt zu befassen. Nicht immer gelingt es Billy, ihre Einsichten auszuarbeiten, ohne ins Didaktische abzudriften. Die Fotoarbeit ‹Stranded›, 2015, die ein Baby zeigt, das über Plastikabfälle krabbelt, könnte durchaus auch die Broschüre einer Umweltorganisation illustrieren.
Immer wieder schafft Vanessa Billy jedoch beeindruckende, überzeugende Arbeiten, wie das Ensemble in der Salle Poma zeigt. Zum Beispiel die ‹Bales›, 2021, riesige mit Vogelfedern gefüllte Netze, die wie das beängstigend üppige Ergebnis eines Fischzugs am Himmel wirken. Oder die raumgreifende Bodenarbeit ‹Chenille›, 2019: eine aus Silikon gefertigte, schwarze Traktorspur, die gerade dabei zu sein scheint, sich in einen grossen schlängelnden, kriechenden Organismus zu verwandeln. In ­dieser Reifenspur, die zu einem unberechenbaren Etwas mutiert, formiert sich erneut der Gedanke, dass sich alles, was die Menschheit unternimmt, um ihre Umwelt zu gestalten, eines Tages in der einen oder anderen Form auch gegen sie wenden könnte. Im Fall des Kabelvorhangs, unter dem man sich nur ein wenig ducken muss, mag das harmlos erscheinen. Das Reifenspur-Wesen wirkt da schon deutlich bedrohlicher. 

Jusqu'à 
21.11.2021

→ ‹Vanessa Billy – We Become›, Kunsthaus Pasquart, bis 21.11.; ‹Vanessa Billy – Redevenir / We Become›, Hg. Pasquart Kunsthaus Centre d’Art, Biel, und Villa Bernasconi, Genf, erste Monografie der ­Künstlerin. ↗ www.pasquart.ch
→ ‹Vanessa Billy – Redevenir›, Villa Bernasconi, Lancy, bis 14.11. (→ S. 52–55)  ↗ www.villabernasconi.ch

expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Vanessa Billy — WeBecome 12.09.2021 - 21.11.2021 exposition Biel/Bienne
Schweiz
CH
Redevenir — Vanessa Billy 04.09.2021 - 14.11.2021 exposition Genève
Schweiz
CH
Artiste(s)
Vanessa Billy
Auteur(s)
Alice Henkes

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