La Biennale de Lyon — Die Welt als Kulisse

Sylvie Selig · Stateless, 2017–2019, (Detail) Öl auf Leinwand, Länge 50 m; vorne: Objekt aus der ­Sammlung Lugdunum – Musée & théâtres romains, Ausstellungsansicht Biennale de Lyon 2022, Fagor-Werke Halle 1. Foto: Blaise Adilon

Sylvie Selig · Stateless, 2017–2019, (Detail) Öl auf Leinwand, Länge 50 m; vorne: Objekt aus der ­Sammlung Lugdunum – Musée & théâtres romains, Ausstellungsansicht Biennale de Lyon 2022, Fagor-Werke Halle 1. Foto: Blaise Adilon

Ugo Schiavi · Grafted Memory System, 2022, Stahl, Pflanzen, Insekten, CGI-Videos, Fossilien, Knochen,elektrische Kabel, LEDs für den Gartenbau, Ton, Ausstellungsansicht Biennale de Lyon 2022, Musée Guimet. Foto: Blandine Soulage

Ugo Schiavi · Grafted Memory System, 2022, Stahl, Pflanzen, Insekten, CGI-Videos, Fossilien, Knochen,elektrische Kabel, LEDs für den Gartenbau, Ton, Ausstellungsansicht Biennale de Lyon 2022, Musée Guimet. Foto: Blandine Soulage

Besprechung

Ambitioniert verkündet die 16. Lyon-Biennale für zeitgenössische Kunst ein ‹Manifest der Zerbrechlichkeit›. Vor Ort geht es eher um den Ruin des ästhetischen Spätkapitalismus. Vom ­Unbehagen der Scheinheiligkeit begleitet, gibt es bei dieser ­Biennale dennoch gute Kunst zu entdecken.

La Biennale de Lyon — Die Welt als Kulisse

Lyon — «Sie haben mich auf Instagram entdeckt», sagt die 81-jährige Künstlerin ­Sylvie Selig fidel vor ihrem fünfzig Meter langen epischen Gemälde. Gemeint sind die Kuratoren Sam Bardaouil und Till Fellrath, die das Selbstdarstellungs-Tool fleissig nutzen. Seligs unberechnende Werkkraft gehört zu den Highlights der 16. Lyon-Biennale. Daneben Szenen ausgebeuteter Arbeiter des 53-jährigen saudi-arabischen Malers Mohammed Kazem. Und Balletttänzer:innen, die ein Kapitel des «Performance-Monuments» aufführen, das die Ungarin Eszter Salamon dem punkigen Freigeist Valeska Gert errichtet. Dazu kommen historische Gipskopien antiker Skulpturen, geflickte Gemälde aus dem Hospiz-Museum.
All das könnte bewegen. Doch zwischen wenig nachhaltig mit Plastikfolie bespannten Ausstellungswänden fragt man sich, ob die Biennale selbst den «Widerstand» leistet, den sie propagiert. Berichte über schlechte Arbeitsbedingungen des Biennale-Teams oder € 1,2 Millionen Sponsoring aus Doha lassen am Einsatz für «Fragilität» zweifeln. Besonders im dritten Stock des MAC Lyon, welcher der allegorischen Galionsfigur Louise Brunet gewidmet ist. Seidenarbeiterin, 1834 in der Canut-Revolte in Lyon aufgetaucht, dann mit Seidenhändlern und 18 Frauen nach Beirut gereist, dort verschwunden – ein prima intersektionales Narrativ. Nur hat es kaum mit den Werken zu tun. Im Motiv-Mix aus Menschenzoo-Plakaten, Propaganda- und Ex-voto-Gemälden, homoerotischen Akten, Fotos von Oktopussen und allerlei Fragmenten erscheint die Welt als Kulisse, das politische Anliegen als Aufreger, verflachen Werke zu Likes. So läutet diese Biennale den Ruin des ästhetischen Spätkapitalismus ein. Hans Op de Beeck inszeniert das mit ‹We Were the Last to Stay› in Halle 4 der Fagor-Fabrik, Markus Schinwald gibt ihm mit ‹Panorama 22› in ­Halle 1 neuromantische Züge, Taryn Simons ‹Paperwork and the Will of the Capit› geopolitische Tragweite. Im ruinösen Musée Guimet spielen Ugo Shiavis durchwucherte Server-Regale und 3D-Animationen schaurig-schöne Aussichtslosigkeit. Im Kapitel ‹Beirut and the Golden Sixties› im MAC Lyon, Neuaufguss der Schau im Berliner Gropius Bau, positionieren sich Joana Hadjithomas und Khalil Joreige klar: ‹Comme la nuit se fait quand le jour s’en va› zeigt Aufzeichnungen von Überwachungskameras des Sursock-Museums, vor und nach der Explosion im Beiruter Hafen. Zerstörung als Werk. Sich danach weiterhin erhaben mit fein gehängter Kunst als Gamechanger zu verstehen lässt stattdessen alles, wie es ist.

Jusqu'à 
31.12.2022

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