Mark Wallinger — Action Painting aus einer neuen Perspektive

Mark Wallinger · Proteus Painting 10, 2021, Plastilin auf Holzfaserplatte, 84 x 59,5 cm © ProLitteris. Foto: Damian Griffiths

Mark Wallinger · Proteus Painting 10, 2021, Plastilin auf Holzfaserplatte, 84 x 59,5 cm © ProLitteris. Foto: Damian Griffiths

Besprechung

Das Museum Langmatt zeigt erstmals in der Schweiz die aktuelle Malerei Mark Wallingers und setzt so den Dialog zwischen heutigen Positionen und dem Bestand französischer Impressionisten fort. Gleichzeitig hat es sich einen cleveren Denker ins Haus geholt, der mit den Mythen der Malerei an sich spielt.

Mark Wallinger — Action Painting aus einer neuen Perspektive

Baden — Mark Wallinger (*1959, Chigwell), Biennale-Teilnehmer und Turner-Preis-träger, ist eigentlich für andere Arbeiten bekannt als die Art von Malerei, die aktuell im Museum Langmatt zu sehen ist … Und, ist es denn überhaupt Malerei? Man stutzt! Im Hauptsaal empfängt einen die Serie ‹Action Paintings›, für welche der Londoner Künstler seine Hände in silberne Farbe eintauchte. Die «leuchtenden» Gesten auf den schwarzen Leinwänden wirken ein wenig wie die Spuren freudiger Kindergärtler:innen, die mit Fingerfarben auf eine Scheibe losgelassen wurden – wenn auch «edeler» aufgrund der Grossformate, des Hell-Dunkel-Kontrasts. Zudem spielt Wallinger mit Format und Symmetrien, indem er die Dimension der Leinwände an seinem Körper und der Armlänge ausrichtete und sie bei der Arbeit gezielt drehte.
Technik und Material der ‹Proteus Paintings›, vordergründig abwechslungsreiche polychrome Arbeiten im Format A1, sind ebenso spielerisch: Buntes Plastilin wurde auf Gaze auf Holz aufgetragen. Im Lockdown mit beschränktem Platz habe er gemerkt, dass Plastilin auch auf der Basis von Leinöl funktioniere, worauf es «kein Halten» mehr gegeben habe, so Wallinger. Es entstanden vielfarbige Werke mithilfe von Hitze und Terpentin. Mehr geknetet als gemalt, funktionieren sie in der prächtigen Villa als Teil kontrastierender Seherfahrungen: Sie lassen sich etwa als Gegenstück zu Monets impressionistischer Haltung lesen oder nehmen vermeintlich die detailreichen Tapeten oder Aderstrukturen im Marmor auf …
Beide Serien sind, obwohl ohne Pinsel entstanden, für Grundfragen der Malerei anschlussfähig. Eine solche wirft Wallinger gezielt hintersinnig auf, indem er die eine Werkreihe mit der Tradition des Action Paintings verknüpft. Die Proteus-Serie lässt gar die Frage nach der Rolle des Künstlers, speziell Malers als intuitiven «Schöpfer» anklingen: Proteus ist antiker Meeresgott, aber auch titelgebend für ein Kapitel in James Joyces Epos ‹Ulysses›, wobei es beim Gott ebenso wie im Text, vereinfacht gesagt, um Fragen von Umformung oder Fantasie geht. Man sollte Wallinger, der als kritischer «Konzeptkünstler» bekannt wurde, nicht unterschätzen: Wenn er die Arbeit mit Plastilin im Katalog als «gute Art» von «Kunsttherapie» beschreibt, ist eine gewisse Ironie herauszuhören. Da hinterfragt der ausgebildete Maler neben dem Medium auch seine eigene Rolle und die des Künstlers – wobei der Grad der Kritik und kritischen Reflexion in der Ausstellung nie ganz ablesbar wird. 

Jusqu'à 
11.12.2022
expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Mark Wallinger 18.09.2022 - 11.12.2022 exposition Baden
Schweiz
CH

Publicité