The Other Kabul — Reflexionen über ein fremdes Land

Parastou Forouhar · Sturz, aus der Serie ‹Domestic Suicide for All Seasons›, 2022, digitale Zeichnung auf Japanpapier, 160 x 93,5 cm

Parastou Forouhar · Sturz, aus der Serie ‹Domestic Suicide for All Seasons›, 2022, digitale Zeichnung auf Japanpapier, 160 x 93,5 cm

Besprechung

Mit Afghanistan verbinden die meisten Menschen im Westen die seit Jahrzehnten andauernden Kriege und Konflikte. Eine Ausstellung mit Werken von afghanischen und nicht-afghanischen Kunstschaffenden im Kunstmuseum Thun will die verborgene Schönheit des Landes sichtbar machen.

The Other Kabul — Reflexionen über ein fremdes Land

Thun — Sie strahlen hell und farbenfroh wie Sinnbilder der Hoffnung und der Lebensfreude: die Leuchtobjekte von Iftikhar Dadi und Elizabeth Dadi. Das pakistanisch-amerikanische Duo beschäftigt sich mit Blumen, die symbolisch für bestimmte Länder oder Regionen stehen und damit politisch aufgeladen sind. Die stilisierten, mit Lichtelementen bestückten Blüten erinnern an Leuchtreklamen, die ihre Botschaft still, aber unübersehbar ausstrahlen. Es ist nicht die einzige Arbeit, die mit dem Ausstellungstitel ‹The Other Kabul – Remains of the Garden› verbunden ist. Das Gartenmotiv findet sich explizit auch in einer Bildserie von Arshi Irshad Ahmadzai. Die Künstlerin, die seit Kurzem in Weimar lebt, arrangiert Motive wie Bäume, Blumen und Wasser zu abstrahierten, mehrdeutigen Gärten. In ihren Collagen verbinden sich Schrift und Malerei, Stoffe und Papiermaché. Benannt ist ihre Serie ‹Bagh-e Babur› nach einer grossen Gartenanlage in Kabul. Diese besteht seit fünfhundert Jahren und ist eine der wenigen Grünanlagen der afghanischen Hauptstadt – für deren Bewohner:innen ein beliebter Ort der Entspannung. Doch seit die Taliban im vergangenen Jahr die Macht übernommen haben, ist der Besuch stark eingeschränkt: Männer und Frauen dürfen die Anlage nicht mehr gemeinsam besuchen. Gärten können also durchaus auch Spiegel politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse sein.
Die Ausstellung im Kunstmuseum Thun vereint Arbeiten von zwanzig Künstlerinnen und Künstlern aus Afghanistan und dem Nahen Osten, aus europäischen Ländern und der Schweiz. Eingerichtet wurde sie von Susann Wintsch, der Kuratorin des Vereins Treibsand. Wintsch beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Kunst aus dem vorderasiatischen Raum. Mit ihrer Ausstellung will sie Afghanistan nicht erklären, und sie will auch nicht einfach die düsteren Bilder aus den Nachrichten wiederholen. Sie möchte das berühmte Fünkchen Hoffnung glimmen lassen. Dabei enthält die Schau so manche Arbeit, die auf den ersten Blick weit freundlicher scheint, als sie es ist. Die im Iran geborene, heute in Frankfurt lebende Künstlerin Parastou Forouhar zeigt in ornamentalen Bildern Häuser, Höfe und Gärten, private Lebenswelten, die friedlich erscheinen. Nur wenn man genau hinsieht, entdeckt man in den reichen Mustern und Arabesken Frauenfiguren, die sich von Dächern oder in Brunnenschächte stürzen. ‹Domestic Suicide for all Seasons› heisst die Bildserie denn auch, die darauf Bezug nimmt, dass die Suizidrate unter Frauen in Afghanistan enorm hoch ist. 

Jusqu'à 
04.12.2022

→ ‹The Other Kabul – Remains of the Garden›, Kunstmuseum Thun, bis 4.12. ↗ kunstmuseumthun.ch
→ Symposium ‹Zeitgenössische Kunst aus Afghanistan›, HKB Bern, 4.11. ↗ www.hkb.bfh.ch

expositions/newsticker Date Type Ville Pays
The Other Kabul 03.09.2022 - 04.12.2022 exposition Thun
Schweiz
CH
Artiste(s)
Parastou Forouhar
Auteur(s)
Alice Henkes

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