Venedigsche Sterne — Gestickte Gegenwart mit Tradition

Louise Bourgeois · Polar Star, 2008 (Wand hinten); Untitled, 1996 (rechts) © The Easton Foundation / ProLitteris; Johanna Natalie Wintsch · Stickereien von 1922 bis 1924 (Wand links); historische Stickereien aus dem Rätischen ­Museum (Vitrinen), Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur 2022

Louise Bourgeois · Polar Star, 2008 (Wand hinten); Untitled, 1996 (rechts) © The Easton Foundation / ProLitteris; Johanna Natalie Wintsch · Stickereien von 1922 bis 1924 (Wand links); historische Stickereien aus dem Rätischen ­Museum (Vitrinen), Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur 2022

Latifa Zafar Attaii · One Thousand Individuals, 2021/22, Ausstellungsansicht Bündner ­Kunstmuseum Chur 2022

Latifa Zafar Attaii · One Thousand Individuals, 2021/22, Ausstellungsansicht Bündner ­Kunstmuseum Chur 2022

Besprechung

Bestickte historische Textilien treffen auf moderne und zeitgenössische Kunst. Die Ausstellung in Chur zeigt die weit gereisten Motive des traditionellen, aber global inspirierten Bündner Kreuzstichs und erzählt im Zeitgenössischen, wie gestickte Kunst zu Gesellschaftskritik werden kann.

Venedigsche Sterne — Gestickte Gegenwart mit Tradition

Chur — Bettwäsche für die Aussteuer, Tauftücher und Trachtenstücke bilden den Auftakt der Ausstellung ‹Venedigsche Sterne› im Bündner Kunstmuseum. Die alpinen Stickereien aus dem 17. bis 19. Jahrhundert entstammen dem Fundus des Rätischen Museums. Mit ihren Motiven wie Löwen, Granatäpfel oder dem «Venedigschen Stern» verweisen sie auf einen Kulturaustausch, denn die Sujets kamen über das damalige Handelszentrum Venedig und den Mittleren Osten ins Engadin und wurden im Kreuzstich zum Bündner Kulturgut. Die gleichen Motive waren somit auch der türkischen Künstlerin Gözde İlkin vertraut. Sie stickte sie auf Textilien der Aussteuer ihrer Mutter und lädt uns damit ein, den Bündner Kreuzstich in einem erweiterten Kontext zu betrachten.
Stickerei in der Kunst ist nicht neu. Alice Bailly, Sophie Taeuber-Arp oder Ernst Ludwig Kirchner haben als Pionier:innen bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Kunst mit dem traditionellen Handwerk neue Impulse gegeben. Dass sich zahlreiche zeitgenössische Kunstschaffende, besonders Künstlerinnen, dem Sticken widmen, hat aber sogar das Kuratorenteam Stephan Kunz und Susann Wintsch überrascht. Angelehnt an die Motivik von Werken Sophie Taeuber-Arps spinnt etwa Isa Melsheimer weisse Fäden von der Wand in den Raum. Diese dialogische Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart durch das Garn steht stellvertretend für die ganze Schau. Während Louise Bourgeois Kleidungsstücke zu persönlichen Botschaften machte, visualisiert Véronique Arnold Geschichten von Arbeiterinnen aus der Textilbranche. Bearbeitet werden aber nicht nur Textilien: Eliza Bennet bestickte ihre eigene Handfläche, zu sehen in der Fotografie und im Video ‹A woman’s work is never done›, 2012.
Politische und sozialkritische Töne werden auch laut, wenn Rozita Sharafjahan Porträts von Sängerinnen aus islamisch geprägten Ländern bestickt, denen das Singen in der Öffentlichkeit verboten ist. Nicht weniger beeindrucken die ‹One Thousand Individuals›, 2021/22, der Afghanin Latifa Zafar Attaii, die als Geflüchtete in Teheran lebt. Sie hat Passfotos von Menschen, die, wie sie selbst, der diskriminierten und verfolgten ethnischen Gruppe der Hazara (übersetzt «die Tausend») angehören, bis zur Anonymität bestickt und schützt sie damit vor Verfolgung. So tragisch die Thematik ist, der Arbeit liegt keine Trauer zugrunde, sondern – wie die bunte Farbpalette verdeutlicht – vielmehr die Hoffnung auf eine Zukunft von Gleichberechtigung. Kunst und Stickerei werden so zu Formen des Protests.

Jusqu'à 
20.11.2022

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