To Watch the War

Dana Kavelina · Letter to a Turtledove, 2020

Dana Kavelina · Letter to a Turtledove, 2020

Andriy Rachynsky & Daniil Revkovsky · Sky.Invasion, 2022

Andriy Rachynsky & Daniil Revkovsky · Sky.Invasion, 2022

Hinweis

To Watch the War

Winterthur — Seit Februar schaut die Welt auf den Osten der Ukraine, wo nach dem Einmarsch der russischen Armee bis zum heutigen Tag gekämpft wird. Die Ausstellung in der Coalmine in Winterthur blickt in dieselbe Richtung und bietet trotzdem eine eigene Perspektive.
Der Krieg in der Ukraine wird nicht nur mit Gewehren, Panzern und Artillerie geführt. Wichtige Waffe ist das Smartphone und die darin verbaute Kamera. Videos kursieren auf Social-Media-Plattformen und Messengerdiensten, und noch bevor ein Offizier, ein:e Kriegsexpert:in oder eine Zeitung das Geschehene einordnen kann, haben es schon Tausende Menschen auf ihrem Bildschirm; direkt, roh und rücksichtslos. Die Wirkungsmacht des bewegten Bildes zeigen die in der Ukraine lebenden Kuratoren Olexii Kuchanskyi und Oleksiy Radynski zusammen mit Annette Amberg in der Ausstellung ‹To Watch the War – The Moving Image Amidst the Invasion of Ukraine (2014–2022)› in der Coalmine.
Anhand von 21 Videoarbeiten ukrainischer Künstler:innen zeichnen die Kuratierenden die Geschehnisse in der Ostukraine nach. Die Ausstellung umfasst den Zeitraum von beinahe zehn Jahren ab 2013, kurz vor der russischen Annexion der Halbinsel Krim, und endet mit dem Ausbruch des «Great War».
Bewegt man sich durch die Räume der Coal-mine, so beschleicht einen ein Gefühl der Überforderung. An den weissen Wänden hängen Bildschirme, davor stehen Holzhocker. Sie laden ein, sich einen Kopfhörer zu greifen und in die Arbeiten einzutauchen.
Neuere und experimentelle Werke bedienen sich zumeist Found Footage, die auf YouTube oder auf Messengerdiensten zirkulieren, und kombinieren diese mit digital erzeugten Figuren. Dem gegenüber werden im ruhigen Dokumentationsstil Geschichten erzählt, beispielsweise aus der Hafenstadt Mariupol und von ihren Anwohnern. Während die Kamera langsam über das Asowsche Meer schwenkt, liest man im Untertitel die Übersetzung der ukrainischen Erzählstimme: «Seemine».
Entgegen dem Umgang mit unseren Smart-phones, auf denen unangenehme Bilder mit einem Wisch verschwinden, gibt es in den fensterlosen Räumen der Coalmine kein schnelles Entrinnen vor den schweren Inhalten. Klar, als Besucher:in entscheiden wir selbst, welche Arbeiten wir genauer anschauen wollen. Doch die Videokünstler:innen ziehen uns mit ihren Arbeiten unweigerlich in Bann, sodass wir bereit sind, uns den Bildern und Geschichten zu stellen. Die Ausstellung wird in ihrer Fülle auch zu einem facettenreichen Archiv zu den Geschehnissen in einem Land, das bis vor Kurzem in unseren Breitengraden wenig Beachtung fand. 

Dominik Rogenmoser im Rahmen von CAS Schreiben in Kunst und Kultur, ZHdK, 2022.

Jusqu'à 
18.12.2022

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