Werner von Mutzenbecher — Essenzen dessen, was wir sind

Werner von Mutzenbecher · Behälter, 1980er; Figur, 1990, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2022. Foto: Gina Folly

Werner von Mutzenbecher · Behälter, 1980er; Figur, 1990, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2022. Foto: Gina Folly

Werner von Mutzenbecher · Fadenkreuz diagonal vor Schachtel, 1989; Fadenkreuz, 1989; Silhouette, 1964, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2022. Foto: Gina Folly

Werner von Mutzenbecher · Fadenkreuz diagonal vor Schachtel, 1989; Fadenkreuz, 1989; Silhouette, 1964, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2022. Foto: Gina Folly

Werner von Mutzenbecher · Zeitungsbilder I/II, 2017, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2022. Foto: Gina Folly

Werner von Mutzenbecher · Zeitungsbilder I/II, 2017, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2022. Foto: Gina Folly

Werner von Mutzenbecher · Rheinhafen, Basel, 1977; Chicago, 1978 / New York, 1978, Ausstellungs­ansicht Kunsthaus Baselland 2022. Foto: Gina Folly

Werner von Mutzenbecher · Rheinhafen, Basel, 1977; Chicago, 1978 / New York, 1978, Ausstellungs­ansicht Kunsthaus Baselland 2022. Foto: Gina Folly

Besprechung

Werner von Mutzenbecher ist Künstler. Und er ist ein Mensch, der durch die Kunst das Menschsein zu vermitteln vermag. Der ursprünglich aus Deutschland stammende Maler bringt eine authentische Leichtigkeit wie auch eine Schwere – beide dem Leben zu gleichen Teilen eigen – in seinen Werken zum Ausdruck.

Werner von Mutzenbecher — Essenzen dessen, was wir sind

Basel/Muttenz — «Ich bin Purist.» Werner von Mutzenbecher steht vor seinen Kunstwerken, und es ist ihm anzusehen, dass er immer noch strotzt vor Schaffensdrang. Der inzwischen 85-jährige Maler und Medienkünstler wehrte sich ausdrücklich gegen den Begriff der Retrospektive für seine aktuelle Ausstellung im Kunsthaus ­Baselland, die uns auf eine Reise von seinen frühesten Arbeiten aus den 1950er-Jahren bis zu neuesten Werken führt. Für von Mutzenbecher ist die Schau vielmehr ein Abbild dessen, wo er als Künstler steht – in der Welt und mit der Welt.
Werner von Mutzenbecher (*1937) wurde in Frankfurt am Main geboren und gelangte schliesslich über Schlesien in die Schweiz. Schule und Kunststudium absolvierte er in Basel, wo er später, von 1987 bis 2000, die Fachklasse für freies bildnerisches Gestalten an der HGK leitete. Sein eigenes künstlerisches Schaffen bleibt nicht unberührt von Themen, die aus Erfahrungen mit Krieg, Identitätssuche und dem Dialog mit dem Idealen herrühren. Was ist unsere Vorstellung von Frieden?
Der Künstler vermag es, durch eine klare Formensprache, die einen so stringenten wie konzeptuellen Charakter aufweist, und zugleich durch das Erzeugen geheimnisvoller Bildatmosphären sowohl den Verstand als auch das Gefühl anzusprechen. Bildkompositorische Konzepte, stets aus der Realität gegriffen, werden immer wieder analytisch betrachtet, verworfen, wieder aufgegriffen und in einer intensiven Dichte neu aufgebaut. Ein Parcours aus assoziativen, formalen und thematischen Verbindungen, der den Anspruch auf Vollständigkeit überspringt, führt uns im hinteren Teil des Kunsthaus Baselland zu den anfänglichen Bildern. Das ‹Totenzimmer› erscheint in dunklen Schattierungen und in fast bedrohlicher Melancholie. Der Lebende, der auf den toten Liegenden schaut, ist womöglich Werner von Mutzenbechers eigener Doppelgänger. Das, was zwischen Leben und Sterben liegt, das Existenzielle, ist deutlich spürbar und zieht sich durch das gesamte Werk des Künstlers.
Weiter lässt sich eine Bewegung ausgehend vom Figürlichen erkennen, dem er sich langsam zu entziehen versucht – über energisches, abstraktes Action Painting bis hin zu geometrischen, klaren Formen. «Mit der Figur habe ich immer gerungen», erzählt Werner von Mutzenbecher. Vielleicht auch um sie. Denn sie taucht immer wieder auf. In seinen Bildern der 1980er-Jahre entstehen konstruierte Volumina, denen, so scheint es, eine eigene, fast technische Logik innewohnt. Doch auch diese Bilder sind keineswegs emotionslos. Vielmehr sind es ganz bewusste, innere Zustände, mit denen der Künstler ans Malen heranging. Politische wie gesellschaftliche Diskurse und Krisen beschäftigen ihn sehr. Dabei bezog er immer Position. Diese verarbeitete er in seiner Malerei, welche er auch als psychomotorische Angelegenheit bezeichnet. So entsteht eine Art Aura um seine Bilder – vor allem, wenn wir an Walter Benjamins Definition derselben als «einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag» denken. Etwas Metaphysisches schwingt jedenfalls mit in diesen grossflächigen, in jeder Hinsicht vielschichtigen und räumlich wirkungsvollen Bildern, die häufig in Grund- und Signalfarben angelegt sind.
Werner von Mutzenbecher bleibt jedoch nicht auf der Leinwand, oder auf dem Zeitungspapier. Er zog in den 1970ern durch die Welt, mit einer analogen Super-8-Kamera und mit einem Blick, der die Formen und Figuren von Rom bis New York auf all ihre potenziellen Geheimnisse, den Raum, die Linie, den Körper hin untersuchte. Sein analytisches Auge äusserte sich im Werk immer wieder in einem Hang zur Narration und zur Überlagerung verschiedener Ebenen, die schliesslich die Verhältnisse in den Dimensionen von Raum und Zeit zu verschieben vermögen. Was sehe ich? Wer sieht mich? Plötzlich sind verschiedene Perspektiven möglich, andere Tempi und Chronologien. Die Filme sind ein Spiel aus Arrangements und Fragmenten: Werner von Mutzenbecher wird ein Meister des Bildes im Bild. Der Ausschnitt der Kamera scheint begrenzt, und doch eröffnet er ganz ungeahnte Möglichkeiten, die den Horizont der Imagination weiter werden lassen. Durch Performances des Künstlers vor der Kamera bekommt der Körper auf einmal eine ganz neue Funktion.
Ines Goldbach, Direktorin des Kunsthaus Baselland, formuliert den Ansatz des Künstlers wie folgt: «Die Themen verlangen nach der Wahl der Gattungen, nicht umgekehrt.» So arbeitete sich Werner von Mutzenbecher durch eine enorme Spannbreite an künstlerischen Methoden und Disziplinen, um dem Wesen seiner Arbeit auf den Grund zu gehen. Auch die Literatur wurde zu einem zentralen Moment in seinem Werk. Ausgehend von der zeichnenden Linie das Schreiben begreifend, druckte der Künstler, der nie den Anspruch auf ein Gesamtkunstwerk hatte, Novalis’ ‹Hymne an die Nacht› auf Papier. Es war auch seine Art, diesem von ihm geliebten Gedicht näher zu kommen. Dabei arbeitete der Künstler immer nah am Leben – eben: nah an der Figur, am Körper. Etwas davon zieht sich durch – das Körpernahe, das der eignen (Künstler-)Identität und dem Menschsein Nahe – und bleibt haften an der Welt in und um uns. So, wie – mit Werner von Mutzenbecher gesprochen – auch die «tote Malerei weiterleben wird». 

Jusqu'à 
13.11.2022
expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Werner von Mutzenbecher 09.09.2022 - 13.11.2022 exposition Basel/Muttenz
Schweiz
CH

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