Anne-Julie Raccoursier — Zeit als Fläche

Workflow, 2018, Video, 30’, Videostills; aus: Blue Cheap, Ferme-Asile, Sion

Workflow, 2018, Video, 30’, Videostills; aus: Blue Cheap, Ferme-Asile, Sion

Workflow, 2018, Video, 30’, Videostills; aus: Blue Cheap, Ferme-Asile, Sion

Workflow, 2018, Video, 30’, Videostills; aus: Blue Cheap, Ferme-Asile, Sion

Happy Hour, 2013, Video 60’, Videostill

Happy Hour, 2013, Video 60’, Videostill

Trend Day, 2018, Video, 80’, Videostill

Trend Day, 2018, Video, 80’, Videostill

Remote Viewer, 2018, Neon-Installation, 36 x 110 cm

Remote Viewer, 2018, Neon-Installation, 36 x 110 cm

Anne-Julie Raccoursier, 2018

Anne-Julie Raccoursier, 2018

Fokus

Anne-Julie Raccoursier präsentiert in ihrer Schau ‹Blue Cheap› in der ehemaligen Scheune Ferme-Asile in Sitten acht neuere Videos und eine Neon-Arbeit. Darin umkreist sie Phänomene aus unserer heutigen Arbeits- und Freizeitwelt: Automatisierung, Kooperation mit Robotern, massenhafte Mobilität. Eine eigene Form von Langsamkeit prägt ihre filmische Arbeit.

Anne-Julie Raccoursier — Zeit als Fläche

Eine Reihe von weissen Hemden zischt entlang eines Transportgleises, nimmt eine Kurve, verschwindet aus dem Bildraum. Die Ärmel von blauen Arbeitsschürzen bewegen sich, wie wenn Arme drinstecken und gestikulieren würden. Das Band hält an: Orangefarbene Hosen wippen vor und zurück. Das Video ‹Workflow›, 2018, von Anne-Julie Raccoursier ist an einer grossen Wand im Kunstzentrum Ferme-Asile in Sitten zu sehen. Es verlängert vermeintlich den Raum, sodass wir nun mitten in eine logistische Grossanlage mit Transportbändern und Überwachungskameras blicken und die darin herumfahrende Kleidung betrachten. Kein Mensch ist zwischen diesen bewegten Textilien zu sehen. Ein Kleiderlager von Zalando? Eine Wäscherei? Die Westschweizer Videokünstlerin Anne-Julie Raccoursier interessiert sich seit längerer Zeit für die Automatisierung und den Einsatz von Computern in unserer Arbeitswelt. Wo früher grosse Menschenmassen in Industrie- und Dienstleistungsanlagen gearbeitet und immer ähnliche Handgriffe ausgeübt haben, herrscht heute Menschenleere. Produktionsbänder, Schienen mit beweglichen Haken, Automaten und Roboter ersetzen die menschliche Handlung.

Neue Arbeitswelten
Wie wird unsere Arbeitswelt und im Gegenzug dazu unsere Freizeitwelt in ein paar Jahren aussehen? Diese Frage beschäftigt Anne-Julie Raccoursier seit der Jahrtausendwende in ihren Videoarbeiten: grossformatige filmische Recherchen, wenige und langsame Bewegung. Meist ist kein Ton zu hören. In der Ferme-Asile in Sitten zeigt die Künstlerin unter dem Titel ‹Blue Cheap› acht Videos seit 2013 und eine Neon-Arbeit. Man meint «Blue Chip» zu verstehen und denkt unweigerlich an Börsenhandel und umsatzstarke Aktien. Die Videos fassen verschiedene Phänomene aus der heutigen Arbeits- und Freizeitwelt zusammen. Die Ausstellung lädt uns zu einem Eintauchen in eine Umgebung ein, in der Technologie allgegenwärtig ist. Aber auch Zwischenräume des persönlichen Lebens wie Freizeit, Reisen, Sport sind in der ehemaligen Scheune präsent oder der Weg zur Arbeit und in die Landschaft hinaus. Ein tragbarer Computer im Video ‹Spin-off›, 2018, liegt auf einem kleinen Balkontisch im Regen. Es ist ein dramatischer Moment, weil mit dem Einsetzen eines einfachen Naturelements – Wasser, das vom Himmel fällt – die Maschine ausser Funktion gesetzt wird. Eine Frau liegt lesend auf einer grünen Wiese, in der Ferne hinter ihr bauen sich die Schweizer Alpen als Panorama auf. Alle zwei Minuten donnert ein Flugzeug über ihrem Kopf vorbei. Wir sind in Meyrin, beim Genfer Flughafen, und der Flugverkehr verkündet ‹Trend Day›, 2018. Im Video ‹Happy Hour›, 2013, strömen eine Stunde lang dicht an dicht Menschen aus einer U-Bahn-Haltestelle im Londoner Finance District. Hier wurde gearbeitet und nun geht es nach Hause. Im Zentrum der Ausstellungshalle – ‹Sit-in›, 2014 – zeigt sich ein ehemaliges Stadion als Geisterbühne, die für nichts mehr gebraucht wird und wo die unbebaute Natur allmählich ihren Platz wiedergewinnt. Palmen und Föhren wachsen auf dem Zugang zum Stadium. Darüber wölbt sich der klare blaue Himmel. Und schliesslich staksen Roboter mit dünnen Pferdebeinen über eine grüne Wiese und versuchen, einen Randstein zu überqueren, ein veritabler ‹Job Act›, 2014.

Langsam, repetitiv
«Wir erleben heute diese permanenten Bewegungen, die Zirkulation von Gütern, ihre Manipulation durch Maschinen, den unaufhörlichen Fluss der Dinge. Das provoziert Reflexionen und aktiviert unsere Phantasie um diese Objekte herum», bemerkt Anne-Julie Raccoursier an der Vernissage in Sitten. Aktuelle Lebenselemente in unserer Gesellschaft entwickeln sich durch Erkenntnisse der Informatik, Neurowissenschaft und künstlichen Intelligenz. Die Hybridisierung unserer Körper durch Interfaces und das Takten von Zeit durch unsichtbare Steuerungen, Pläne und Öffnungszeiten ist überall präsent; und bald sind wir froh, noch unsere Händepaare über eine Feuerstelle zu halten wie im Film ‹Sitting›, 2016. Anne-Julie Raccoursier ist interessiert an modernen Lagerorten, an der Logistik von Waren- und Geldverteilung, an Massenaufläufen in Sport, Kultur und Arbeit. Ihre Videoarbeiten sind bekannt durch Ausstellungen im Kunsthaus Langenthal (2011) oder im Château de Gruyère (2016). Die Künstlerin benennt immer wieder zwei wesentliche Zustände unserer Gesellschaft. Ein Teil der Menschen ist hyperaktiv und übermotiviert, der andere schlaflos und am Rand des Zusammenbruchs. Sie ist eine genaue Beobachterin unserer Zeit, mit einem Gespür für absurde Momente und Begebenheiten. Ein feiner Humor und Sinn für unsichtbare Ereignisse ziehen sich wie ein roter Faden durch ihre filmische Arbeit, in der Langsamkeit und Repetition wichtige Merkmale darstellen. Die Zeit ist in ihren Videos eine lang ausgebreitete Fläche, auf der sich fast nichts abspielt. In einem früheren Video filmt sie Pferde in einer Klinik für depressive Tiere, wo Pferde auf einer Laufmaschine (‹Crazy Horse›, 2009) unter Kunstlicht bewegt werden. Ein anderes Video zeigt ein Ballett von zwanzig Polizisten auf ihren Motorrädern, die langsam ihre Bahn ziehen (‹Whirligig›, 2007). Immer wieder stellt sie Orte, die Massen an Gütern und Menschen versammeln, aber in unserer Gesellschaft eigentlich nicht wahrgenommen werden, ins Zentrum ihrer filmischen Recherche. Dokumentarisch würde man ihre Arbeit gerne nennen, aber über die Dokumentation reicht sie weit hinaus. Feine Zeichen von Inszenierung und Ironie ziehen durch das filmische Gelände in der Ferme-Asile. Man schreitet hindurch und hat den Eindruck, einen reichen Arbeitstag hinter sich zu haben, wenn man schliesslich vor dem Neon-Objekt ‹Remote Viewer›, 2018, steht. Die zweizeilige Schrift ‹Remote Viewer› verweist auf unsere Distanz zu den Dingen und deren Unnahbarkeit. Der Begriff stammt aus den Siebzigerjahren, als im Kalten Krieg der Vorsprung im Beobachten und generell Kanäle der Wahrnehmung wie Intuition und Hellsichtigkeit eine wichtige Rolle spielten. Dies sind auch zentrale Themen für Anne-Julie Raccoursier: «Ich spiele mit dieser Idee der Hellsichtigkeit, weil ich sie als eine spezielle Fähigkeit in unserem Beobachten interpretiere.»

Sibylle Omlin ist Kunsthistorikerin und Kuratorin. Sie lebt im Wallis/Schweiz. sibylle.omlin@gmail.com

Jusqu'à 
16.12.2018

Anne-Julie Raccoursier (*1974 in Lausanne) lebt in Genf und Lausanne
1994–1999 Ecole Supérieure d’Art Visuel de Genève
2001–2003 Master of Fine Arts in Critical Studies, California Institute of the Arts, Valencia, Los Angeles

Einzelausstellungen (Auswahl)
2008 ‹Non-Stop Fun›, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne
2009 ‹Crazy Horse›, o.T. Raum für aktuelle Kunst, Luzern
2011 ‹Loop Line›, Kunsthaus Langenthal; ‹Crazy Horse›, Palais de Tokyo, Paris
2012 Künstlerverein Malkasten, Düsseldorf
2016 ‹Great Hall›, Château de Gruyères, Gruyères
2017 ‹Back to Back›, Overbeck-Gesellschaft, St.Petri, Lübeck; ‹Vidéoconfiance›, Parlement du canton de Vaud, Lausanne

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2008/09 ‹Shifting Identities›, Kunsthaus Zürich; CAC, Vilnius
2011 ‹Echoes›, Centre Culturel Suisse, Paris; ‹Gallery Hotel Art Poject›, Gallery Hotel, Tang Contemporary, Beijing; ‹DEAD Lines – Der Tod in Kunst›, Von der Heydt Museum, Wuppertal
2012 A House Full Of Music – Strategien In Musik Und Kunst›, Mathildenhöhe Darmstadt
2013 ‹Making Space. 40 ans d’art vidéo›, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne; ‹The Weak Sex›, Kunstmuseum Bern; ‹Visionen – Atmosphären der Veränderung›, MARTa Herford, Herford
2014 ‹Die Dada La Dada She Dada›, Forum Schlossplatz, Aarau
2016 ‹Révélations›, Musée Rath, Genève
2017 ‹The show must go on›, Kunstmuseum Bern

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Blue cheap : Anne-Julie Raccoursier 14.10.2018 - 16.12.2018 Ausstellung Sion
Schweiz
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