Balthus — Irritierender Altmeister der Moderne

Balthus · Les enfants Blanchard, 1937, Öl auf Leinwand, 125 x 130 cm, Courtesy RMN-Grand Palais / Musée national Picasso-Paris, Schenkung der Erben Picassos, 1973/1978. Foto: Mathieu Rabeau

Balthus · Les enfants Blanchard, 1937, Öl auf Leinwand, 125 x 130 cm, Courtesy RMN-Grand Palais / Musée national Picasso-Paris, Schenkung der Erben Picassos, 1973/1978. Foto: Mathieu Rabeau

Besprechung

An seiner Kunst kann man sich wund reiben oder mit seinem Freund Alberto Giacometti ausrufen: «Wir haben ihn satt, diesen Balthus mit seinen kleinen Mädchen!» Vierzig Gemälde des Grossmeisters und Autodidakten Balthus zeigt die Fondation Beyeler. Sie alle haben etwas Lauerndes.

Balthus — Irritierender Altmeister der Moderne

Basel/Riehen — Längst nicht auf allen Bildern sind Mädchen zu sehen, schon gar nicht nur nackte oder solche in verfänglichen Situationen. Und dennoch ist überall Eros zu spüren, selbst noch in der ins späte Licht sich schmiegenden Landschaft von Champrovent oder beim Blick aus dem offenen Fenster im Pariser Atelier an der Cour de Rohan auf die ebenfalls offenen schwarzen Fensterlöcher des Nachbarhauses: dunkel gefärbter, widerständiger Eros; man kann sich von ihm provozieren lassen. Kein Wunder, dass sich die Surrealisten für diese Kunst interessierten. Kein Wunder, dass man sich von dieser renaissanceklaren, dabei nicht selten wie von einem Schleier überzogenen Kühle à la Piero della Francesca, diesen neusachlich beredten Szenografien angezogen fühlen kann und abgestossen zugleich – immer wieder. Vierzig Werke aus dem eher schmalen malerischen Œuvre (rund 350 Gemälde) von Balthus, wie sich der als Balthasar Klossowski geborene Künstler (1908–2001) schon früh nannte, sind in Riehen zu sehen. Die Schau setzt mit dem Frühwerk der späten Zwanzigerjahre ein und schliesst mit wenigen jüngeren Beispielen. Dazwischen behaupten sich die Dreissiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahre mit ihren abgründigen, oft wie eingefroren wirkenden Spielanordnungen mit den puppensteifen oder lasziv hingegossenen Gestalten – sie eignen sich hervorragend für alle möglichen Projektionen. Denn die Empfindungen und Gedanken der Dargestellten, die Atmosphäre, in der sie sich verkörpern, sie sind nie eindeutig, sie bleiben «romantisch» ungewiss. Gewiss hingegen scheint, dass im Blick des Malers auf seine Modelle fast immer beides liegt, ein Erkennen und ein Entblössen. Dem Blick des Betrachters, der Betrachterin geht es nicht anders. So eingefroren die Momente des Dramas, das Leben heisst, auf Balthus’ Bilderbühnen erscheinen, so durchdacht und verhängnisvoll sind sie komponiert. Senkrechte, Waagrechte, Diagonalen, Winkel, dazu der lebendige Lichtfall: Alles erhält eine statuarische Präsenz, egal, in welcher Phase der Langeweile, des Traums, des Übergangs die Gestalten begriffen sind. In vielen Gemälden – wir erinnern uns, dass man in Bezug auf Balthus’ Schaffen gern von der «Ästhetik der Erstarrung» spricht – herrscht eine geradezu monumentale Stille, die jeder auf seine Art  wahrnimmt: fatal, bedrohlich, zukunftsträchtig. Immer aber scheint Melancholie mitzuschwingen, zu der auch die eigenartig unverkennbaren Farben beitragen.

Jusqu'à 
01.01.2019
expositions/newsticker Datetrier par ordre croissant Type Ville Pays
Balthus 02.09.2018 - 01.01.2019 Ausstellung Riehen
Schweiz
CH
Artiste(s)
Balthus
Auteur(s)
Angelika Maass

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