Künstlerinnen — Nicht nur nackt

Carolee Schneemann · Eye Body #6, 1963/1989, Silbergelatineprint, 35,6 x 27,9 cm, Edition 2/2 © ProLitteris, Courtesy Hales, London

Carolee Schneemann · Eye Body #6, 1963/1989, Silbergelatineprint, 35,6 x 27,9 cm, Edition 2/2 © ProLitteris, Courtesy Hales, London

Carolee Schneemann · Eye Body #5 + #26, 1963/1989, Silbergelatineprint, 35,6 x 27,9 cm, Edition 2/2 © ProLitteris, Courtesy Hales, London

Carolee Schneemann · Eye Body #5 + #26, 1963/1989, Silbergelatineprint, 35,6 x 27,9 cm, Edition 2/2 © ProLitteris, Courtesy Hales, London

Carolee Schneemann · Eye Body #5 + #26, 1963/1989, Silbergelatineprint, 35,6 x 27,9 cm, Edition 2/2 © ProLitteris, Courtesy Hales, London

Carolee Schneemann · Eye Body #5 + #26, 1963/1989, Silbergelatineprint, 35,6 x 27,9 cm, Edition 2/2 © ProLitteris, Courtesy Hales, London

Fokus

Ausschliesslich weibliche Kunstschaffende sind im diesjährigen Ausstellungsprogramm der Kunsthalle Winterthur vertreten. Im Interview erläutert Direktor Oliver Kielmayer, warum dem so ist und welche Rolle das Œuvre der feministischen Künstlerin Carolee Schneemann dabei spielt. Ihre Ausstellung ist noch bis Ende Dezember zu sehen.

Künstlerinnen — Nicht nur nackt

Bernardi: Unter dem Titel ‹Women of Winterthur› werden in der Kunsthalle ausschliesslich Künstlerinnen gezeigt. Warum?
Kielmayer: Zum einen sind mir in letzter Zeit einige spannende Künstlerinnen aufgefallen, nach Hito Steyerl und Elizabeth Price beispielsweise Guan Xiao oder Rana Hamadeh, mit denen ich unbedingt zusammenarbeiten wollte. Zum anderen haben mich die Diskussionen um Lohnungleichheit zwischen Mann und Frau oder die MeToo--Debatte schockiert. Ich erinnere mich, dass wir all das bereits in den Achtzigerjahren in der Schule thematisiert hatten und dementsprechend Gleichberechtigung für mich stets selbstverständlich war. Wenn man nun dreissig Jahre später mit denselben Diskussionen konfrontiert wird, fragt man sich, was schiefgelaufen ist. Es gibt absolut keine Entschuldigung dafür, dass in einem Land wie der Schweiz Männer und Frauen nicht gleich behandelt werden.

Bernardi: Gibt es ein solches Ungleichgewicht auch in der Kunst?
Kielmayer: Ich hatte immer den Eindruck, mehrheitlich von Kuratorinnen umgeben zu sein. Entsprechend hatte ich nie das Gefühl, dass akuter Handlungsbedarf besteht.

Bernardi: Wie sieht es bei den Künstlerinnen und Künstlern aus? Sind diese gleichermassen vertreten?
Kielmayer: Ich wurde einmal darauf aufmerksam gemacht, dass ich mehr Werke männlicher als weiblicher Kunstschaffender ausstelle. Allerdings nehme ich das nicht als Problem wahr, wenn das Verhältnis beispielsweise 40/60 ist. Ich glaube nicht, dass Künstlerinnen in unserem System prinzipiell verkannt sind, doch gibt es immer wieder verblüffende Einzelbeispiele.

Bernardi: Ein Beispiel wäre das Programm von Dieter Schwarz. Der ehemalige Direktor des Kunst Museum Winterthur zeigte mehrheitlich männliche Künstler.
Kielmayer: In der Tat, auf der ehemaligen Tragtasche des Museums sind die Namen von etwa dreissig in der Sammlung vertretenen Künstlern abgedruckt: keine einzige Frau! Da sich der neue Direktor Konrad Bitterli nun dafür einsetzt, mehr Künstlerinnen zu zeigen, sind in Winterthur immerhin gleich zwei Institutionen momentan daran, dem Ungleichgewicht entgegenzuwirken.

Bernardi: Was erhoffst du dir vom diesjährigen Programm?
Kielmayer: Es soll Aufmerksamkeit für Ungerechtigkeiten generieren und Fragen aufwerfen: Wo gibt es Ungleichgewicht? Wo werden Menschen benachteiligt?

Bernardi: Momentan ist in der Kunsthalle das Œuvre der feministischen Künstlerin Carolee Schneemann zu sehen, die in den Sechzigerjahren unter anderem in ihren Fotografien und Performances ihren nackten Körper einsetzte. Wieso hast du dich ausgerechnet für Schneemann entschieden?
Kielmayer: Einerseits hat sich die Zusammenarbeit durch meine Co-Kuratorin Lara Pan ergeben, die Carolee Schneemann persönlich kennt. Andererseits hat sie dem Auftritt der Frau in der Kunst – vor allem der nackten Frau – eine völlig neue Rolle gegeben.

Bernardi: Inwiefern?
Kielmayer: In der langen Tradition der Kunstgeschichte wurde der nackte Frauenkörper lediglich als Objekt verstanden, an dem sich der männliche Blick ergötzen kann. In frühen Fotografien, wie beispielsweise in der Serie ‹Eye Body› von 1963, hat sich Carolee Schneemann oft nackt oder mit einem Spiegel in der Hand präsentiert. Das wurde als narzisstische Geste missverstanden. Sie hat oft gesagt: «It is not about a selfie.» Die Fotografien entstanden nicht aus einem narzisstischen Gedanken heraus, sondern aus dem Bedürfnis der Künstlerin, als Autorin ein integraler Bestandteil des Werks zu werden. Ihr Auftritt war etwas völlig Neues, ihr nackter Körper und das Verständnis von Nacktheit erhielten plötzlich eine andere Bedeutung.

Bernardi: Welche Bedeutung hatte ein solches Statement in den Sechzigerjahren?
Kielmayer: Damals war es nahezu unmöglich, als Frau eine eigene Berufswahl zu treffen, geschweige denn Künstlerin zu werden; es war schlichtweg keine Option. Carolee Schneemanns künstlerisches Schaffen war und ist eine aufrichtige Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrem Gegenüber, der Welt. Sie litt darunter, dass Frauen nicht gleichberechtigt sind, und arbeitete sich daran ab. Und daraus resultierte u. a. eine folgerichtige, authentische Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Körper.

Bernardi: Wie würde heute eine solche Auseinandersetzung aussehen?
Kielmayer: Sich mit der Un-Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau auseinanderzusetzen, hat nicht mehr die gleiche Brisanz wie in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Während es heute eines von vielen möglichen Themen ist, war es damals eine existenzielle Frage. Sagen wir so: Frauen sollten mittlerweile gleichberechtigt sein und wenigstens wird es als Defizit wahrgenommen, wenn dem nicht so ist.

Typisch «weibliche» Kunst
Bernardi: Warum nicht gleich fünf feministische Positionen ausstellen?
Kielmayer: Mir war es wichtig, eine möglichst grosse Bandbreite des künstlerischen Schaffens von Frauen zu zeigen. Es wäre meiner Meinung nach falsch, fünf feministische Positionen zu präsentieren, die Carolee Schneemann ähnlich sind. Frauen müssen ja nicht zwingend ausschliesslich Kunst machen, die sich mit dem eigenen Körper auseinandersetzt.

Bernardi: Warum nicht?
Kielmayer: Es gibt viele Frauen, die sich mit völlig anderen Themen beschäftigten, seien es neue Medien, Migration oder Klimaerwärmung. Ich finde es wichtig, diese Vielfalt zu zeigen, sonst wird die Auseinandersetzung der Frau mit ihrem Körper schnell zum Klischee. Eine solche «Frauenkunst» fände ich heikel und kontraproduktiv.

Bernardi: Was ist in der Ausstellung zu sehen?
Kielmayer: Im ersten Raum sind Videos von Performances, Interviews und Lesungen zu sehen. Dabei spielt ein verständigungsorientierter und erzählerischer Gebrauch von Sprache eine wichtige Rolle, also nicht etwa ein lyrischer. Dieser Fokus ergab sich aus den Anfängen des Projekts, das mit ausführlichen Gesprächen mit Carolee Schneemann begann und in eine Publikation münden soll. Die Arbeit am Buch dauert gegenwärtig noch an, es wird 2019 erscheinen.

Oliver Kielmayer (*1970, Baden) lebt in Zürich, 2004–2012 Mitglied Kunstkommission Kanton Zürich, 2009–2016 Dozent F+F Schule für Kunst und Design Zürich, seit 2006 Direktor Kunsthalle Winterthur

Giulia Bernardi ist freie Autorin, Texterin und Kunsthistorikerin. giulia.bernardi@outlook.com

Jusqu'à 
30.12.2018

Carolee Schneemann (*1939, Fox Chase) lebt und arbeitet in New Paltz
1961 Master of Fine Arts an der University of Illinois
2017 Auszeichnung ‹Goldener Löwe› für ihr Lebenswerk an der Biennale Venedig

Einzelausstellungen (Auswahl)
2018 ‹Kinetic Painting›, The Museum of Modern Art, New York
2017 ‹Kinetic Painting›, Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main
2016 ‹Further Evidence – Exhibit B›, Galerie Lelong, New York
2014 ‹Water Light/Water Needle›, Hales Gallery, London

expositions/newsticker Datetrier par ordre croissant Type Ville Pays
Carolee Schneemann 04.11.2018 - 30.12.2018 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH

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