Sara Masüger — Am Ende des Narzissmus überleben Körper in Teilen

Untitled, 2018, Gummi, Eisen, Aluminium, Zement, 190 x 128 x 78 cm, Unique

Untitled, 2018, Gummi, Eisen, Aluminium, Zement, 190 x 128 x 78 cm, Unique

Sara Masüger, 2018. Foto: Thomas Strub

Sara Masüger, 2018. Foto: Thomas Strub

Teilkörper, 2018, Gips, Kohle, Holz, Styropor, Farbe, 13 x 8 x 2,9 m, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur

Teilkörper, 2018, Gips, Kohle, Holz, Styropor, Farbe, 13 x 8 x 2,9 m, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur

Teilkörper, 2018, Gips, Kohle, Holz, Styropor, Farbe, 13 x 8 x 2,9 m, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur

Kinetic Replacement, 2016 / 2017, Acrystal, Holz, Keramikfliesen, Ausstellungsansicht ‹Don’t worry I’ll organize your memory›, Galerie Barbara Seiler, Zürich

Kinetic Replacement, 2016 / 2017, Acrystal, Holz, Keramikfliesen, Ausstellungsansicht ‹Don’t worry I’ll organize your memory›, Galerie Barbara Seiler, Zürich

Fokus

Neue Perspektiven queren bekannte Räume. Erhärtender Kautschuk dehnt Gesichter und Haltungen. In Kenntnis und Erinnerung an ihre Vorbilder erfindet sich Sara Masügers Kunst laufend neu. Die Künstlerin geht ins Material. Das Abgiessen und das Wiederholen, das Fragmentieren und Zusammensetzen halten sich an der Grenze zwischen innen und aussen, Körper und Sprache. Immer ist Bewegung im Spiel, immer auch ein möglicher Verlust. Nun zeigt Sara Masüger neue Werke in Chur und in der französischen Auvergne.

Sara Masüger — Am Ende des Narzissmus überleben Körper in Teilen

Sara Masügers ‹Teilkörper› ist – genauer: sind – ein stummer Affront. Die Gebirgsformation nimmt im Bündner Kunstmuseum in Chur den ganzen Raum ein, verlangt einen Umweg, versperrt die Passage, bäumt sich von einer Seite auf – und öffnet von der anderen einen schwarz lackierten Gang. Das unübersichtliche, zweigeteilte Objekt sieht aus, als hätte es sich, träge wie Lava, in den Raum gewälzt, um hier Wege und Umwege vorwegzunehmen. Unser Körper kommt nicht darum herum, am dunkelgrauen Kunstgestein Mass zu nehmen. Das Auge tastet seine krustige Oberfläche ab und folgt dem strengen Einschnitt, der ausgerechnet die amorphe Form in ein Modell tiefenperspektivischen Sehens verkehrt. Die Tiefe wird zur Ferne. Dort, am Boden, läuft alles auf einen Punkt zusammen, wobei die eigene Grösse irgendwie an Gewicht verliert: Bin ich in einem «richtigen» Gebirgsblock oder verschafft mir da grad der Entwurf eines Bühnenbilds einen unbeobachteten, theatralen Auftritt? Zwischen dem Ringen um Überblick und dem Anerkennen, dass die artifizielle Setzung vielleicht nur hier sei, um Erinnerungen aufzurufen – an die Stille von Toteninseln, an die Beklemmung von Bruce Naumans räumlichen Versuchsanordnungen –, bleiben das Grau und das Schwarz des Materials: matt und glänzend, ein bekannter Unbekannter, ein Berg, eine Skulptur. Zwei Hohlkörper, die den Museumsraum zur Vitrine machen für ein Fragment kohlegrauer Bildlandschaft.

Subtile Entfremdung
Es ist nicht das erste Mal, dass Sara Masüger «natürliche» Formationen aufbietet für eine mehrschichtige, physische und ästhetische Erfahrung. Ihr ‹Kreidefelsen auf Rügen› im Ausstellungsraum Tom Bola (Zug, 2014) bestand aus einem Gang von rechteckigem Querschnitt. Die nach einer Seite hin zunehmend enger werdende Passage durchlief mit 15 Metern Länge den Ausstellungsraum, kreuzte einen Türrahmen und fand bei nur noch 30 Zentimetern Höhe ein Ende an der Wand eines Hinterraums. Sein Inneres war so mit Gips ausgekleidet, dass sich der tektonische Rohbau in einen Höhlengang verwandelte. Aus dem Interieur grüssten die Gesten der Künstlerin. Sie hatte das noch weiche Material einerseits händisch in ein barock anmutendes Relief gedrängt, andererseits fallen, fliessen und tropfen lassen. Ein immer wieder neues Zusammenspiel zwischen genauem Ausgangspunkt und einer eigendynamischen, prozessorientierten Verformung verkettet Masügers installatives und plastisches Schaffen der letzen Jahre zu einem Kosmos der subtilen Entfremdung. Isolation und Abguss eigener Körperteile weichen die Vorstellung über den intakten Organismus auf. Dichte, Schmelzpunkt oder Oberflächenbeschaffenheit des Werkstoffs – vorzugsweise einer, den die Künstlerin autonom bearbeiten kann – schreiben sich ein in eine Körperlichkeit, die auf eine Balance setzt zwischen unmittelbarem Abguss und dessen materialbedingter Verwandlung. Als künstlerisches Leitbild nennt Masüger explizit die polnische Künstlerin -Alina Szapocznikow (1926–1973). Doch wenn deren ‹Menschliche Landschaften› – so der Titel der Retrospektive in Baden-Baden diesen Sommer – gegen die traumatische Erfahrung von Ghetto und Vernichtungslager aufbegehren, ist das Sinnliche bei Masüger anders motiviert: Ihre surreale Spielform heutiger Plastik will dem Material Geltung verschaffen. Masüger löst sich selbst aus den Höhlungen und Ausbuchtungen eigener Körperteile und schaut zu, wie Hartgummi, Epoxidharz, Zinn oder Acrystal ihrem Verschwinden eine noch nie gesehene Gestalt verleihen: Absenz wird zum Rohstoff einer Figuration, die sich anspielungsreich einem grossen kulturhistorischen Fundus anzulehnen scheint. In der ‹Liegenden›, 2013, hat die ertrinkende Ophelia eine junge Schwester; filigrane Zinnreliefs erinnern an die Raffinesse venezianischer Masken und mit den Ohren und Hände verbindenden Gusskanälen auch an Objekte von ritueller Bedeutung; und wenn bei Eva Hesse textile Prothesen den Körper imitieren, baumeln bei Masüger Hände und Unterarme in vielfacher Ausführung aus Acrystal über metallene Halterungen.

Körper anders denken
Der FRAC Auvergne in Clermont-Ferrand richtet Sara Masüger zurzeit eine grosse Einzelausstellung aus. Die Schau konzentriert sich auf Werke, die im Rahmen ihrer Residency im Atelier für Materialstudien und Messungen des Forschungs- und Entwicklungszentrums der Michelin-Gruppe entstanden sind. Dort profitierte sie 2018 vom Know-how eines Teams, das Dichte, Spannung und Widerstandsfähigkeit von Kautschuk im Hinblick auf die Autoindustrie erkundet. Und weil der Rohstoff anders funktioniert als jener Gummi, den Masüger aus ihrer früheren Praxis kannte, mussten sie und ihre Gussformen sich dessen Möglichkeiten fügen. «Ich habe die ersten zwei Wochen damit zugebracht, das neue Material, die Arbeitsprozesse und Maschinen kennenzulernen und ihr Potenzial für die Skulptur zu erproben.» Das Material weiss mehr, als die Künstlerin vorwezugnehmen vermag. Im Schichten und Vervielfältigen, Verflüssigen und Erhärten ebnet es auch deren eigene Physiognomie ein. Jean-Charles Vergne bringt in seinem Katalogbeitrag aus Clermont-Ferrand darum den Narziss ins Spiel. Der Blick, der das eigene Bild festhalten könnte, hat ausgedient. Masüger sieht sich nicht wieder in der Plastik, sondern sucht Körper anders zu denken. Der Narziss ist am Erblinden angesichts dieser Kunst, stumm und vielfach spitzt das Körperbild die Ohren nach einer Terminologie, die den Kurzschluss zwischen Form und Funktion überwindet. ‹Don’t worry I’ll organize your memory›, 2017, war der Titel einer Installation in der Galerie Seiler. Die Werke zeigte sie auf Wand- und Sockelelementen, deren Verschalung mit weissen Keramikplatten in der Abweichung vom rechten Winkel leise Verfremdungen einführte. Als ‹Longterm Translation› bietet sie ihre Hand dar, die – erneut in Varianten – aus Zinn über schwarze Sockel rinnt oder sich ausdehnt wie das Relikt eines zu Tode gekommenen Tiers.

Umkehrungen
Ab Januar 2019 wird eine Installation im Muzeum Susch im Unterengadin zu sehen sein. Die Einladung hat nicht primär damit zu tun, dass -Masüger -eine Bündner Herkunft im Namen trägt und 2016 in der Stalla Madulain der Sammlerin und Kunstmäzenin Grażyna Kulczyk ins Auge fiel. Basis dieser jüngsten Zusammenarbeit ist vor allem die Konzeption des Ortes: Im ehemaligen Kloster- und Brauereigebäude stellt Susch mit Architektur, Landschaft und Kunst ein gleichzeitig introvertiertes wie nach aussen gerichtetes Erlebnis in Aussicht. Erneut führt Masüger mit einem tatsächlichen Tunnel einen Illusionsraum in die Baustruktur ein – wobei die Nachbarschaft zu Werken von Monika Sosnowska und Heidi Bucher dem Vertrauen in die verlässlich greifbare Gegenwart noch zusätzlich den Boden entziehen dürfte. Aufwändiger und haltbarer als die Zuger ‹Kreidefelsen› spielt ‹Inn Reverse› auch mit der Akustik des Flusses vor dem Haus. Sowohl in Graubünden wie in der Auvergne weckt Masügers Kunst ortsspezifische Assoziationen: Berge riefen sich schon während Masügers Fahrten zwischen Zürich und dem Bündner Kunstmuseum als Modelle und Kulisse in Erinnerung. Das Grau des mit Kohlestaub vermischten Baugipses der ‹Teilkörper› mahnt in Chur an Alberto Giacomettis Bronzen, während in der französischen Michelin-Stadt Schmelz- und Erhärtungsprozesse neosymbolistische Blüten treiben: Masken aus schwarz schimmerndem Material sind einander zugewandt, gehalten von formschönem Geäst – Giovanni Segantinis ‹Böse Mütter› in der winterlichen Kälte des Engadins scheinen nicht weit. Die Erinnerung an Louise Bourgeois’ überdimensionierte ‹Spinne› balanciert bei Masüger als femininer Kopf mit drei dünnen Extremitäten an der Wand. In Kautschuk, Stahl und Aluminium verfestigt sich zitternd der Eindruck, dass die Geschichte der figurativen Plastik von Camille Claudel bis Not Vital auch in Masügers Versuch weiterlebt, sich selbst im Material zu vergewissern und aufzugeben.

Isabel Zürcher ist freiberufliche Autorin und Kunstwissenschaftlerin in Basel. mail@isabel-zuercher.ch

Jusqu'à 
06.01.2019

Sara Masüger (*1978, Baar ZG), lebt in Zürich
1997–2000 Bildende Kunst / Schule für Gestaltung Bern, CH
2001–2003 Rijksakademie van beeldende kunsten Amsterdam, NL

Einzelausstellungen (Auswahl)
2018 ‹Teilkörper›, Labor im Bündner Kunstmuseum Chur; ‹La sommation du corps›, FRAC Auvergne, Clermont-Ferrand; ‹Stalla Madulain›, with Chrissy Angliker, Madulain, CH
2017 ‹Don’t worry I’ll organize your memory›, Galerie Barbara Seiler, Zürich,
2015 ‹Hibernation›, Kunsthalle Marcel Duchamp, The Forestay Museum of Art, Cully, CH
2012 ‹He knows a language without past›, o. T. Raum für aktuelle Kunst Luzern

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Iconic works›, Ateneum Museum, Helsinki, FIN
2018 ‹Tronc Mental›, CAN, Neuchâtel
2017 ‹Carnage›, Museum Rietberg, Zürich
2016 ‹The dark side of the moon›, Kunstmuseum St. Gallen
2015 ‹Konstellationen›, Kunsthaus Zug
2014 ‹Sacré 101›, Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich

Institutionentrier par ordre décroissant Pays Ville
Bündner Kunstmuseum Chur Suisse Chur
FRAC Auvergne France Clermont-Ferrand
Muzeum Susch Suisse Susch
expositions/newsticker Datetrier par ordre croissant Type Ville Pays
Sara Masüger 06.10.2018 - 06.01.2019 Ausstellung Clermont-Ferrand
Frankreich
FR
Sara Masüger 15.09.2018 - 06.01.2019 Ausstellung Chur
Schweiz
CH
Artiste(s)
Sara Masüger
Auteur(s)
Isabel Zürcher

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