Hubert Looser — Energie und Poesie

Willem de Kooning · Untitled, ca. 1970/71, Öl auf Papier auf Leinwand, 176,2 x 94 cm, Sammlung Hubert Looser © The Willem de Kooning Foundation/ProLitteris.

Willem de Kooning · Untitled, ca. 1970/71, Öl auf Papier auf Leinwand, 176,2 x 94 cm, Sammlung Hubert Looser © The Willem de Kooning Foundation/ProLitteris.

Besprechung

Hubert Looser — Energie und Poesie
Die Werke sind von unbestrittener Qualität, und mit der in den Neunzigerjahren erworbenen Picasso-Skulptur ‹Sylvette› von 1954, die wie eine gemalte Zeichnung im Raum erscheint, hat Hubert Looser dann den Massstab für seine Sammlung gesetzt. Die Schau im Kunsthaus Zürich ist so ästhetisch wie diskursiv.

Hubert Looser — Energie und Poesie

Zürich — Hier ist moderne Kunst einleuchtend zu erfahren. Schon nach wenigen Momenten in den neu gestalteten Räumen des ehemaligen Kabinetts und der einstigen Giacometti-Säle ergreift einen die Vielzahl von Zeichen, aufs Blatt und in den Raum geschrieben, Zeichen in expressiver Bewegung oder nach innen gekehrter Konzentration. Der Betrachter, die Betrachterin wird Teil intensiver Dialoge; die überschaubare Fülle und die relative Nähe zu den Werken in den fünf Ausstellungsräumen unterstreichen das noch. Regelrechte Krafträume sind das und die Dialoge nicht nur intensiv, sondern auch von beeindruckender Selbstverständlichkeit. Es ist ein Glücksfall, wenn ein Privatsammler wie Hubert Looser (*1938, Vilters), der ein inspirierter, mutiger, origineller Sammler mit viel Intuition ist, den grösseren Teil seiner Sammlung als öffentliches Gut betrachtet und danach handelt, indem er ihn einem Museum überlässt – in diesem Fall also 75 Werke, die im Erweiterungsbau des Zürcher Kunsthauses als Dauerleihgabe präsentiert werden sollen. Wie attraktiv eine solche Präsentation sein kann, war schon 2013 im grossen Bührle-Saal zu erfahren. Nun beweist die aktuelle Schau auch in intimeren Räumen die museale Grösse der Kollektion, mit einer Auswahl von 110 Arbeiten – die meisten auf Papier, darunter einige sehr grosse Formate, und wie aus ihnen erwachsend und sie ergänzend die Skulpturen. Wohin man schaut: bezwingende Gegenwart, egal, ob es sich um Schweizer Künstler wie Serge Brignoni, André Thomkins, Martin Disler und Lenz Klotz handelt, den Iren Sean Cully, den Italiener Giuseppe Penone oder von zwei Kontinenten geprägte Künstler wie Arshile Gorky, Fabienne Verdier oder Willem de Kooning, und überhaupt all die US-Amerikaner wie Jasper Johns, Brice Marden, Agnes Martin, Richard Serra, David Smith, Al Taylor …: Surrealismus, Abstrakter Expressionismus, Arte Povera und Minimal Art – und mit welchen Behelfsbegriffen man diese lebendigen Konstellationen zu fassen sucht – kommen auf produktive, die Augen öffnende Art zusammen, Zeit- und andere Gräben überspringend, sich weitend in geradezu archaische Tiefen. Wer die ­einander potenzierenden Werke in der klugen Hängung von Kurator Philippe Büttner auf sich wirken lässt, wird sich ihrer Energie und Poesie kaum entziehen können. Positionen der Kunstgeschichte von den Dreissigerjahren bis in die Gegenwart als ein intensives Zusammenspiel; beglückende Raumsituationen, ganz im Sinne von Hubert Looser, der sagt: «Raumsituationen sind für mich ein Kunstwerk für sich.»

Jusqu'à 
05.01.2020

→ ‹Picasso – Gorky – Warhol›, Kunsthaus Zürich, bis 5.1.; mit empfehlenswertem Film in der ­Ausstellung, der einem Hubert Looser und seine Sammlung näherbringt ↗ www.kunsthaus.ch

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