Judith Kakon — Objekte mit mehrfachem Bildsinn

Untitled (Alibaba) I, 2017, C-Print, gerahmt, 90 x 60 cm

Untitled (Alibaba) I, 2017, C-Print, gerahmt, 90 x 60 cm

A semaphore or maybe just an accident (with bins), 2019, ‹Body Splits›, Ausstellungsansicht Salts Birsfelden

A semaphore or maybe just an accident (with bins), 2019, ‹Body Splits›, Ausstellungsansicht Salts Birsfelden

You can catch Maria on the stairs, 2018, Pulverbeschichtetes Aluminium, 37,5–300 x 52 x 46 cm, The Untold Compromise, 2019, Ventilator, Tel Aviv

You can catch Maria on the stairs, 2018, Pulverbeschichtetes Aluminium, 37,5–300 x 52 x 46 cm, The Untold Compromise, 2019, Ventilator, Tel Aviv

The Untold Compromise, 2019

The Untold Compromise, 2019

Date Series (Medjool), 2017, Glas, Grössen variabel, 50 Unikate, Ausstellungsansicht Ventilator, Tel Aviv

Date Series (Medjool), 2017, Glas, Grössen variabel, 50 Unikate, Ausstellungsansicht Ventilator, Tel Aviv

Commons, (1/4), 2019, Bronze, 60 x 80 cm, Swiss Art Awards, Basel. Foto: Guadalupe Ruiz

Commons, (1/4), 2019, Bronze, 60 x 80 cm, Swiss Art Awards, Basel. Foto: Guadalupe Ruiz

Foto: Gina Folly

Foto: Gina Folly

Fokus

Semantische Verschiebungen und mehrfacher Bildsinn zeichnen die Werke von Judith Kakon aus. Was als Uneindeutigkeit aus­gelegt werden könnte, greift jedoch Strukturen gegenwärtigen Arbeitens und Konsumverhaltens passend auf. Die in Basel ­lebende Künstlerin zeigt, wie man geschickt mit kapitalis­tischen Slogans jonglieren und skulptural an die Geschichte des Ready­mades anknüpfen kann. Nun ist sie mit ihren Arbeiten im o. T. Raum für aktuelle Kunst in Luzern zu Gast. 

Judith Kakon — Objekte mit mehrfachem Bildsinn

Sie haben etwas Zerbrechliches und Antikes an sich, diese kleinen Flacons. Braun und mit auskragendem Hals könnten sie Teil eines alchemistischen Prozesses sein oder ein Luxusparfum enthalten. Die Künstlerin Judith Kakon hat diese fragilen Gefässe handelsüblichen Datteln der Sorten Medjool, Deglet Nour oder Barhi nachempfunden und von Hand gefertigt. Anspielungen sind beabsichtigt – die Flacons erinnern an verkleinerte Amphoren, in denen Wein aufbewahrt und in der Antike in den Norden Europas verkauft wurde. ‹Date Series›, 2017, wie sie die Arbeit nennt, besitzt einen mehrfachen Bildsinn, den die Künstlerin unterschiedlich verwendet und in ihre Installationen einbettet. So werden sie Teil anderer Arbeiten und bleiben doch eigenständig. Judith Kakons künstlerische Arbeiten beziehen ihre Bedeutung aus der Schichtung mehrerer Interpretationsebenen, die unterschiedliche Auslegungen und kontextuelle Einbettungen ermöglichen.

Unfassbarkeit der Gegenwart
 ‹Alibaba›, 2016/17, beispielsweise zeigt den Korrespondenzverlauf zwischen der chinesischen Handelsplattform Alibaba und der Künstlerin. Über die Plattform bezog sie zunächst Materialien für ihre Kunstwerke und begann sich dann auch als Verkäuferin auszugeben, die ihre «Waren» auf Alibaba verkaufen möchte. Ihre Absicht war jedoch fingiert, vielmehr interessierte sie, welche – sicherlich automatisch generierte – Korrespondenz Alibaba mit ihr führen wollte. Diese Dialoge zwischen einer maschinellen Entität und der Künstlerin enthalten in befremdender Art und Weise persönliche und formale Adressierungen, die Judith Kakon als Stickers druckte und später in einer Publikation im Verlag The Kingsboro Press veröffentlichte. Wie in ‹Date Series› und ‹Alibaba› bereits deutlich wird, richtet sich Kakons Interesse auf die gegenwärtige Konsum- und Arbeitsgesellschaft. Sie versucht diese in ihren Werken einzubeziehen, ohne aber mit einer künstlerischen Geste ein Urteil zu fällen. Das mag zuweilen unpräzise wirken, als würde es den Werken an Genauigkeit fehlen. Versteht man aber den heutigen Kapitalismus nicht als eine Wirtschaftsform, die klar zu umreissen und zu benennen ist, sondern als eine Struktur, welche die Gegenwart prägt und unterschiedliche, auch widersprüchliche Formen annimmt, scheint ein solches Vorgehen angemessen. Dieses verlangt oft nach einer längerfristigen differenzierten Beobachtung.

Historische Bezüge
‹Blue White High›, 2013, hat Judith Kakon vor sechs Jahren begonnen. Während ihres Studiums an der Bezalel Academy of Art and Design in Jerusalem besuchte sie eine Strasse, die von Tel Aviv nach Jaffa führt und bekannt für ihre Shops ist. Sie sammelte entlang der Strasse Worte (Slogans, Werbesprüche, Namen) und verarbeitete sie in einem Film, der jetzt mehr als zwanzig Minuten dauert. Allerdings zeigt er keine Genauigkeit, weder hinsichtlich der Orte noch der Zeitpunkte der Aufnahmen. Vielmehr sind es Impressionen eines Orts, der sich ständig verändert und der kommerzielle Existenzen auftauchen und vergehen lässt. Sprache also als eine Form, die Identität erzeugt, wenn sie sichtbar wird, aber Sprache auch als eine Form der Auslöschung, wenn sie nicht mehr ausgesprochen oder geschrieben wird. Auf einer Reise nach Lyon entdeckte die Künstlerin in dunklen Ecken viertelrunde Stahlplatten, die auf Hüfthöhe befestigt waren. Diese Platten werden festgeschraubt, um «Wildpinkler» davon abzuhalten, in Ecken zu urinieren. Sollte man es trotzdem versuchen, läuft der Urin auf die Schuhe. In ihrem Beitrag für die Swiss Art Awards goss sie diese Platten in Bronze nach und stellte sie in die Ecken ihrer Ausstellungskoje. ‹Commons›, 2019, ist eine örtliche und semantische Verschiebung eines Objekts in den Ausstellungsraum, ein Anti-Urinoir sozusagen als ironische Anspielung auf die Kunstgeschichte, wobei dies nicht die primäre Absicht war. Kakon wollte eher einen sakralen Raum inszenieren, denn die Platten erinnerten sie an Ornamente von historischen und religiösen Bauten. Das Kokettieren mit Readymades findet sich auch in den Scherentreppen, die sie bereits einige Male mit unterschiedlichen Titeln an diversen Orten zeigte. Wie die ‹Date Series› zeigen auch die Treppen ein hohes Mass an handwerklichem Engagement. Die handelsüblichen ausziehbaren Stiegen werden von Judith Kakon komplett demontiert und dann mit der RAL-Farbe 9010 bemalt. Diese Farbe wird üblicherweise verwendet, um Heizungsradiatoren eine Farbe zu geben, sie zu veredeln. Im Ausstellungskontext können die Treppen dann je nach Wunsch ausgezogen werden und bespielen so den Raum respektive verändern die Raumatmosphäre. Sie sind also ebenso Anspielung an Readymades wie an die Minimal Art.

Räumliche Bezüge und Veränderungen
Räumliche Veränderungen finden sich bei Judith Kakon auch in Form von Lichter­ketten oder LED-Licht-Installationen wie ‹A semaphore or maybe just an accident (with bins)›, 2019, die sie für ihre letzte Ausstellung bei Salts in Birsfelden installierte. Diese erinnern an Designstücke aus den Sechzigerjahren oder übergrosse Elektrokerzen. Design wird üblicherweise zur Aufwertung von Räumen verwendet, ohne jedoch weitere Gestaltungsmöglichkeiten auszuschöpfen. So wird es zum Dekor, was Judith Kakon zu ihrer Arbeit inspiriert haben mag. Die Transformation von Interior Design zeigte Judith Kakon diesen Frühling. Sie wurde von der Art Basel mit Hannah Weinberger und der Kunstwissenschaftlerin/Kuratorin ­Alice Wilke eingeladen, eine ‹Hidden Bar› hinter der Messeuhr zu bespielen. Die drei Frauen luden wiederum Edit Oderbolz ein, die Gestaltung des Mobiliars zu übernehmen. Gleichzeitig sammelten sie sechshundert Stunden Filmmaterial von verschiedenen Kunstschaffenden und zeigten dieses auf Monitoren in der Bar. Die Bar war also einerseits ein Raum in einem starken ästhetischen Design, doch gleichzeitig auch eine kollaborativ erzeugte Kunstinstallation.

Uneindeutigkeit als Form von Bedeutung
Judith Kakons Arbeit wagt also den Sprung von Kunst zu Design, nicht um Design­objekte herzustellen, sondern um die Bedingungen der gegenwärtigen Warenwelt zu hinterfragen. Mit ihrem künstlerischen Ansatz gewann sie schon einige Auszeichnungen und Stipendien. Ihr gelingt es, semantische Verschiebungen in ihren Werken zu installieren oder den Skulpturen oder Bildern einen mehrfachen Bildsinn einzuschreiben. Es ist also das Uneindeutige, das Judith Kakon sucht und das zur Verunsicherung des eigenen Interpretationsansatzes führt. Ohne jetzt eine rhetorische Frage stellen zu wollen, ist es doch genau das, was Kunst soll: uns in unserer eigenen Befangenheit und Wahrnehmung der Gegenwart herausfordern.

Stefan Wagner, freischaffender Kunsthistoriker und Kurator, lebt in Zürich. stefan.h.wagner@gmx.ch

→ Judith Kakon, zusammen mit Lukas Geisseler, o. T. Raum für aktuelle Kunst, Luzern, bis 21.12.
www.ot-raumfueraktuellekunst.ch

Jusqu'à 
21.12.2019

Judith Kakon (*1988, Basel), lebt in Basel
2009–2013 Bachelor Fine Arts (BFA), Bezalel Academy of Art and Design, Jerusalem
2014–2016 Master Fine Arts (MFA), Milton Avery Graduate School of the Arts, New York

Einzelausstellungen (Auswahl)
2019 Judith Kakon, o.T. Raum für aktuelle Kunst, Luzern
2019 ‹The Untold Compromise›, Ventilator, kuratiert von Ishai Schapira-Kalter, Tel Aviv
2017 ‹Le lieu secret›, organisiert von Emilie Guenat und Florence Jung, Biel
2017 ‹Kunstpreis Alexander Bürkle›, Kunsthaus L6, Freiburg i. Br.
2015 ‹A stream with bright fish›, Taylor Macklin, Zürich

Gruppenausstellungen
2019 ‹Body Splits›, kuratiert von Samuel Leuenberger und Elise Lammer, Birsfelden
2019 Swiss Art Awards, Basel
2019 ‹Hidden Bar›, Art Basel, co-organisiert mit Hannah Weinberger und Alice Wilke, Basel
2018 ‹Gemini II›, Anorak at Solitude Project Space, Stuttgart
2018 ‹A fair Proposal›, Galerie Barbara Seiler, Zürich
2017 ‹Arresting Fragments of the World›, kuratiert von Claire Hoffmann, Kunsthaus Langenthal
2016 ‹Kiss & Go›, Istituto Svizzero di Roma, Rom

expositions/newsticker Datetrier par ordre croissant Type Ville Pays
Judith Kakon, Lukas Geisseler 21.11.2019 - 21.12.2019 exposition Luzern
Schweiz
CH
Artiste(s)
Judith Kakon
Auteur(s)
Stefan Wagner

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