Kiki Smith — Verstehen mit allen Sinnen

Kiki Smith · Hearing You with My Eyes, Ausstellungsansicht MCBA 2020. Foto: Étienne Malapert

Kiki Smith · Hearing You with My Eyes, Ausstellungsansicht MCBA 2020. Foto: Étienne Malapert

Kiki Smith · Peacock, 1994, Pappmaché, Nepalpapier und Tinte, 67,3 x 44,5 x 54,6 cm (Figur), Courtesy Irish Museum of Modern Art, Ausstellungsansicht MCBA 2020. Foto: Étienne Malapert

Kiki Smith · Peacock, 1994, Pappmaché, Nepalpapier und Tinte, 67,3 x 44,5 x 54,6 cm (Figur), Courtesy Irish Museum of Modern Art, Ausstellungsansicht MCBA 2020. Foto: Étienne Malapert

Besprechung

Die erste grosse Soloschau im Neubau widmet das Lausanner MCBA Kiki Smith. Ihr einst recht krudes, heute zarteres Schaffen wird mit Blick auf die Funktion der Sinnesorgane präsentiert – eine feminine und durchaus auch feministische Sicht, die fest vom Glauben an die Verbundenheit aller Dinge getragen ist.

Kiki Smith — Verstehen mit allen Sinnen

Lausanne — Die Frauengestalten, denen man im Schaffen von Kiki Smith (*1954) begegnet, sind vieles: Heilige, Göttinnen, Magierinnen, Geköpfte, Wolfsgeborene und Mondwesen. Sie leiden, sie triumphieren. Und manchmal tragen sie die Züge der Künstlerin. Sie künden vom Ringen mit dem eigenen Körper, der Rolle als Frau und der Verortung der Spezies Mensch in einem übergeordneten Ganzen. Gemeinsam ist ihnen ein metaphysisches Wissen, das der körperlichen Selbsterfahrung irgendwann nicht mehr bedarf und sich stattdessen dem Kreatürlichen und Animistischen auftut. Oder wie Kiki Smith es für sich selbst formuliert: «Wie gerne würde ich zum Wind.»
Dieses Einssein mit der Welt befragt die Ausstellung anhand des vielgestaltigen Sensoriums, das uns zur Teilhabe an dieser Welt gegeben ist. So ist zum Beispiel in ‹Vision›, einem Zyklus zum Sehsinn von 2009, das Auge in Anlehnung an die altgriechischen Sehstrahlentheorien über Balken ganz faktisch mit den Dingen verbunden – ein schönes Gegenstück zum Einstieg in die Ausstellung, wo man auf reichlich abjekte Frühwerke trifft, die auf dem Studium von Anatomiebüchern basieren. Bei der mystischeren Arbeit ‹Moon on Crutches› von 2002 haben sich die Strahlen zu stützendem Dickicht verfestigt, und in einer Folge von Tapisserien, deren jüngste, ‹Parliament›, von 2017 datiert, sind Mensch und Tier in ein Netz aus geheimnisvollen Linien eingespannt, die mal die Form von Ast- oder Wurzelwerk, mal die von kosmischen Konstellationen annehmen. Man mag sich dabei, wie die Künstlerin es tut, an die holistische Kraft der mittelalterlichen Apokalypsen-Bildteppiche in Angers erinnern. Man darf aber vielleicht auch an die Gaia-Hypothese denken, welche die Mikrobiologin Lynn Margulis und der Biophysiker James Lovelock in den 1970er-Jahren formulierten. Oder an all die jüngeren Initiativen, die für Pflanzen, Steine, Tiere ohnehin, politische Vertretung verlangen. Und natürlich an Donna Haraway.
Die inzwischen von vielen Disziplinen aufgegriffenen post-anthropozentrischen Sichtweisen von Kiki Smith machen ihr Œuvre unerwartet aktuell. Sein wahrer, obgleich etwas eskapistischer Zauber liegt aber weiterhin in seinem unverstellten Zugang zur Welt sowie im Moment und in der Dringlichkeit seiner Bildwerdung. Wer die Kühle des White Cube ausblenden kann oder dabei war, als Kiki Smith hinter der Technikschranke einer Videoschaltung zur Bündelung ihrer Gedanken im Minutentakt Bienen zeichnete, ahnt, was das meint.

Jusqu'à 
10.01.2021

→ ‹Kiki Smith – Hearing You with My Eyes›, Musée cantonal des Beaux-Arts, bis 10.1.; mit Katalog und Online-Videogesprächen ↗ www.mcba.ch

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