Sehnsucht Natur — Ersehnte und verlorene Landschaften

Gong Xian (1619–1689) · Tausend Gipfel und zehntausend Täler, Qing-Dynastie, um 1670, Hängerolle, Tusche auf Papier, 62 x 102 cm, Geschenk Charles A. Drenowatz, Museum Rietberg. Foto: Rainer Wolfsberger

Gong Xian (1619–1689) · Tausend Gipfel und zehntausend Täler, Qing-Dynastie, um 1670, Hängerolle, Tusche auf Papier, 62 x 102 cm, Geschenk Charles A. Drenowatz, Museum Rietberg. Foto: Rainer Wolfsberger

Besprechung

Eine Ausstellung zur Landschaft in der Kunst Chinas zeigt ­Bilder, die aufs Ganze gehen, aufs Kosmische und Kosmologische.
Mit Werken des 16. bis 18. und des 20. und 21. Jahrhunderts schlägt das Museum Rietberg eine Brücke zwischen Tradition und Moderne. Immer dabei: Augenlust und Erkenntnis.

Sehnsucht Natur — Ersehnte und verlorene Landschaften

Zürich — Bei dieser Ausstellung stimmt einfach alles, vom treffenden Titel über die kluge, schön kombinierte Auswahl beispielhafter Werke bis hin zum Katalog, der auch für Laien gut lesbar ist. 87 Exponate bieten eine unglaubliche Fülle im Zeichen von Schönheit und Fremde, Anspruch und Energie. Berührend, fordernd: Landschaft, ein grosses Thema, vor dem man – wie könnte es anders sein – ganz klein wird.
Denn da geht es um Haltungen, ethische, moralische, philosophische; um das Verhältnis von innerer und äusserer Welt, um Unterwegssein und Ankommen. Es geht um Landschaftsräume als Orte von Gefühlen, Projektionen, als Inbilder; um Landschaften als Fluchträume, Rückzugsgebiete und natürlich auch um Paradies-, ­Ideal- und Wunschlandschaften. Nicht zuletzt wird hier auch deutlich, wie sehr Mensch und Natur miteinander verbunden sind. Das und noch mehr findet sich in der eindrücklichen, von Kim Karlsson und Alexandra von Przychowski kuratierten Schau – der ersten in Europa, die den erhellenden Dialog zwischen den Werken klassischer Landschaftsmaler und zeitgenössischem Kunstschaffen Chinas ermöglicht.
Wie sprechend ist etwa das Nebeneinander von Fa Ruozhens bewegter Landschaftsvision ‹Wolken und Nebel in den Bergen› von um 1690, die «eine philosophische Beschreibung des Universums als unablässiger Wandlungsprozess» (Karlsson) verbildlicht, und der in Geist und Erscheinung verwandten Seelenlandschaft von Li Xi von 2009. Abgründig ist die Verbindung von Landschaft und Ich in Ciu Xiuwens Foto-Tableau aus der Serie ‹Existential Emptiness›, 2009, und immer wieder überzeugend, wie sich alte Meister codierter Chiffren bedienen und künstlerische Posi­tionen der Gegenwart darauf antworten. Gross in jeder Hinsicht ist das jüngste Werk der Ausstellung: ‹Broken Landscape›, 2016, von Liang Shaoji, das wie ein Wasserfall herabfliessende Gemeinschaftswerk des heute 75-jährigen Künstlers und seiner Seidenraupen, ein magisch schönes Gespinst von grosser Strahlkraft. Bei vielen Exponaten spielen Schriftzeichen eine Rolle, die den Werken eine zusätzliche Dimen­sion verleihen. Aber auch ohne Chinesischkenntnisse wird man gepackt von der Landschaftskunst, die in der Kultur Chinas seit Jahrhunderten existenziell wichtig ist, für den Einzelnen ebenso wie fürs Ganze, und in der sich subtil wie bei Xiang Shengmos ‹Herbstwinde›, 1652, mit davonfliegenden Blättern oder düster beunruhigend wie bei Yang Yongliang und seiner Video-Phantomlandschaft von 2010 die Entwurzelung des Ich und Kritik an den herrschenden Verhältnissen manifestieren.

Jusqu'à 
17.01.2021
expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Sehnsucht Natur 11.09.2020 - 17.01.2021 exposition Zürich
Schweiz
CH
Auteur(s)
Angelika Maass
Artiste(s)
Liang Shaoji

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