Lokal-int — Seit nun zwölf Jahren ein lebendiger Treffpunkt in Biel

Szenen im Lokal-int in Biel. Installation von Katia Ritz & Florian Hauswirth. Foto: Chri Frautschi

Szenen im Lokal-int in Biel. Installation von Katia Ritz & Florian Hauswirth. Foto: Chri Frautschi

Installation von Ivan Mitrovic. Foto: Chri Frautschi

Installation von Ivan Mitrovic. Foto: Chri Frautschi

Happening von Antal Thoma. Foto: Chri Frautschi

Happening von Antal Thoma. Foto: Chri Frautschi

­Installation von Martina Böttiger & Rosanna Monteleone. Foto: Chri Frautschi

­Installation von Martina Böttiger & Rosanna Monteleone. Foto: Chri Frautschi

Installation von Pawel Ferus. Foto: Chri Frautschi

Installation von Pawel Ferus. Foto: Chri Frautschi

Installation von Livio Baumgartner. Foto: Chri Frautschi

Installation von Livio Baumgartner. Foto: Chri Frautschi

Installation von Navid Tschopp. Foto: Chri Frautschi

Installation von Navid Tschopp. Foto: Chri Frautschi

Installation von Miro Schawalder & Yeliz Palak. Foto: Chri Frautschi

Installation von Miro Schawalder & Yeliz Palak. Foto: Chri Frautschi

Installation von Veronika Spierenburg/Daniel Lehan. Foto: Chri Frautschi

Installation von Veronika Spierenburg/Daniel Lehan. Foto: Chri Frautschi

Performance von Talaya Schmid. Foto: Chri Frautschi

Performance von Talaya Schmid. Foto: Chri Frautschi

Performance von Res Thierstein. Foto: Chri Frautschi

Performance von Res Thierstein. Foto: Chri Frautschi

Fokus

«Ich sammle Happenings …», sagt Chri Frautschi, Gründer des Offspace ‹Lokal-int› in Biel, zu seiner Motivation, jährlich an circa vierzig Donnerstagen Ausstellungen zu zeigen. «Experimentelles Arbeiten» und die «Begegnung» mit den Kunstschaffenden bilden die DNA des Ortes, der sich als «Keimzelle für eine lebendige Kunst» versteht. 

 

Lokal-int — Seit nun zwölf Jahren ein lebendiger Treffpunkt in Biel

Das ‹Lokal-int›, ein Ladenlokal im Erdgeschoss eines Wohnblocks beim Bahnhof, erinnert an diesem Mittwochnachmittag im November mit den aufgetürmten Bierharassen nur noch leise an die letzte Eröffnung. Karim Patwa, der sein Kunst-Umfeld seit den Neunzigern festgehalten hat, entfernt im Hintergrund eine an der Wand hängende Collage aus Schwarz-Weiss-Fotos, während ich mit Chri Frautschi an einem Klapptisch – notabene bei einem Bier – sitze und Jorge Raka eintrifft, der über Nacht seine Gemälde für die Ausstellung am Donnerstagabend arrangieren wird. Am Eröffnungsabend sind die Kunstschaffenden, das ist Chri Frautschi wichtig, vor Ort, und der Fokus liegt auf ihrem Werk und dem Austausch. Bis zum nachfolgenden Mittwoch sind Werke oder Überreste noch vorhanden, weitere Öffnungszeiten gibt es nicht. Frautschi zelebriert Kontinuität, Expansion wird nicht angestrebt. Einladungen als Gastraum werden nur angenommen, wenn er Zeit und der Austausch eine sinnvolle Form findet. Solche Projekte wurden in den letzten Jahren häufig von Nicolas Raufaste mitbetreut, der nun auch im CAN in Neuchâtel aktiv ist. Nomadisierende Räume sind nicht Frautschis Sache, er schätzt das Ortsgebundene. Das ist im heutigen Kunstbetrieb schon beinahe wieder etwas anarchisch. Wobei eine solche langfristig ortsgebundene Vision in der Schweiz fast nur in einer Stadt wie Biel oder an der Peripherie gelingen kann, wo Leerstand augenfällig ist.

Vertrauensvolle Beziehung mit den Künstler/innen
Das ‹Lokal-int› ist nach dem Start in der Altstadt 2006, 2007 über einen Kiosk, 2010 an den jetzigen Standort gelangt. Dabei war 2007 das ‹Marks Blond Project› von Daniel Suter in Bern einer der Bezugspunkte und dieser gab quasi sein «O. K.», als in Biel auch ein Kiosk bezogen wurde. Als autodidaktischer Künstler begann Chri Frautschi seinen Offspace im Sinne der «Selbstermächtigung und Selbstorganisation». Das ‹Lokal-int› orientiert sich an selbstorganisierten Räumen, wie er sie als Jugendlicher kennengelernt hat. Er sagt, dass er «bewusst an die Subkultur der Achtziger anknüpfe, um gerade im aktuellen Kunstdiskurs ein Manifest zu setzen und vorzuleben». Für ihn ist «das Konzept des Freiraums, der Offenheit, der vertrauensvollen Beziehung mit den Künstler/innen als Antwort auf den grassierenden Kontrollwahn – nicht nur in der Kunst – zu sehen». Auf Texte und Reden, Kennzeichen kommerzieller Orte, verzichtet er bewusst. Seine breite Erfahrung hat er durch «learning by doing» erlangt. Kunstförderung, auf die er aufgrund seiner langfristigen Perspektive angewiesen ist, hat er mit der Zeit kennengelernt, wobei die Anträge bei der Schärfung der Ausrichtung halfen. Die Miete tragen heute die Stadt Biel und der Kanton Bern. Die minimale Aufwandsentschädigung für die Kunstschaffenden zahlen Stiftungen und die Pro Helvetia im Rahmen der Nachwuchsförderung. Tendenzen zu projektbasierter Förderung sieht Frautschi sehr kritisch, wobei die lange Tradition des Raums sowie Preise oder Nominationen, etwa für die Swiss Art Awards 2015 und 2016, im Bereich «Vermittlung» helfen würden, Gelder als «Jahresprogrammförderung» zu erhalten. Die Regelmässigkeit und zugleich Schnelllebigkeit der Anlässe geht bei Frautschi mit einem dokumentarischen Interesse einher. Er denkt den Ort in Kategorien wie «Subkultur» oder vielleicht gar einer «Bewegung». Mit Fotos hält er gelebte «Kunstsubkultur» in seiner Heimatstadt fest, gibt pro Halbjahr ein «Fanzine» als Rückblick heraus. Wenn das ‹Lokal-int› mit dem Ende seines Engagements irgendwann verschwindet, werde er hoffentlich noch die Vision eines Katalogs umsetzen können.

Gastgeber, nicht Kurator
Von der Performance einer jüngst ausgezeichneten Ernestyna Orlowska (*1987, Polen), die als surreale, kopflose Frauenfigur «Blumen» aus Zigarettenkippen verkauft, über die morbide Materialassemblage eines Urgesteins wie Monsignore Dies (*1969, Lengnau) mit Garage-Rock-Konzert bis zu klassischeren Präsentationen, fällt jeder Abend anders aus. Frautschi sieht sich dabei als Gastgeber, nicht als Kurator, ohne direkte Einflussnahme auf die eigentliche Ausstellung. Die gezeigten Positionen wählt er jedoch gezielt aus und achtet besonders darauf, dass sie in das Format passen, wobei das Netzwerk über Bekanntschaften und Empfehlungen stetig wächst. Zudem fördert Frautschi lokale Kunstschaffende und lädt für circa zehn Ausstellungen Gastkurator/innen ein. Biel selbst, so international es anmute, verfüge bloss über eine Kleinstadtszene, viele Kunstschaffende und Interessierte reisten für die Abende von auswärts an. Die Angereisten tragen den Ruf dieses niederschwelligen und unkomplizierten Ortes, der zu angeregten Diskussionen einlädt, wiederum weiter und werden somit Teil von dem, was für Frautschi den Kern des ‹Lokal-int› ausmacht. 

Lokal-int, Raum für zeitgenössische Kunst, Biel
2006 gegründet von Chri Frautschi und Enrique Muñoz García
Donnerstag ab 19.30 Uhr: Präsentationen, Happenings und Interventionen im Bereich visuelle Kunst
sowie Konzerte (u. a. ‹kopfhoerer›, Plattform für experimentelle Musik) und andere Veranstaltungen.
Verantwortlich: Chri Frautschi. Mitarbeit Nicolas Raufaste (Co-Kurator), Nicolas Leuba (Grafik),
Laurent Güdel & Lionel Gafner (‹kopfhoerer›, Plattform für experimentelle Musik), Florence Jung/
Emilie Guenat (Le lieu secret).
Unterstützt von: Stadt Biel, Swisslos/Kultur Kanton Bern, Pro Helvetia, Ernst-Göhner-Stiftung,
Kosmos-Kultur-Stiftung, Oertli-Stiftung, Migros Kulturprozent, Stiftung Temperatio

Adrian Dürrwang, Kunsthistoriker, freier Autor und Lehrer in Bern. a_duerrwang@hotmail.com

 

Die Reihe zu den Kunsträumen wird realisiert mit der Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.

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