Eva & Franco Mattes — Zirkulierende Bilder

Ceiling Cat, Ausstellungsansicht Team Gallery, Los Angeles, 2019. Foto: Jeff McLane

Ceiling Cat, Ausstellungsansicht Team Gallery, Los Angeles, 2019. Foto: Jeff McLane

Eva & Franco Mattes, 2019. Foto: Delfino Sisto Legnani und Melania Dalle Grave

Eva & Franco Mattes, 2019. Foto: Delfino Sisto Legnani und Melania Dalle Grave

Personal Photographs, fortlaufend seit 2019; Abuse Standards Violations, fortlaufend seit 2016, ­Ausstellungsansicht Fotomuseum Winterthur, 2021. Foto: Benedikt Redmann

Personal Photographs, fortlaufend seit 2019; Abuse Standards Violations, fortlaufend seit 2016, ­Ausstellungsansicht Fotomuseum Winterthur, 2021. Foto: Benedikt Redmann

Portraits, 2006, Ausstellungsansicht Fotomuseum Winterthur. Foto: Benedikt Redmann

Portraits, 2006, Ausstellungsansicht Fotomuseum Winterthur. Foto: Benedikt Redmann

Fokus

Fotografien sind schnell geknipst, ins Netz gestellt und über die sozialen Medien verbreitet. Eva und Franco Mattes beschäftigen sich damit, wer Bilder erschafft, konsumiert, rezipiert, ­reproduziert und aussortiert. Humorvoll weisen sie in ihrer ersten musealen Einzelausstellung im Fotomuseum Winterthur auf hintergründige Themen hin, die mit diesen digitalen Bildern verbunden sind. Der Rundgang regt dazu an, die eigene ­Position innerhalb der vernetzten Gesellschaft und den Umgang mit ­digitalen Bildern zu reflektieren. 

Eva & Franco Mattes — Zirkulierende Bilder

Fotos und Videos, die Alltägliches, Erlebtes, Lustiges, Fragwürdiges oder Absonderliches zeigen, werden heute massenhaft produziert, ins Internet und in die sozialen Medien hochgeladen. Niemand kann sich diesem Kreislauf aus Fotografieren, Teilen oder Betrachten entziehen. Eva und Franco Mattes verfolgen und hinterfragen mit ihren Arbeiten den Stellenwert dieser Bilder in der vernetzten Gesellschaft. Auf humorvolle Art, und doch äusserst ernsthafte Themen aufgreifend, nehmen sie Besuchende ihrer Soloschau im Fotomuseum Winterthur mit auf einen Rundgang: Die Leitplanke – zuweilen auch eine Schranke – bildet ein räumlich in verschiedene Richtungen verlaufender, gelber Kabelkanal, der sämtliche Ausstellungsräume miteinander verbindet. Sinnbildlich steht dieser Kanal für den Datenstrom an Bildern, die laufend in weit verzweigte Netzwerke eingespeist oder darin übermittelt werden. Als Lebensader unserer Bildproduktion und -konsumation führt dieser Datenstrom dem Publikum, das letztlich ein weitgehend imaginäres bleibt, stetig neue Inhalte zu.
Viele werden sich kaum damit befassen, welche Auswirkungen der Umgang mit digitalen Bildern auf uns und die Gesellschaft hat und welche Verhaltensweisen damit verbunden sind. Dem Künstlerduo gelingt es, abstrakte Themen, die mit der Übertragung von und der Auseinandersetzung mit digitalen Bildern verbunden sind, in den Ausstellungsraum zu überführen, sodass Besuchende selbst einmal zu Komplizen, ein andermal zu Voyeuren oder dann wieder zu Hinterfragenden werden.

Aussortieren von Abgründigem
Was täglich in der unüberschaubaren Bilderflut geteilt wird, ist keinesfalls immer harmlos. Content-Moderatorinnen und -Moderatoren entfernen im Auftrag grosser Internetfirmen wie Facebook, Google, Youtube oder Twitter fragwürdige Inhalte, und das oft unter prekären Arbeitsbedingungen. Billige Arbeitskräfte verrichten, unter Geheimhaltungspflicht und ohne zu wissen, für welche Internetplattform sie tätig sind, eine Arbeit, die genauso eintönig wie erschütternd ist. Sie überwachen die Inhalte in den sozialen Medien und werden gleichzeitig mit moralisch Anstössigem, Schockierendem und mit Gewalt immer neu konfrontiert. Doch automatisiert zu entscheiden, ob veröffentlichte Inhalte angemessen sind, dazu ist ein Bot, also die Maschine, nicht in der Lage. Fragen zur psychischen Belastung dieser Mitarbeitenden stellen sich ebenso wie nach den lokal und kulturell unterschiedlichen ethischen Kriterien, die für die Inhalte in sozialen Medien gelten.
Die Installation ‹The Bots›, 2020, thematisiert diese ausbeuterische Auftrags­modell. In als Make-up-Tutorials getarnten Videos treten Schauspielerinnen und Schauspieler auf, die stellvertretend wiedergeben, was Content-Moderatorinnen und -Moderatoren einem investigativen Journalisten von ihren Arbeitsbedingungen berichtet haben. An der Wand geben Paneele der 2016 begonnenen Serie ‹Abuse Standards Violations› einen Einblick in geleakte Regelwerke, die bei dieser für Social-Media-Nutzende unsichtbar verrichteten Tätigkeit zur Anwendung kommen.
Selbst physische Sichtbarkeit bedeutet nicht, dass es sich beim Gesehenen um das Wesentliche handelt. Ein metallisch grauer Kabelkanal bildet eine Raumskulptur namens ‹Personal Photographs›, 2019. Sichtbar sind jedoch nur die eingelegten bunten Internetkabel. Die im Titel erwähnten Bilder – alle von Eva und von Franco Mattes in einem bestimmten Monat aufgenommen – werden zwischen zwei Mikrocomputern hin und her geschickt, aber bleiben, obwohl mit dem Publikum geteilt, im Datenstrom verborgen. Auf Smartphones und im Internet befinden sich unzählige Bilder, die zwar aufgenommen, aber danach nie wieder von jemandem angeschaut werden. ‹Hannah Uncut›, 2021, eine neu für die Ausstellung entstandene und in die Sammlung des Fotomuseums aufgenommene Arbeit, verkehrt die Unsichtbarkeit von Aufnahmen und Videos, die üblicherweise privat auf einem Smartphone liegen, ins Sichtbare. Über ­einen Online-Aufruf haben Eva und Franco Mattes einer jungen Frau aus Grossbritannien für 1000 US-Dollar ihr Handy abgekauft unter der Bedingung, dass alle enthaltenen Fotos und Videos verwendet werden dürfen. Eine Slideshow der Bilder in chronologischer Reihenfolge gibt Einblick in das Leben von Hannah. Der einzige künstlerische Eingriff ist die Taktung der Anzeigedauer, die dem Wischen über das Smartphone zur Bildbetrachtung nachempfunden ist.

Kulturphänomen Meme
Vollkommen auf die Verbreitung ausgerichtet sind Memes, die aus dem Nichts entstehen und in den sozialen Medien unglaubliche Popularität erlangen, ohne dass jemand weiss, warum. Jüngst ging das bei der Amtseinführung von Joe Biden entstandene Foto viral, auf dem Bernie Sanders mit Hygienemaske und handgestrickten Fäustlingen auf einem Klappstuhl sitzend zu sehen ist. Mit immer neuen Bildfindungen wurde der ältere Herr in die unterschiedlichsten Kontexte hineinmontiert. Memes, die von Nutzerinnen und Nutzern angeeignet, verfremdet, karikiert oder mit Textzusätzen – oft von Rechtschreibfehlern gespickt – versehen werden, zirkulierten schon Anfang der 2000er-Jahre. Zu den beliebtesten im Internet geteilten Bildern gehören Katzenbilder, von denen einige berühmte Memes geworden sind. Zwei davon haben Eva und Franco Mattes aufgegriffen und die ungewöhnlichen Katzen als präparierte Tierskulptur (‹Half Cat›, 2020) beziehungsweise als Installation (‹Ceiling Cat›, 2016) in den analogen Raum gebracht. Auf Wikimedia Commons kann in hoher Auflösung gemeinfrei eine Abbildung des Werks ‹Ceiling Cat› heruntergeladen und weiterverwendet werden. Mit der Zustimmung des SFMOMA, in dessen Sammlung sich dieses Werk befindet, hat das Künstlerduo so erneut einen Transfer ins Digitale vorgenommen. Bildrechte, oft als grosses Problem gerade von moderner und zeitgenössischer Kunst dargestellt, lösen sich scheinbar leichtfüssig in nichts auf, wenn Kunstschaffende wie Eva und Franco Mattes die Sache selbst in die Hand nehmen. Wer weiss, vielleicht taucht im Zusammenhang mit der Ausstellung in Winterthur ­eine weitere Werkabbildung auf, die der freien Community zurückgegeben wird.

Allgegenwart der Fotografie in der Gesellschaft
Das Fotomuseum Winterthur verzichtet für einmal darauf, klassische Fotografien auszustellen, wie die Kuratorin Doris Gassert erklärt, sondern befragt, was die Fotografie heute für einen Stellenwert in der Gesellschaft hat. Eva und Franco Mattes schaffen im Ausstellungsraum ein Umfeld, das von den Besuchenden zuweilen Erfindungsreichtum und das Einnehmen ungewöhnlicher Positionen zur Kunstbetrachtung verlangt. Ihre Kunst, die im Digitalen stattfindet oder sich mit dort vorzufindenden Strukturen auseinandersetzt, findet Wege, die Phänomene in physische Objekte oder Installationen zu übersetzen. Auf diese Weise werden Wirkmechanismen aufgegriffen, wie sie aus der Erfahrung bei der Nutzung von Computer und Internet bestens bekannt sind, und im analogen Raum erfahrbar gemacht. Die Verfremdung ­einerseits und das Wiedererkennen bekannter Strukturen andererseits ist es, was die Faszination dieser Ausstellung ausmacht. Die Eröffnung musste zwar pandemiebedingt verschoben werden, doch hoffentlich bleibt es nicht bei der im Ausstellungstitel adressierten ‹Dear Imaginary Audience›, sondern es kommt noch zu einem realen Publikumszustrom.

Sonja Gasser, Kunsthistorikerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei den Digital Humanities am Walter Benjamin Kolleg, Universität Bern, lebt in Zürich. sonjagasser@hotmail.com

→ ‹Eva & Franco Mattes – Dear Imaginary Audience›, Fotomuseum Winterthur, 23.1.–24.5.; mit Katalog ↗ www.www.fotomuseum.ch ↗ commons.wikimedia.org (search: Ceiling Cat)

Jusqu'à 
24.05.2021

Eva & Franco Mattes (beide *1976, Brescia, Italien) leben und arbeiten in New York, USA

Auszeichnung
2016 Creative Capital Award

Einzelausstellungen (Auswahl)
2020 ‹What Has Been Seen›, Phi Foundation for Contemporary Art, Montreal
2018 ‹Happens or It Didn’t Pic›, Blueproject Foundation, Barcelona

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Snap and Share – Transmitting Photographs from Mail Art to Social Networks›, SFMOMA, San Francisco
2018 ‹Catastrophe and the Power of Art›, Mori Art Museum, Tokyo; ‹I Was Raised on the Internet›, Museum of Contemporary Art Chicago
2017 Biennale für aktuelle Fotografie, Mannheim
2016 ‹The World Without Us›, Hartware Medienkunstverein, Dortmund; 20th Biennale of Sydney; ‹Electronic Superhighway›, Whitechapel Gallery, London

expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Eva & Franco Mattes – Dear Imaginary Audience 23.01.2021 - 24.05.2021 exposition Winterthur
Schweiz
CH
Auteur(s)
Sonja Gasser
Artiste(s)
Eva Mattes
Franco Mattes

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