Georgia O’Keeffe — Natur, Land, Identität

Georgia O’Keeffe · Strasse in New York mit Mond, 1925, Öl auf Leinwand, 122 x 77 cm, Sammlung Carmen Thyssen-Bornemisza, Depositum im Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid, Georgia O’Keeffe Museum © ProLitteris. Foto: Georgia O’Keeffe Museum

Georgia O’Keeffe · Strasse in New York mit Mond, 1925, Öl auf Leinwand, 122 x 77 cm, Sammlung Carmen Thyssen-Bornemisza, Depositum im Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid, Georgia O’Keeffe Museum © ProLitteris. Foto: Georgia O’Keeffe Museum

Besprechung

Inmitten der aktuellen Identitätsdebatten eine Ausstellung über die oft zur Ikone der amerikanischen Moderne oder des Feminismus glorifizierten Georgia O’Keeffe zu veranstalten ist hochaktuell. Die Fondation Beyeler zeigt auf, wie vielfältig und reichhaltig das Werk der Künstlerin ist.

Georgia O’Keeffe — Natur, Land, Identität

Basel/Riehen — Spätestens seit der erfolgreichen TV-Serie ‹Breaking Bad› hat der Kult um das Werk von Georgia O’Keeffe (1887–1986) auch ausserhalb der Kunstwelt um sich gegriffen: Die szenige Freundin des verpeilten Drogenhändlers Jesse will diesen davon überzeugen, mit ihr das Georgia O’Keeffe Museum in Santa Fe zu besuchen. Ihr Argument: «You might like it. A lot of her paintings look like vaginas.» Dass die Arbeiten der US-Amerikanerin viel mehr hergeben als diese ebenso verbreitete wie verknappende Lektüre, macht die Ausstellung in der Fondation Beyeler deutlich.
Die Überblicksschau mit 85 Werken aus den 1910er- bis 1950er-Jahren zeichnet nach, wie facettenreich das Schaffen der Künstlerin war. Ausgewählte Aquarelle und Tuschezeichnungen, abstrakte Ölgemälde und die bekannten Blumen-Bilder sind zu sehen. Diese sind in Bezug gesetzt zu schwindelerregenden Darstellungen der Hochhäuser New Yorks und zu Porträts von Blättern, Bäumen, der Architektur und der Landschaft, in der O’Keeffe gelebt und mit der sie sich verbunden gefühlt hat.
Gleich zu Beginn betonen mehrere Wandtexte O’Keeffes Faszination und Identifikation mit der Natur. Sie verweisen auf ihre Begeisterung für die Blickwinkel und Perspektiven, die durch das neue Medium der Fotografie in der Kunst Einzug hielt und durch ihren Ehemann, den Galeristen und Fotografen Alfred Stieglitz, auch für sie persönlich eine wichtige Rolle spielte. Sie machen deutlich, dass O’Keeffe über die europäischen Avantgarde-Strömungen bestens informiert war, und heben ihre Wertschätzung der US-amerikanischen Landschaftsmalerei hervor. Kein Wort hingegen über ihren Status als Künstlerin und die vieltransportierten Assoziationen ihrer Landschaften und Blumenporträts mit weiblichen und männlichen Geschlechtsorganen. Diese theoretische Einordnung hallt im Gang durch die Ausstellung nach: Die vergrösserten Blumen mitsamt ihren Stempeln und Fruchtknoten erscheinen im Licht einer durch das Objektiv der Kamera inspirierten Perspektive. In den subjektiven und stimmungsvollen Abbildungen von Landschaft schwingt der Symbolismus der amerikanischen Landschaftsmalerei mit. Immer wieder entdeckt man Referenzen auf den frühen Kubismus, den europäischen Expressionismus oder auch die amerikanische Kunst der 1950er-Jahre. Die Faszination von O’Keeffes Werk liegt in ihrem Stil, der all diese Einflüsse miteinander verbindet und auf aussergewöhnliche Art und Weise das Zusammenspiel ihrer Identitäten als Frau, als Amerikanerin, als Künstlerin und als Zeitgenossin des 20. Jahrhundesrts ausdrückt. 

Jusqu'à 
22.05.2022

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