Katie Paterson und Julian Charrière — Gesten für die Zukunft

Julian Charrière · Pure Waste, 2021, FHD Video, 16:10, Stereo, 5’30’’, Courtesy Galerie Tschudi © ProLitteris. Foto: Ralph Feiner

Julian Charrière · Pure Waste, 2021, FHD Video, 16:10, Stereo, 5’30’’, Courtesy Galerie Tschudi © ProLitteris. Foto: Ralph Feiner

Katie Paterson · Ideas (Everthing once evaporated returned), 2017, lasergeschnittene Schrift aus ­Sterlingsilber, 10,9 x 21,3 x 0,3 cm, Courtesy Galerie Tschudi. Foto: Ralph Feiner

Katie Paterson · Ideas (Everthing once evaporated returned), 2017, lasergeschnittene Schrift aus ­Sterlingsilber, 10,9 x 21,3 x 0,3 cm, Courtesy Galerie Tschudi. Foto: Ralph Feiner

Besprechung

Was ist der Sinn des Lebens? Was hinterlasse ich in dieser Welt, die mit der Klimakrise in absehbarer Zeit für Menschen unbewohnbar werden wird? Katie Paterson lässt Bäume wachsen und eine Bibliothek entstehen. Julian Charrière kehrt geophysische Prozesse um und verdichtet Abluft zu Juwelen.

Katie Paterson und Julian Charrière — Gesten für die Zukunft

Zuoz — Das Blatt lässt sich leicht übersehen, obwohl es Teil eines Projektes ist, das weit über unser Jahrhundert hinausweist. Die Druckgrafik mit den wie von Hand gezogenen Jahresringen evoziert den Stamm eines hundertjährigen Baums und verbrieft zugleich das Anrecht an einer Buchreihe, die erst noch geschrieben werden will. Für ihre ‹Future Library› forstete die Schottin Katie Paterson (*1981) ein Stück Wald auf und erteilte Margaret Atwood 2014 den Auftrag, einen freien literarischen Text zu schreiben. Seither kommt Jahr für Jahr ein Manuskript von einer weiteren Autorin oder einem Autor dazu, das versiegelt und in einem skulpturalen Bibliotheksraum in Oslo verwahrt wird. 2114 sollen die Bäume gefällt, zu Papier verarbeitet und die Texte publiziert werden. Laut Atwood ist dies ein «act of optimism», ein Geschenk an zukünftige Generationen, ein Zeichen dafür: Ja, wir sehen euch, wir haben euch mit unserem Tun im Blick. Doch welche Bedeutung wird das geschriebene Wort dann noch haben? In wessen Händen werden die Anteilsscheine landen? Was sind hundert Jahre im Hinblick auf die eigene Lebenszeit? Deutlich wird jedenfalls: Zeit ist mehr als ein manipulierbarer, psychologischer Faktor. Die Natur lässt sich nicht austricksen, Zeit schreibt sich jedem Baum, jedem natürlichen Prozess mit ein.
Katie Paterson gelingen immer wieder bestechend einfache Umsetzungen komplexer Ideen. Überraschend ist auch die Selbstverständlichkeit, mit der ihre Werke mit Objekten anderer Kunstschaffenden zusammenspielen. Das zeigt sich in dieser sorgfältig kuratierten Doppelschau mit Julian Charrière (*1987). So erhalten seine Steinskulpturen aus schwarzem Vulkanglas in einem glitzernden Wandtext von Paterson ein unerwartetes Echo: ‹A zen garden laid with rocks carried by glaciers›. Oder wenn er in einem Video Diamanten in einen gurgelnden Gletscherschlund rieseln lässt – künstliche Edelsteine, hergestellt auf Basis von ausgeatmetem CO2 –, wirkt ihre Silberschrift daneben wie ein Mahnmal: ‹Everything once evaporated returned›.
Im obersten Raum funkelt Patersons Lichterkette stellvertretend für Sterne aus anderen Galaxien, daneben entziffern wir im Dunkeln: ‹Gravity released one unit at a time›. Immer wieder verbindet sich längst Vergangenes mit Zukünftigem, Fernes mit Naheliegendem. Und ja, wie lauteten die Einstiegsfragen, die uns alle auch umtreiben? Die Künstlerin zitiert dazu einen indischen Literaten: Der Sinn des Lebens ist es, Bäume zu pflanzen, unter deren Schatten man nie sitzen wird …

Jusqu'à 
26.03.2022

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