Cyprien Gaillard — Es geht ums Ganze, im Fragment

Roots Canal, 2019, Neun Baggerschaufeln, Installationsansicht Museum Tinguely, Basel. Foto: Gina Folly

Roots Canal, 2019, Neun Baggerschaufeln, Installationsansicht Museum Tinguely, Basel. Foto: Gina Folly

Greater Koa Moorhen, 2013, 86,4 x 91,4 x 91,4 cm, Courtesy Alexandra Economou Collection

Greater Koa Moorhen, 2013, 86,4 x 91,4 x 91,4 cm, Courtesy Alexandra Economou Collection

Nightlife, 2015, Filmstill von 3D-Film, DCI DCP, 14’56’’, Courtesy Sprüth Magers & Gladstone Gallery

Nightlife, 2015, Filmstill von 3D-Film, DCI DCP, 14’56’’, Courtesy Sprüth Magers & Gladstone Gallery

Nightlife, 2015, Filmstill von 3D-Film, DCI DCP, 14’56’’, Courtesy Sprüth Magers & Gladstone Gallery

Nightlife, 2015, Filmstill von 3D-Film, DCI DCP, 14’56’’, Courtesy Sprüth Magers & Gladstone Gallery

Nightlife, 2015, Filmstill von 3D-Film, DCI DCP, 14’56’’, Courtesy Sprüth Magers & Gladstone Gallery

Nightlife, 2015, Filmstill von 3D-Film, DCI DCP, 14’56’’, Courtesy Sprüth Magers & Gladstone Gallery

KOE, 2015, Filmstill von HD-Video, 4’17’’, in Farbe, Courtesy Sprüth Magers & Gladstone Gallery

KOE, 2015, Filmstill von HD-Video, 4’17’’, in Farbe, Courtesy Sprüth Magers & Gladstone Gallery

KOE, 2015, Filmstill von HD-Video, 4’17’’, in Farbe, Courtesy Sprüth Magers & Gladstone Gallery

KOE, 2015, Filmstill von HD-Video, 4’17’’, in Farbe, Courtesy Sprüth Magers & Gladstone Gallery

KOE, 2015, Filmstill von HD-Video, 4’17’’, in Farbe, Courtesy Sprüth Magers & Gladstone Gallery

KOE, 2015, Filmstill von HD-Video, 4’17’’, in Farbe, Courtesy Sprüth Magers & Gladstone Gallery

Fokus

Ruinen sind sein Terrain, Feldforschung ist seine Methode, das im Vergangenen eingekapselte Künftige sein Gegenstand: Der Installations- und Filmkünstler Cyprien Gaillard schreibt konsequent seine Geschichte der Zerstörungen weiter, aus denen Neues entsteht. Das Museum Tinguely widmet ihm nun eine Einzelschau.

Cyprien Gaillard — Es geht ums Ganze, im Fragment

Vor ziemlich genau zehn Jahren, am 14. März 2009, endete die Schau ‹Pruitt-Igoe Falls› in der Kasseler Kunsthalle Fridericianum. In Cyprien Gaillards gleichnamigem Video sieht man minutenlang, tonlos im Dunkel der frühen Morgenstunden, einen grossen Wohnblock zwischen grünen Hügeln. Dann, plötzlich, fällt er in sich zusammen, eine enorme Staubwolke rast auf die Kamera zu, verschlingt das Bild. Im langsam wieder hervorglühenden Licht, merkwürdig regenbogenbunt, strömen Staubschleier und enden, zu fallender Bewegung umgekehrt, als abstrakter, an William Turner erinnernder, pulsierender Wasserfall. Der Werktitel meint aber den Fall des Hauses Pruitt-Igoe im nördlichen Teil von Saint Louis, Missouri, dessen Sprengung am 16. März 1972 Fanal einer Sozialbauvision war. Gaillards Ausstellung inszenierte 37 Jahre später eine «geliebte Ruine, für die es nur den Blick zurück geben kann», der «aus einer dunklen Gegenwart in eine Vergangenheit» geworfen wird, wie ich damals über den Künstler (→ Kunstbulletin 12/2008) schrieb. Nach dem Tod von 79 Menschen im Brand des Grenfell Tower in London 2017, auf den hin der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan alte Wohnblocks zerstören wollte, könnte Gaillards Kritik am «staatlichen Vandalismus» der Hochhausabrisse wie weltfremde Sozialbauromantik erscheinen.

Anachronismen und geschichtliche Überlagerungen
Heute, wiederum zehn Jahre später, präsentiert das Museum Tinguely in Basel Cyprien Gaillards Arbeit. Unter dem Titel ‹Roots Canal› werden Skulpturen, Videos und Polaroid-Assemblagen gezeigt, mit denen der Plein-Air-Künstler, der schon über dreissig Hausabrissen beiwohnte, sich einer tiefer bohrenden Analyse dessen zuwendet, aus dem das Heute wächst. Diese nimmt übrigens vorweg, was sein neues Filmprojekt, das im März vorgestellt werden soll, aus seinen Reisen und unterirdischen Drehs in Russland zusammengetragen hat.
In Basel verweist der englische Begriff für Zahnwurzelkanal auf die Lebensader vitaler Architekturen, jene Stelle, an der es besonders weh tut, die im Krankheitsfall verödet wird, ein totes Monument hinterlassend. In ihrem oft ästhetisch-erhabenen Selbstbezug funktioniert Gaillards Arbeit durch Anachronismen: ‹Pruitt-Igoe Falls› zeigt nicht die historisch indizierten Wohnblocks. Statt Archivaufnahmen zu verwenden, filmte der Künstler am 13. Juli 2008 selbst ein anderes Haus in Glasgow, Schottland, blendete zwei Geschichten übereinander und erzählt so eine Geschichte nach der Geschichte, nicht über sie. Anders als viele der Grab- und Schichtarchäologien der Spanierin Lara Almarcegui oder des Österreichers Hans Schabus entfernt sich Gaillard vom Einzelfall, zielt bei seiner Anamnese der «Krankheit Moderne» aufs Ganze, bezieht auch die Materialität der gewählten Medien, deren Historizität und Ästhetik mit ein. Der französische Künstler, der sich so viel mit den Ruinen der Moderne auseinandergesetzt hat, so oft mit Walter Benjamins Engel der Geschichte assoziiert wurde, lebt in einem Berlin, das sich mit Objekten wie dem Stadtschloss immer tiefer mit Artefakten einer erfundenen Vergangenheit präsentiert und darüber die Geschichte und ihre Lehren vergisst. Auferstanden aus Ruinen wird das Neue nur noch im Alten gegenwärtig – und erstarrt. Mit der performativen Arbeit ‹What it does to your city› nahm Gaillard 2012 darauf Bezug: Sie beinhaltete unter anderem auf Sockeln ausgestellte Zähne von Baggerschaufeln – symbolische Zeugen einer Stadt, die aus den Überresten ehemaliger Bauten wächst, genau diesen ruinösen Grund überblenden will in einer durch Vergegenwärtigung fixierten Vergangenheit. Gaillard weiss das, sieht es, ist davon fasziniert, sucht Auswege aus dem Drängen der Nostalgie.

Alles in allem
Die Schlussszene aus Michelangelo Antonionis ‹Zabriskie Point› von 1970, in der ein Haus in Slow Motion zu mehr Fragmenten explodiert, als sein Ganzes ausmachen, gilt als symbolische Figur des Endes der Geschichte. Gegen deren Auflösung in viele einzelne Geschichten arbeitet Gaillard mit einem gewissen Goethe’schen Eifer daran, wieder aufscheinen zu lassen, was diese unablässig zerfallende Welt im Innern zusammenhält. Als könnte das ästhetische Moment Vergangenheit und Gegenwart auch mit einer längst als kultiviert erkannten Natur versöhnen, zeichnete er für ‹KOE› 2015 die abendliche Versammlung von versehentlich ausgewilderten Halsbandsittichen in der Düsseldorfer Innenstadt auf. Die Migration der aus Afrika und Asien stammenden Art in eine uniformierte Luxus-Shoppingmeile bliebe ein anekdotisches Detail der Globalisierung, würde sie Gaillard nicht mit Bewegung und Farben, impliziten Referenzen und ästhetischen Nuancen entfremden. Schon das für Ortsansässige gebräuchliche Kürzel für die ‹Kö›, die Düsseldorfer Königsallee, erscheint als ‹KOE› wie ein rätselhaftes Akronym, Essenz wunderlich ästhetischer Einheit.

Geschichtsvergessen gegenwärtig
Indem er ästhetisch entkoppelt, was historische Zeitleisten halten, verkörpert Cyprien Gaillard jenen Zeitgenossen, den Giorgio Agamben als einen beschrieb, der glaubt, genau wegen seines Anachronismus besser als andere seine eigene Zeit zu erfassen.1 Gaillard gibt nicht unverändert wieder, was einst aufgezeichnet wurde, sondern will aus der bereits verformenden Aufzeichnung einen neuen Grund für Zukunft herausarbeiten. Den Film ‹Nightlife› hat der Künstler während zwei Jahren und vielen Reisen durch die USA gedreht. Dramatische Nachtaufnahmen wehender Palmen, blitzende Feuerwerkskörper im Berliner Olympiastadion und eine Eiche in Ohio werden durch nostalgische 3D-Technik zu einer Geschichte montiert, die mehr erzählt als nur den Zusammenhang zwischen invasiven Pflanzensorten in Kalifornien, Hitlers Olympischen Spielen in Berlin 1936 und einer Eiche, die der schwarze Athlet Jesse Owens bei ebendiesen Spielen als Medaillenzugabe erhielt und die heute in Cleveland, Ohio steht. Gaillard, der es mag, als «faux surréaliste» bezeichnet zu werden, erzeugt auch durch die verwendete Musik eine psychedelische Stimmung, die helfen soll, Alltags- und Medienerfahrungen zu transzendieren. Eine andere seiner Taktiken gegen die Lähmung der Vergegenwärtigung ist homöopathisch. Er bekämpft Gleiches mit Gleichem, wenn er neun Baggerschaufeln als Ready-Made-Skulpturen ins Tinguely-Museum stellt. Bereits 2013 hat er ‹Cuban Gallinule› verwirklicht, quasi als Spin-off der USA-Reisen, die er für ‹Nightlife› unternahm. Dort, in der kalifornischen Wüste, fand er, was in unseren Breiten kaum möglich wäre: in trockener Hitze gelagerte Baufahrzeuge, ein surrealer Maschinenpark unter freiem Himmel. Wenn Gaillard nun die Baggerschaufeln aus der Wüste ins Museum transferiert, scheinen diese als erratische Objekte allzu wörtliche Symbole für Abriss, letztlich pompöse Monumente städtebaulicher Veränderung zu werden. Allerdings verschiebt er erneut durch einen Eingriff das Alltagsobjekt zur symbolischen Form, indem er in die Ösen, in die normalerweise die Maschine ihren mechanischen Arm einhakt, aus Edelstein wie Kalzit oder Onyx geschnittene Stangen steckt. Höchst zerbrechlich, wurden sie in Utah geschnitten, in einer Mine unweit der ‹Spiral Jetty›, die er im letzten Film der 2002–2004 gedrehten Serie ‹Real Remnants of Fic­tive Wars› in Löschschaumwolken verschwinden lässt.

Totentanz und das narrative Potenzial von Materialien
Robert Smithson, der als Vertreter aktiver Entropie und Kritiker selbstvergessener Moderne einmal sagte, dass neue Denkmäler anders als die alten statt der Erinnerung einer Vergangenheit dem Vergessen der Zukunft dienen, ist fundamental für Gaillards Arbeit. Wie sich Smithson für sein spiraliges Vorgehen auf Goethes Figur des Ein- und Ausatmens bezog, so evoziert Gaillard in der Verwendung der Edelsteine deren mineralogische Kosmologie: Kalzit, gelb gefärbt bei hohem Eisengehalt, gilt wie der schwarze Onyx als Heilstein. So würde also das Mineral heilen, was der Stahl weggerissen hat – Cyprien Gaillard lädt mit solchen unterschwelligen Verwandtschaften Material mit Geschichte und Geschichten auf. Die Ausstellung im Museum Tinguely könnte für ihn Gelegenheit sein, in Jean Tinguelys ‹Mengele Totentanz› von 1986 eine andere, dunkle Seite solcher Geschichtsruinen zu entdecken: Der Schweizer Nouveau Réaliste schweisste nach einem Scheunenbrand dämonische Skulpturen aus verkohlten Maschinenteilen der Augsburger Firma Mengele, aus deren Familie der nationalsozialistische Mörderarzt stammt. Eine andere Art, anhand von aufgeladenem Material Geschichte zu erzählen.

1 Giorgio Agamben: ‹What Is the Contemporary?›, in: ders., Nudities, Stanford, Stanford University Press, 2011, S. 10–19.

J. Emil Sennewald publiziert als Kunstkritiker von Paris aus, lehrt als Philosophieprofessor an der École supérieure d’art in Clermont-Ferrand und forscht zur Ausstellung an der Ensad, Paris. Emil@weiswald.com

Jusqu'à 
05.05.2019

Cyprien Gaillard (*1980, Paris), lebt in Berlin
2011 Preis der Nationalgalerie für junge Kunst
2010 Prix Marcel Duchamp
2005 Diplom der École cantonale d’art de Lausanne (ECAL)

Einzelausstellungen
2016 ‹Nightlife›, K20, Düsseldorf
2013 ‹Hammer Projects›, Hammer Museum, Los Angeles
2013 ‹The Crystal World›, MoMA PS1, New York
2012 ‹What it does to your city›, Schinkel Pavillon, Berlin
2011 ‹Ur›, Centre Pompidou, Paris
2010 Kunsthalle Basel

Gruppenausstellungen
2018 ‹Art Club›, Villa Medici, Rom; ‹Generation Loss›, Julia Stoschek Collection, Düsseldorf
2017 ‹Mix it›, Martha Herford, Herford
2016 ‹The infinite mix›, Hayward Gallery, London
2015 ‹La la la human steps›, Museum Boijmans van Beuningen, Rotterdam
2014 Manifesta 10, State Hermitage Museum, St. Petersburg

 

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La Source 12.04.2019 - 03.11.2019 Ausstellung Hyères CN
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Hyper! A journey into art and music 01.03.2019 - 10.08.2019 Ausstellung Hamburg
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Cyprien Gaillard 16.02.2019 - 05.05.2019 Ausstellung Basel
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