Luzia Hürzeler — Distanz und letzte Nähe

Selbstporträt für die Katze, 2006, Video 11’’48’, Ton. Courtesy Galerie Gisèle Linder.

Selbstporträt für die Katze, 2006, Video 11’’48’, Ton. Courtesy Galerie Gisèle Linder.

Die Forelle, 2012, zwei synchronisierte Videos, 7’45’’, Ton, Courtesy Galerie Gisèle Linder. Foto: Alexandra Roth

Die Forelle, 2012, zwei synchronisierte Videos, 7’45’’, Ton, Courtesy Galerie Gisèle Linder. Foto: Alexandra Roth

En dernier lieu, 2019, (Detail) Rückseite eines von acht Leuchtkästen mit Wölfin F22, 160 x 113 x 33 cm

En dernier lieu, 2019, (Detail) Rückseite eines von acht Leuchtkästen mit Wölfin F22, 160 x 113 x 33 cm

En dernier lieu, 2019, Installation mit acht doppelseitigen Leuchtkästen, je 160 x 113 x 33 cm, Installation Ferme Asile, Sitten (Vorderseiten: Todesort; Rückseiten: Wolfspräparat am derzeitigen Standort)

En dernier lieu, 2019, Installation mit acht doppelseitigen Leuchtkästen, je 160 x 113 x 33 cm, Installation Ferme Asile, Sitten (Vorderseiten: Todesort; Rückseiten: Wolfspräparat am derzeitigen Standort)

En dernier lieu, 2019, Installation mit acht doppelseitigen Leuchtkästen, je 160 x 113 x 33 cm, Installation Ferme Asile, Sitten (Vorderseiten: Todesort; Rückseiten: Wolfspräparat am derzeitigen Standort)

En dernier lieu, 2019, Installation mit acht doppelseitigen Leuchtkästen, je 160 x 113 x 33 cm, Installation Ferme Asile, Sitten (Vorderseiten: Todesort; Rückseiten: Wolfspräparat am derzeitigen Standort)

If looks could kill, 2011, (Detail) Videoinstallation: Camcorder Sony DCR-PC 100E, durchschossen von einer Pistole Colt M1911

If looks could kill, 2011, (Detail) Videoinstallation: Camcorder Sony DCR-PC 100E, durchschossen von einer Pistole Colt M1911

Fokus

Wer hat den Wolf je gesehen? Luzia Hürzeler bespielt im Frühling die Ferme Asile in Sitten mit der Ausstellung ‹Des animaux à la ferme›. Sie zeigt grossformatige Foto-Leuchtboxen, ausgestopfte Tiere, Interviews mit Fachleuten und setzt vor allem ein Tier ins Zentrum, das im Wallis immer wieder für Aufregung sorgt: den Wolf. Die Ausstellung lädt das Publikum ein, sich mit dem Wolf auseinanderzusetzen, mit den Fragen und Ängsten, die wir in das scheue, kaum sichtbare Tier hineinprojizieren.

Luzia Hürzeler — Distanz und letzte Nähe

Acht Leuchtkästen ziehen sich durch den grossen Ausstellungsraum der Ferme ­Asile, einer ehemaligen Scheune. Die Lichtboxen zeigen auf der Vorderseite eine Landschaft, auf der Rückseite acht ausgestopfte Wolfsbüsten. Die Foto-Arbeit ‹En dernier lieu›, 2019, von Luzia Hürzeler stellt eine wichtige Frage: Wo ist der Wolf ­eigentlich? Da ihm kaum jemand je in der freien Natur begegnet ist, wird er durch Bilder ersetzt. Die Künstlerin hat Wolfspräparate in Sammlungen und Museen fotografiert: «Ich wollte die Provenienz der zu Ausstellungsobjekten gewordenen Lebewesen nachzeichnen.» Sie sammelte Informationen zu den Wesen, die mit F02 (Female 02) oder M16 (Male 16) bezeichnet werden, glich Indizien ab, um Todesort, genaue ­Position des Tiers und Weg der Kugel durch den Körper herauszufinden. Mithilfe von GPS-Daten und Erzählungen konnte sie jeweils genau ausmachen, wo die einzelnen Wölfe getötet wurden. Sie begab sich daraufhin an diese Orte und fotografierte vom Standpunkt des Schützen aus gesehen die Todesstätte des Tiers.

Fundierte Arbeit mit dem Tier
Die Frage des Umgangs mit Tieren stellt sich in jeder Gesellschaft neu. Haus­tiere, Nutztiere und einheimische Wildtiere sind in unserem Land Gegenstand ungelöster Fragen, Abstimmungen, Gesetzgebungen und Verordnungen. Die Schweizer Künstlerin Luzia Hürzeler fällt in diesem Kontext mit ihrer fundierten Arbeit zu den Darstellungen von Tieren auf. Seit fast zehn Jahren sucht sie den Kontakt zu ­Tieren; sie beobachtet sie im Naturschutzgebiet, in der Wildnis, im Zoo, zu Hause. Sie recherchiert und befragt Experten zu Themen und Kontexten, die sie interessieren und berühren. Als Künstlerin erstellt sie Bilder, Filme und Objekte, die Tiere und ihren Lebensraum ins Zentrum rücken. Seit 2017 leitet sie an der Walliser Schule für Gestaltung (édhéa) in Siders eine Studie mit dem Titel ‹Qui a vu le loup?›. Im Rahmen dieser Studie wird eine Analyse verschiedener Arten der Darstellung des Wolfs durchgeführt. Der Blick in die Ausstellung in der Ferme Asile zeigt vor allem eines: Luzia Hürzeler bewegt sich für ihre Arbeit mit dem Tier zwischen Kunst und Wissenschaft, zwischen Dokumentation und Recherche. Sie fokussiert auf Tiere in Zoologischen Gärten oder solche, die als Trophäen und wissenschaftliche Büsten präpariert wurden. Auch ­Tiere, die für den Film arbeiten, kommen vor. Und natürlich auch das eigene Haustier! Bereits 2006 liess sie ihre Katze in dem Film ‹Selbstporträt für die Katze› auftreten und ihre aus Katzenfutter hergestellte Büste ablecken. Zehn Jahre später findet sich das Tier, nach seinem Tod, zusammengerollt und mit geschlossenen Augen, als Präparat in der Ausstellung wieder: ‹Ne réveillez pas le chat qui dort›, 2016, mahnt uns der Titel, und Luzia Hürzeler kommentiert: «Indem ich herkömmliche Darstellungsweisen von Tieren auf unübliche Weise anwende oder sie in einen überraschenden Vergleich bringe, wird deren Hergestelltheit und Künstlichkeit ersichtlich.» Der Tod ist immer Thema der Arbeiten der Künstlerin. Luzia Hürzeler sucht dabei eine Art Parallele in den Erfahrungen zwischen Mensch und Tier. Bei der Videoinstallation ‹Die Forelle›, 2012, laufen auf zwei Bildschirmen gleichzeitig zweiAtemprozesse ab: Ein Becken füllt sich, bis sich der Kopf der Künstlerin komplett unter Wasser befindet und sie eineinhalb Minuten lang nicht mehr Luft holen kann; das andere Becken leert sich, während die Forelle sich windet, springt, um der Agonie zu entkommen. Zwei Linien von Wasserspiegeln heben und senken sich. Die Angst spricht aus den Augen der Künstlerin. Die Forelle schlägt mit dem ganzen Körper um sich. Hürzeler weiss um das grosses Paradoxon bei der Darstellung von Tieren. Es sind Fotos, die Tiere in grosser Nähe oder grosser Distanz zeigen. Die Darstellung des ­Wolfs beispielsweise hat die Eigenheit, dass sie ein Tier zeigt, das dem Menschen gegenüber fast unsichtbar bleibt. Der Wolf war in der Schweiz bis 1995 ausgerottet, wird heute jedoch wieder vermehrt gesichtet und von Fotofallen erfasst. Dies führt unweigerlich zu Ängsten und Konflikten. Der Mensch sieht den Wolf vor allem als Bedrohung für seine Nutztiere, als Eindringling in Siedlungsräume und versucht, ihn mit Gesetzen, Vorschriften und genehmigten Abschüssen wieder loszuwerden. Die Künstlerin hat mit Sachverständigen gesprochen, die das Vorkommen des Wolfs erforschen sowie anhand von Speichelspuren, Exkrementen und Kadavern Einzeltiere zu identifizieren und zu orten sowie Statistiken zu erstellen suchen. ­Diese gesammelten Informationen gleichen einen Mangel aus: Sie überlagern, ersetzen das Bild des Wolfs durch Spuren und Zahlen. Ist das ein Individuum? Erst im Tod, so erzählen die Bilder von Luzia Hürzeler, erhält der Wolf eine Gestalt. Dokumentarisch und fast kriminologisch, doch hinter den Fakten schlummern auch Sehnsüchte, ­Mythen, Kindermärchen und Unsicherheiten.

Wenn Blicke töten könnten 
Aus einer Ecke des Ausstellungsraums hört man immer wieder einen Schuss losgehen. ‹If looks could kill›, 2011, ist ein aufwühlendes, gewaltsames Werk. Die Künstlerin filmte die Schlachtung eines Stiers in einem Dorf im Simmental. Der Stier kennt den Ort gut, er wird von seinem Besitzer begleitet, er zeigt keine Angst. Der Schuss fällt. Das Tier sackt in sich zusammen, schlägt aber noch mit den Beinen, die vom Besitzer mit Seilen unter Kontrolle gehalten werden. Das zweite Video zeigt die Künstlerin, die mit einem Revolver schiesst und offenbar auf die Kamera zielt, die das Schlachtereignis festgehalten hat. Mitten ins Objektiv. Die zerschossene Kamera in einer Vitrine bildet das dritte Element in diesem Totenbild, wo sich die Gefühle bald dem sterbenden Tier, bald der mit der Waffe zielenden Künstlerin zuwenden. Es ist ein Wesensmerkmal im Œuvre von Hürzeler, dass sie ebenso viel Emo­tion wie nüchterne Distanz in die Werke hineinlegt. «Meine künstlerische Arbeit ist, dass ich die Grenze zwischen dem, was wir als intim (subjektiv und künstlerisch), und dem, was wir als distanziert (objektiv oder wissenschaftlich) betrachten, aufzuweichen und zu durchbrechen suche.»

Alle Zitate stammen aus einem Gespräch in Sitten am 15.2.2019.

Sibylle Omlin ist Kunsthistorikerin und Kuratorin. Sie lebt im Wallis. sibylle.omlin@gmail.com

Jusqu'à 
07.04.2019

Luzia Hürzeler (*1976), lebt in Genf
1998–2002 Studium an der HEAD, Genf
2002–2004 Masterstudium an der Slade School of Fine Art, London
2012–2016 Dissertation der Bildenden Künste und Sozialanthropologie an der Hochschulecvder Künste Bern HKB und der Universität Bern
2017 Verteidigung der Arbeit ‹How to sleep among wolves›
Seit 2017 Forschungsprojekt ‹Qui a vu le loup?› an der édhéa in Siders

Einzelausstellungen (Auswahl)
2018 ‹Auf der anderen Seite›, Viewer, Kunstverein Solothurn
2015 ‹So wie ich mich kenne›, Galerie Gisèle Linder, Basel (mit Carmen Perrin)
2014 ‹How to sleep among wolves›, Biennale Bern, Kunstmuseum Bern; ‹Zwischen mir und dem Anderen›, Kunsthaus Grenchen (mit Esther Ernst)
2012 ‹Die Forelle (La Truite)›, espace kugler-art contemporain, Genève; Galerie Gisèle Linder, Basel (mit Mingjun Luo)
2010/11 ‹Aus dem Auge›, Institut für moderne Kunst Nürnberg; Kunstmuseum Solothurn

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2018 ‹Ohm sweet ohm›, La Nef, l’art contemporain à l’ancienne église du Noirmont
2017 ‹We love animals. 400 Jahre Tier und Mensch in der Kunst›, Kunstmuseum Ravensburg
2016 ‹No walk, no work›, Centre d'art contemporain Yverdon-les-Bains
2014 ‹Entre chien et loup›, Villa Bernasconi, Genève
2011 ‹Café des rêves: Eine Videoausstellung›, Helmhaus Zürich

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