Archivgeschichten — Mehr als hundert Jahre Kunsthalle Bern

Das Archiv der Kunsthalle Bern im Dezember 2018. Foto: Nicolas Brulhart

Das Archiv der Kunsthalle Bern im Dezember 2018. Foto: Nicolas Brulhart

Arbeitsprozess der Digitalisierung, Skizze: Astrom/Zimmer

Arbeitsprozess der Digitalisierung, Skizze: Astrom/Zimmer

Fokus

Archive sind selbst für Institutionen der Gegenwartskunst längst nicht mehr «bloss» Forschungsfelder, sondern auch Teil ­ihrer Aussenwahrnehmung. Nicht zufällig wurde im Zuge des 100-Jahr-Jubiläums der Kunsthalle Bern 2018 das Archiv aufgearbeitet und dabei ein interessanter Ansatz zum Problem der Digitalisierung vorgestellt. 

Archivgeschichten — Mehr als hundert Jahre Kunsthalle Bern

«Je me permets de vous demander s’il vous était possible de mettre à notre disposition selon la grandeur 6 à 9 toiles importantes de Pollock», schreibt Arnold Rüdlinger, Direktor der Kunsthalle Bern, etwas verzweifelt am 18. November 1954 an Peggy Guggenheim. Er beklagt, es sei ihm nicht gelungen, eine «collection représentative» dieses Künstlers für seine Ausstellung ‹Tendances actuelles III› aufzutreiben, wo er plane, «Tobey, Pollock, Sam Francis, Riaupelle, Wols, Mathieu, Michaux et Bryen» zu zeigen. Der Transport aus den USA war zu teuer, liest man andernorts im Archiv der Kunsthalle und begibt sich weiter auf die Suche nach der Antwort Guggenheims ... Über 100 Forschende und Kunstschaffende nutzen das Archiv der Kunsthalle in Bern jährlich, wobei nicht alle so radikal vorgehen wie Andrea Fraser 1998 und dieses gleichsam aus den Eingeweiden lösen und in den Ausstellungsraum transferieren. Das Archiv im Haus kann sowohl praktisch wie strategisch verstanden werden: Ein Archiv bedeutet durchaus Renommee. Dies zeigt eindrücklich die Gastausstellung des Getty Research Institute aus LA in der Kunsthalle, die 2018 den Ausstellungsmacher Harald Szeemann ehrte. Das Getty stützte sich dabei auf dessen Bibliothek und Archiv, die vom Institute 2011 für einen Millionenbetrag angekauft worden waren. Dieses Archiv, das auch wichtige Bestände aus Szeemanns Berner Zeit enthält, gewinnt seinen Wert also buchstäblich durch den Preis sowie durch eine Vorliebe der Kunstwelt für «Heldenfiguren», wogegen auch der Autor nicht ganz gefeit erscheint. Geld für Unspektakuläres aufzutreiben, wie die Rekatalogisierung oder das Entfernen rostig-eingefressener Heftklammern, gestaltet sich in der Regel schwierig. Deshalb ist es umso erfreulicher, dass die Leitung der Kunsthalle und der umsichtige, abtretende Archivar Nicolas Brulhart (→ S. 109) anlässlich des Jubiläums beim Archiv einen Schwerpunkt setzten. Die Konservierung wurde optimiert, die Plakate gelangten in die Graphische Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek und die Filme konnten digitalisiert werden. Die sichtbarste Massnahme ist eine neue Homepage, die eine bereinigte Übersicht über die bis anhin mehr als 700 Ausstellungen mit 5000 Kunstschaffenden unter zwölf Direktoren und einer Direktorin bietet.
«Vergangenheit», mittels eines Archivs «erzählt», ist nie abgeschlossen. Sie wird doppelt konstruiert: einerseits durch das gesammelte Material und andererseits durch die Interpretation desselben. Was soll digitalisiert werden? Wer hat Zugang? In Bern erprobt man, die Nutzenden einzubeziehen, und spricht sich für «Open Access» aus. Mit den Grafikdesignern Astrom/Zimmer und den Webent­wicklern von 51st Floor Studio wurde ein Tisch mit Interface entwickelt, während die physischen Ordner respektive Archivboxen mit einem RFID-Chip ausgestattet wurden. Werden sie auf den Tisch gestellt, erkennt der Computer, welches Dossier betrachtet wird, und mit ­einer montierten Kamera können dann einzelne Dokumente fotografiert werden. Das Computerinterface dient zur Kontrolle der Verlinkung der Fotos mit Informationen wie dem Standort und dazu, weitere Angaben zu ergänzen. Forschende können von zu Hause aus zugreifen, und die Digitalisate werden nach einer Prüfung, etwa der Persönlichkeitsrechte, auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Frage nach der Deutungsmacht
Diesen pragmatischen Ansatz gilt es in einigen Jahren zu beurteilen. Spannend ist, dass die Nutzenden persönliche Spuren hinterlassen und auch Ungebrauchtes quasi als Beifang mitdigitalisiert wird. Die Frage nach der Deutungsmacht wird auf die einzelnen Recherchen verlagert, die zeitnah sichtbar werden. Die feinen Punkte, die auf der Homepage die einzelnen Dossiers symbolisieren, werden mit dem Grad der fotografischen Erschliessung dicker dargestellt. Neben den Optionen «Overview» und «Search» bietet die digitale Oberfläche zudem noch «Stories» an, um «Archivgeschichten» aufzurufen. Dies sind Texte, die mit bestimmten Archivalien verlinkt sind und eine visuelle Vernetzung ergeben. So hat Giulia Ficco über Art Brut in den Dreissigerjahren oder Etienne Wismer über die ‹Pläne und Projekte› von 1969 geschrieben. «Je serais très contente de vous prêter quelques belles toiles de Jackson Pollock pour votre exposition. En même temps, je vous propose quelques tableaux de mon protégé Tancredi que je considère le meilleur jeune peintre abstrait en Italie», antwortet Peggy Guggenheim am 21. November 1954, wobei für diesen Artikel einige sprachliche Ungenauigkeiten im Zitat bereinigt wurden. Und so werden gemäss Versicherungs­papieren acht Gemälde von Pollock mit einem Versicherungswert von CHF 120’000 und sieben Gemälde von Tancredi mit verzeichneten CHF 7000 per Eisenbahn von Venedig nach Bern transportiert. Rüdlinger war offenbar bereit, den abstrakten Italiener, der trotz Fürsprache von Guggenheim heute nicht zur ersten Garde zählt, in seine Ausstellung einzubinden, erwähnt ihn aber im Katalogtext mit keinem Wort.

Adrian Dürrwang. Kunsthistoriker, freier Autor und Lehrer in Bern. a_duerrwang@hotmail.com

Auteur(s)
Adrian Dürrwang

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