Marianne Halter & Mario Marchisella — Swinging spaces, twitching time

Apedromo, 2018, dynamische Audioinstallation mit Bienenbeuten und Bienenvölkern, vier Stadionlautsprechern und einer Zielflagge, ca. 350 x 120 m, Art Safiental 2018

Apedromo, 2018, dynamische Audioinstallation mit Bienenbeuten und Bienenvölkern, vier Stadionlautsprechern und einer Zielflagge, ca. 350 x 120 m, Art Safiental 2018

Pferde über Wiese, 2013. Einkanalvideo, HD, 1’30’’, mit Ton, endlos geloopt

Pferde über Wiese, 2013. Einkanalvideo, HD, 1’30’’, mit Ton, endlos geloopt

Pferde über Wiese, 2013. Einkanalvideo, HD, 1’30’’, mit Ton, endlos geloopt

Pferde über Wiese, 2013. Einkanalvideo, HD, 1’30’’, mit Ton, endlos geloopt

… weil sie das Ende nicht an den Anfang zu knüpfen vermögen, 2018, Audioinstallation mit verschiedenen Kofferplattenspielern, Postkarte gepinnt, ca. 9 m lang, Ausstellungsansicht Haus Konstruktiv, Zürich

… weil sie das Ende nicht an den Anfang zu knüpfen vermögen, 2018, Audioinstallation mit verschiedenen Kofferplattenspielern, Postkarte gepinnt, ca. 9 m lang, Ausstellungsansicht Haus Konstruktiv, Zürich

… weil sie das Ende nicht an den Anfang zu knüpfen vermögen, 2018, Audioinstallation mit verschiedenen Kofferplattenspielern, Postkarte gepinnt, ca. 9 m lang, Ausstellungsansicht Haus Konstruktiv, Zürich

… weil sie das Ende nicht an den Anfang zu knüpfen vermögen, 2018, Audioinstallation mit verschiedenen Kofferplattenspielern, Postkarte gepinnt, ca. 9 m lang, Ausstellungsansicht Haus Konstruktiv, Zürich

Portrait Marianne Halter und Mario Marchisella

Portrait Marianne Halter und Mario Marchisella

Rest or Stay, 2019, Installation mit begehbarer Bühne, Neonschrift, Videoprojektion und Video auf Monitor, mit Ton, Ausstellungsansichten Kunstraum Kreuzlingen

Rest or Stay, 2019, Installation mit begehbarer Bühne, Neonschrift, Videoprojektion und Video auf Monitor, mit Ton, Ausstellungsansichten Kunstraum Kreuzlingen

Rest or Stay, 2019, Installation mit begehbarer Bühne, Neonschrift, Videoprojektion und Video auf Monitor, mit Ton, Ausstellungsansichten Kunstraum Kreuzlingen

Rest or Stay, 2019, Installation mit begehbarer Bühne, Neonschrift, Videoprojektion und Video auf Monitor, mit Ton, Ausstellungsansichten Kunstraum Kreuzlingen

Fokus

Seit über zehn Jahren entwickeln Halter & Marchisella neben ihren Soloarbeiten auch gemeinsame künstlerische Projekte. Diese kollaborative Autorschaft findet im Interesse an Räumlichkeit und Performativität, an der Verschränkung von Visuellem und Akustischem ihren starken Ausdruck. Aktuell ist im Kunstraum Kreuzlingen eine Ausstellung zu sehen. 

Marianne Halter & Mario Marchisella — Swinging spaces, twitching time

Reisen und Residencies ausserhalb von Europa boten Marianne Halter & Mario Marchisella verschiedentlich Anstoss zur Entwicklung neuer Arbeiten. Präzise Beobachtungen von ortsspezifischen Gegebenheiten und kulturellen Gepflogenheiten liefern das Rohmaterial, aus dem die beiden den inhaltlichen Fokus ihrer Installationen, Video- und Fotoarbeiten herausschälen: vordergründig unaufgeregte Szenerien, die wie Sinnbilder kultureller Eigenheiten, aber auch ganz existenzieller Emotionen figurieren; Situationen, die scheinbar aus Zeit und Raum herausgefallen sind; Momente, in denen Absurdes seine Poesie entfalten kann.

It’s showtime, baby!
So ist ‹Showtime›, 2017, ein subtiles Zusammenspiel von Bild- und Tonebenen, von räumlichen und ambientalen Elementen, die an theatrale Inszenierungspraktiken erinnern. Doch wo ist die Bühne? Wer setzt sich hier in Szene? Das projizierte Video zeigt aus stark verzerrter Perspektive eine grosse LED-Anzeigetafel sowie die dahinterliegenden Strassenzüge bei Nacht und Sturm. Während sich das reale Unwetter in fast quälender Zeitlupe wiederholt, die Autos immer wieder aufs Neue Wasserfontänen vor sich herschieben, kündigt sich auf dem Werbescreen die Apokalypse durch immer stärkeres Flackern und heftigere Bildausfälle an. Melancholie macht sich breit, die sich nicht nur dem eigens komponierten Soundtrack verdankt, sondern auch der Farbstimmung der Strassensituation im Endlosloop. Doch erst die Setzung der freistehenden Projektionswand und das Arrangement der Lichtorgeln im Raum verwandeln die Installation in eine Bühne, auf der elektronische Medien und ihre Distributionsgeräte, Liveness und Konserve eine spannungsvolle Darbietung liefern.

Vielstimmiges Rauschen
Eine ähnliche Herangehensweise charakterisiert auch ‹... weil sie das Ende nicht an den Anfang zu knüpfen vermögen›, 2018. Die entlang der Wand aufgereihten Kofferplattenspieler drehen quasi im Leeren, das Geräusch der auf den Gummitellern aufgesetzten Nadeln umgibt die strenge Ordnung der antiquierten Geräte mit einem vielstimmigen Rauschen, das sich erst im Abschreiten der Reihe erschliesst. Die ­verso an die Wand gepinnte Postkarte mit der Legende «Riviera di Ponente» verschiebt das Assoziationsspektrum ruckartig: Ein Flair von Unwirklichkeit stellt sich ein, die apparatisch generierte Brandung umspült imaginierte Ferienstrände, und ­eigentlich wartet man nur noch darauf, «Aloha ’Oe» zu hören. Anhand der ortsspezifischen Installation ‹Apedromo› für die Art Safiental 2018 wird der Einfallsreichtum deutlich, mit dem Halter & Marchisella visuelle und akustische Erfahrungen in ein räumliches Setting einbinden. Zunächst fasziniert die Architektur des ovalen Wasserbeckens am Talende in Wanna. Bei näherer Erkundung der Situation gesellt sich ein Hörerlebnis hinzu, und zwar das Summen unzähliger Bienen, das wie ein Surround-Sound um das Reservoir läuft; es scheint den Bienenkästen am oberen Ende der Anlage zu entspringen, kommt aber eindeutig aus den vier Lautsprechern am Beckenrand. Halter & Marchisella appellieren hier an die Bereitschaft, Sehen und Hören in der Schwebe zu halten. Denn je nach Standort und Windrichtung schwillt der Sound an oder ab, und dementsprechend verschieben sich die «Bilder»: In der Nähe der Bienenhäuser fügen sich Insekten, Gehäuse und Gesumme zur logischen Einheit; mit Abstand, v. a. mit Blick auf die Zielflagge, gewinnt die markante Beckenform an Dominanz und wird zum Motodrom, in dem man plötzlich einem unsichtbaren Autorennen beiwohnt. Dieser Umgang mit der Inkongruenz von sinnlichen Signalen bringt assoziative Funkensprünge hervor, die auch eine Werkgruppe kennzeichnen, in der das Duo mit einer männlichen Bildfigur arbeitet. In der Regel schwarz gekleidet, agiert die Figur in einer selbstgewählten Isolation, widmet sich ihren Ritualen mit zwingendem Ernst, ohne sich von irritierenden Umgebungsbedingungen oder der Frage nach der Sinnhaftigkeit ihrer Handlungen beirren zu lassen. Seit mehr als zehn Jahren eröffnen Halter & Marchisella dem Performer immer neue Situationen, in denen die Realität etwas aus den Fugen gerät und sich zu Momenten von spielerischer Intensität und Präsenz verdichtet. So absolviert die Figur in ‹Pferde über Wiese›, 2013, einen halsbrecherischen Ritt auf dem Drahtesel einen Hügel hinunter, begleitet vom Geräusch donnernder Hufe, das aus einem ans Fahrrad gebundenen Lautsprecher ertönt.

A room for the two of us
Für Kreuzlingen haben Halter & Marchisella mit ‹Rest or Stay› ein mehrteiliges Ensemble entworfen, das neben der gleichlautenden Neonschrift am Eingang eine Videoprojektion sowie eine pavillonähnliche Plattform, die mit Vorhängen aus grünen Plastiklamellen abgeschirmt ist, umfasst. «Love Me Tender» durchschwebt den Raum, gesungen von einer samtigen Männerstimme. Woher der Sound kommt, bleibt zunächst unklar. In der Wandprojektion werden in langsamen Bildfolgen Fassaden in einer Grossstadt abgetastet, der Blick ist auf Eingänge und Fenster gerichtet, auf Einfahrten zu Tiefgaragen. Alles ist hinter Vorhängen und abgeschirmt. Hier tauchen die Wörter «rest» und «stay» auf. Halter & Marchisella sind in Japan auf die sogenannten Love Hotels gestossen, in die man zu diesen unterschiedlichen Tarifen ­nächte-, aber auch nur stundenweise einchecken kann: verborgene Inseln der Zweisamkeit inmitten einer stark codierten Gesellschaft. Denselben Rückzug verheisst auch die Plattform, deren Materialität ambivalente Reize auslöst. Erst wenn man diesen geschützten Raum betritt, lüftet sich das Rätsel des Gesangs. Auf einem Monitor ist der bereits bekannte Performer zu sehen, der in einer Karaoke-Kabine den Elvis-Song interpretiert. Ohne Interesse für die Aussenwelt, die sichtbaren belebten Strassen und Lichter, ist er eine einsame Figur, gefangen in der Emotionalität des Songs und seines Vortrags. Treffsicher setzen Halter & Marchisella Querbezüge zwischen den installativen Elementen, die den gesamten Raum in ein vielschichtiges Gewebe verwandeln, das auch die Betrachtenden umschliesst und zu Akteuren macht.

Irene Müller, Kunstwissenschaftlerin, Kuratorin und Autorin, lebt in Zürich. muellersbuero@gmx.ch

→ Kunstraum Kreuzlingen, bis 19.5.; Künstlergespräch mit Irene Müller, 19.5., 16:00
www.kunstraum-kreuzlingen.ch
→ Lokal 14, Zürich, 23.8.–21.9. ↗ www.lokal14.ch

Jusqu'à 
19.05.2019

Marianne Halter (*1970), lebt in Zürich
1991–1997 Höhere Schule für Gestaltung Luzern
Ausstellungsprojekte solo und seit 2008 regelmässig mit Mario Marchisella

Mario Marchisella (*1972), lebt in Zürich
1994–1998 Konservatorium Zürich
Musik für Film und Theater, Bandprojekte, Audioinstallationen und Performances in verschiedenen
Kollaborationen, seit 2008 regelmässig mit Marianne Halter

Gemeinsame Einzelausstellungen
2019 Lokal 14, Zürich; ‹Rest or Stay›, Kunstraum Kreuzlingen
2009 ‹The conductor’s fear of the soloist – ten small pieces for violin›, Message Salon Downtown, Zürich, und blank projects, Kapstadt

Gemeinsame Gruppenausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Natur – zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit›, Haus für Kunst Uri, Altdorf
2018 ‹Horizontal–Vertikal›, Art Safiental
2016 ‹When tomorrow comes›, Wits Art Museum, Johannesburg
2014 ‹A Soap Opera Show Machine House›, Villa Renata, Basel; ‹Uncertain Identities›, Caroll/Fletcher, London; ‹Is it (y)ours?›, Museum Bärengasse, Zürich
2012 ‹Absent Heroes›, Werke aus der Sammlung, South African National Gallery, Cape Town
2011 ‹Fragments – Urban Realities in South Africa›, Photoforum Pasquart, Biel

expositions/newsticker Datetrier par ordre croissant Type Ville Pays
Marianne Halter & Mario Marchisella 12.04.2019 - 19.05.2019 exposition Kreuzlingen
Schweiz
CH

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