Fotografinnen an der Front — Das Gesicht des Krieges

Susan Meiselas (*1948, Baltimore, lebt in New York) · Soldaten durchsuchen Busreisende am Northern Highway; El Salvador, 1980 © Magnum Photos

Susan Meiselas (*1948, Baltimore, lebt in New York) · Soldaten durchsuchen Busreisende am Northern Highway; El Salvador, 1980 © Magnum Photos

Carolyn Cole (*1961, Boulder, lebt in Los Angeles) · Ein Soldat der US Marines mit getarntem Gesicht während der Schlacht um Nadschaf, Irak, August 2004

Carolyn Cole (*1961, Boulder, lebt in Los Angeles) · Ein Soldat der US Marines mit getarntem Gesicht während der Schlacht um Nadschaf, Irak, August 2004

Besprechung

Eine Ausstellung und ein Buch machen bewusst: Kriegsfotografie ist nicht nur Männersache. Oft kommen Frauen sogar ­besser an Betroffene heran. ‹Fotografinnen an der Front – Von Lee ­Miller bis Anja Niedringhaus› fesselt mit eindringlichen Aufnahmen von drei lebenden und fünf verstorbenen Fotografinnen.

Fotografinnen an der Front — Das Gesicht des Krieges

Winterthur — Wie viel Dunkles, Leidvolles, kaum zu Ertragendes hat man an diesem Ort nicht schon zu sehen bekommen. Wie viel Zeugnis wurde da nicht abgelegt von mutigen Menschen, die nicht weg-, sondern hinschauen. Das Fotomuseum hat ­ihnen und ihren Bildern von Anfang an Raum gegeben – jedes Mal waren Aufnahmen darunter, die man nie mehr vergisst. Das ist auch bei der aktuellen Ausstellung nicht ­anders. Etwa das Foto des toten SS-Wachmannes, der sich durch Selbstmord der Verantwortung entzogen hat und nun im Kanal treibt: still, entrückt und doch ganz nah; die Wellen kräuseln sich über ihm und die Sonne setzt ihre Lichter. Oder der Blick aus mitfühlender Nähe, wo mindestens ein Dutzend Hände haltend und tröstend zusammenfinden, um den von einem israelischen Scharfschützen getroffenen Palästinenser, dessen Blick schon ins Leere zu gehen scheint, zu begleiten auf seinem Weg in den Tod. Lee Miller hat den toten SS-Mann 1945 in Dachau fotografiert, Carolyn Cole den Verwundeten 2002 in Bethlehem. Sie sind zwei von acht Fotografinnen, die auf je eigene Art – sachlich, engagiert, dokumentierend, aufklärerisch, empathisch – Taten, Geschehen und die Folgen festhalten; immer wieder auch das, was Kriege mit Menschen machen. Die Schau im Fotomuseum führt das anhand von rund 140 Bildern vor Augen, ruhig, unaufgeregt, mit Erklärungen zu allen fünfzehn Kriegen und Konflikten, die im Fokus stehen. So kommen die Bilder vom Spanischen Bürgerkrieg bis zum Irakkrieg, von 1936 bis 2011, zu ihrem Recht mit dem, was sie sagen und wie sie es sagen. Erkennt man, dass da Frauen am Werk sind? Seit der Schliessung des Fotomuseums aufgrund der Pandemie muss man sich mit dem Ausstellungskatalog begnügen – nur bedingt ein Ersatz, fällt doch die physische Erfahrung vom Bild als Gegenüber weg. Dafür werden die Einordnung und der Blick aufs Ganze erleichtert. Aber auch im Buch entfalten die Bilder ihre Kraft: die 1936/37 entstandenen von Gerda Taro, die zum Teil «medienwirksamer» unter dem Namen ihres Partners Robert Capa vermarktet wurden, und die der Jüngsten unter den acht, Anja Niedringhaus, die wie Taro während eines Einsatzes starb. Sie hat, wie schon manch andere(r) ihres Metiers vor ihr, gesagt: «Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt!» Es: das Unglück, die Brutalität, die Unsinnigkeit, die selbst im Kampf für die sogenannt gerechte Sache immer mitschwingt. 

→ ‹Fotografinnen an der Front – Von Lee Miller bis Anja Niedringhaus›, Fotomuseum, bis 24.5.; Katalog, hrsg. v. A.-M. Beckmann und F. Korn; demnächst online: Doris Gassert im Gespräch mit Clément ­Saccomani; Gespräch zwischen Nadine Wietlisbach und Elisabeth Bronfen ↗ www.fotomuseum.ch

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