Kunsträume — Ein Sechser-Team fürs CAN, Centre d’art Neuchâtel

Anaïs Wenger · Marianne (Uniformen für das CAN-Team), 2018, Gruppen­schau, CAN, Neuchâtel

Anaïs Wenger · Marianne (Uniformen für das CAN-Team), 2018, Gruppen­schau, CAN, Neuchâtel

Julien Creuzet · Il pleut encore, des minis gouttelettes (…), 2019, Ausstellungsansicht, CAN, Neuchâtel. Fotos: Sebastian Verdon

Julien Creuzet · Il pleut encore, des minis gouttelettes (…), 2019, Ausstellungsansicht, CAN, Neuchâtel. Fotos: Sebastian Verdon

Modular Immersion · 2019,  in einem Display von Lucas  Uhlmann, Gruppenschau  Room 4, 2019, CAN, Neuchâtel

Modular Immersion · 2019,  in einem Display von Lucas  Uhlmann, Gruppenschau  Room 4, 2019, CAN, Neuchâtel

Wohnung, 2019, CAN, Neuchâtel

Wohnung, 2019, CAN, Neuchâtel

Fokus

Das CAN blickt seit 1995 auf eine Geschichte sorgfältig kuratierter Ausstellungen zurück. Die Erneuerung des Teams 2018 stärkt nun den Laborcharakter. Die Verantwortlichen setzen ­betont auf die kollektive Zusammenarbeit vor Ort und das intelligente Hinterfragen der Traditionen.

Kunsträume — Ein Sechser-Team fürs CAN, Centre d’art Neuchâtel

Der Begriff «Netzwerk» ist in der Kunstwelt vor allem im übertragenen Sinn von Bedeutung, doch angesichts der gegenwärtigen Pandemie-Situation stellen sich auch ganz praktische Fragen, wenn man den kommunikativen Austausch sucht. Dass die Videokonferenz mit Martin Jakob, Nicolas Raufaste und Sebastian Verdon, Kunstschaffende und Leiter des Centre d’art Neuchâtel, trotz schweizweit prekär erhöhtem Datenverkehr zustande kommt, ist jedenfalls ein guter Start für diesen Text. Damit wird der Umstand gemildert, dass die aktuelle Ausstellung ‹Agarra-diablo› von Gina Proenza (*1994), die im CAN mit abstrakten Objekten eine Art «Durchgangsraum» suggeriert und mit südamerikanischen Referenzen spielt, trotz guter Dokumentation auf der Website dem von fern Betrachtenden weitgehend verschlossen bleibt – ein Problem vieler virtueller Rundgänge, die als Alternative zur Schliessung stattfinden. Martin Jakob, Nicolas Raufaste und Sebastian Verdon, aktuell im Home-Office, betreiben mit Sylvie Linder, Magali Pexa und Julian Thompson das CAN als Kollektiv – sowohl auf programmatischer wie praktischer Ebene. Seit 2018 bringen die drei Erstgenannten als Kunstschaffende mit kuratorischer Erfahrung in Kunsträumen – Raufaste beim Lokal-int in Biel, Verdon und Jakob bei den Neuenburger Offspaces Smallville beziehungsweise MÂT – eine besondere Perspektive in das CAN-«Bureau» ein, das auch weitere kreative Berufe versammelt. Die drei waren zuerst im «Comité», einer Art erweitertem Vorstand des Trägervereins aktiv. Mit ihrem Wechsel ins Betreiber/innenteam 2018, so machen sie im Gespräch klar, hat sich die Leitung verjüngt und stärker mit den Szenen von Basel und Genf über das Wallis und Zürich bis ins Ausland vernetzt. Neu reisen nun Personen nicht nur aus dem wenig entfernten Biel an. Entscheidend ist der Netzwerkgedanke aber vor allem für das Konzept der intensiven Zusammenarbeit mit den Ausstellenden, die das Team pflegen möchte. Ihre Herangehensweise sei, im Vergleich zum Vorgängerteam, stärker von der Praxis geprägt: Die Produktion vor Ort ist von zentraler Bedeutung, der Ort versteht sich als ein Labor mit vielen Möglichkeiten. Der Umstand, dass sechs Personen die Lohnsumme der Institution teilen, sei eine bewusste Entscheidung und führe zu kleinen Löhnen; man bewege sich ergo mit den Kunstschaffenden auf Augenhöhe. Für die oft gemeinsam konzipierten thematischen Ausstellungen und Solopräsentationen brauche es zur Durchführung jedoch keine Einigkeit aller. Man experimentiere gerne mit Formaten, überrasche das Publikum und versteht sich als städtischer Treffpunkt. Da das CAN von der Loterie Romande, von der Stadt und durch Stiftungen finanziert ist, habe man eine gewisse Freiheit, auch ältere Positionen zu präsentieren, und sei nicht so sehr auf die Förderung junger Schweizer Kunstschaffender fokussiert: ­‹Tempo Elastico› 2019 zeigte mit Delphine Chapuis Schmitz (*1979), Peter Gysi (*1955) und ­Philémon Otth (*1991) etwa drei Generationen. Die einzige Voraussetzung sei wohl, dass die Kunstschaffenden noch lebten, meinen die drei lachend. Beim Programm ist man sich der Tradition des 1995 eröffneten Hauses bewusst, möchte diese zugleich aber herausfordern. So waren bisher eigentliche Malereiausstellungen selten, und wenn, dann eher solche abstrakter Positionen wie 1996 Olivier Mosset (*1944). Mit der für dieses Jahr geplanten Einladung von Armen Eloyan (*1966), der sich der schnellen und dreckigen Geste des «Bad Painting» verschrieben hat, überrascht man. Dabei ist der in Zürich lebende armenische Maler – in den USA und Grossbritannien durchaus ein Begriff – in der Schweiz noch wenig etabliert.

Räume für vielfältige Formate
Das Spiel mit Formaten wird zudem durch die vielfältige Raumsituation des CAN begünstigt: Es besteht aus einem ehemals industriellen Hauptraum – eine veritable kleine Kunsthalle –, einem «Studio» als Projektraum und einer zugehörigen Wohnung. Zugleich liegt Neuchâtel ohne grosse eigene Kunstszene eher abgelegen und ist dennoch gut erreichbar, sodass sich gut arbeiten lässt. Hier sei der Erwartungsdruck nicht so hoch, ideal auch zum Ausprobieren. Die Nutzung der Kunsthalle ist dabei flexibel. So wurde bspw. Lucas Uhlmann (*1989) eingeladen, eine Clubatmosphäre zu entwickeln. 2020 erlebt nun die Wohnung für Künstler und Künstlerinnen in der zweiten Jahreshälfte eine doppelte Premiere: Sie wird erstmals temporärer Ausstellungsort der nomadisierenden Pariser Galerie ‹Sans titre (2016)›. Seit 2016 kommerziell tätig, vertritt sie, wie es immer so schön heisst, «international artists in the early stages of their ­careers», indem sie neue Formate entwickelt und Events wie Dinners veranstaltet. Mit seiner Gastfreundschaft gegenüber dem kommerziellen Unternehmen hinterfragt das CAN auch ein Tabu der Kunstwelt. Zwar ist eine bestimmte Unterstützung von Galerien für Ausstellungen eigener Kunstschaffender in Kunsthallen an der Tagesordnung. Doch dass eine Galerie Räume direkt übernimmt, gehört sich eigentlich nicht. Man darf gespannt sein auf die Rezeption ... Im Gespräch wird eines klar: Es geht beim Experimentieren nicht um eine persönliche Profilierung. Das Team sieht sich als Teil der Geschichte des CAN, das durch die Verbindung zu den Kunstschaffenden geprägt ist – und diese Zusammenarbeit weiter ausbaut. Dieses revitalisierte Konzept, das durchaus an die Ursprünge vieler traditions­reicher Kunstvereine erinnert, bietet eine spannende Form zwischen Offspace und etablierter Kunsthalle.

Adrian Dürrwang, Kunsthistoriker, freier Autor und Lehrer, lebt in Bern. a_duerrwang@hotmail.com
Kunsträume — Die Reihe wird realisiert mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.

→ Centre d’art Neuchâtel, Wiedereröffnung nach Corona-Shutdown, siehe Website ↗ www.can.ch

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