Radio-Aktivität

Kurt Weinhold · Mann mit Radio (Homo ­sapiens), 1929, Courtesy Christie’s Images Limited

Kurt Weinhold · Mann mit Radio (Homo ­sapiens), 1929, Courtesy Christie’s Images Limited

Ketty La Rocca · Fotografie mit Komma, 1969–70, Courtesy Kadel Willborn, Düsseldorf

Ketty La Rocca · Fotografie mit Komma, 1969–70, Courtesy Kadel Willborn, Düsseldorf

Hinweis

Radio-Aktivität

München — Ein Medium zwischen Utopie und Wirklichkeit: Darum kreist die aktuelle Schau zum Medium Radio im Lenbachhaus. Der frühe Radiohörer ist männlich und raucht Zigarre – so wie Kurt Weinholds nackter ‹Mann mit Radio (Homo sapiens)› von 1929: ein satter Bildungsbürger, leger zuhause auf dem Gründerzeitstuhl über Kopfhörer mit dem Detektorempfänger verkabelt – mehr Karikatur als Porträt. Unter dem tönenden Titel ‹Radioaktivität – Kollektive mit Sendungsbewusstsein› präsentieren die Kuratorinnen Karin Althaus und Stephanie Weber, ausgehend von Brechts Radiotheorie, künstlerische Kollektive der Zwanziger- und Dreissiger- sowie der Sechziger- und Siebzigerjahre, die sich mit dem (neuen) Medium auseinandersetzten. Eine vielschichtige Schau, in der – dem Gegenstand entsprechend – das geschriebene und gesprochene Wort überwiegt. Vom militärischen Funkgerät zum Unterhaltungsapparat – im Oktober 1923 ging der Rundfunk in Berlin erstmals auf Sendung: Ein Infanterieregiment spielte ‹Deutschland, Deutschland über alles›. Kein Wunder, dass Brecht vom Radio nicht begeistert war: «Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen.» Das klingt auch im Youtube-Zeitalter aktuell. Doch sein Haupt­kritikpunkt war, dass der Hörer nicht zu Wort kam. Ein Massenmedium war der Rundfunk anfangs nicht, dafür war die Ausrüstung zu teuer. Das änderte sich, auch weil die Arbeiterbewegung das Radio als Mittel der Aufklärung ­entdeckte – und Bastelkurse für den Eigenbau anbot. In diesem Kontext steht auch die ‹Rote Gruppe›: kommunistische Künstler (­darunter Dix, Grosz und Rudolf Schlichter), die allerdings weniger das Radio als vielmehr die Printmedien für die politische Einflussnahme nutzten. Der rote Faden findet sich in den Emanzipa­tionsbewegungen weit nach dem Krieg wieder, etwa in der marxistisch geprägten Suche nach «herrschaftsfreier Kommunikation». Der Titelbezug liegt hier auf dem Gedanken des Kollektivs, das gilt auch für die ‹Situationistische Internationale› und die Gruppe ‹Spur›. In Italien untersuchten etwa Ketty La Rocca und Bianca Menna (alias Tomaso Binga) das Verhältnis von Körper, Sprache, Geschlecht und Macht. Dass der Frauenverschleisser Brecht als geistige Bezugsgrösse der Ausstellung dient, erscheint in diesem Kontext fast bizarr. Im Rahmen der Anti-Psychiatrie-Bewegung wiederum entdeckte der Arzt Franco Basaglia die Kunst als Mittel der Selbstermächtigung für seine Patienten. Dass in seiner Klinik in Triest 1973 dann ausgerechnet ein blaues Pferd gefertigt wurde, ist im Lenbachhaus eine schöne Pointe. 

Jusqu'à 
23.08.2020

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