Familie Leu und Miriam Tinguely — Übersternt vom Kosmos des Lebens

Ausstellungsansicht ‹Leu Art Family›, Museum Tinguely, 2021. Foto: Daniel Spehr

Ausstellungsansicht ‹Leu Art Family›, Museum Tinguely, 2021. Foto: Daniel Spehr

Titine Leu · The Boxer, 1998, Acryl auf Leinwand, 50 x 40 cm. Foto: Geoffreoy Baud

Titine Leu · The Boxer, 1998, Acryl auf Leinwand, 50 x 40 cm. Foto: Geoffreoy Baud

Miriam Tinguely · o. T., 2019, Aquarell auf Papier mit abgeklebten Rändern, 23 x 19 cm

Miriam Tinguely · o. T., 2019, Aquarell auf Papier mit abgeklebten Rändern, 23 x 19 cm

In der Ausstellung ‹Leu Art Family›: Christian Jelk, Loretta, Titine und Filip Leu (von links), Museum Tinguely 2021. Foto: Daniel Spehr

In der Ausstellung ‹Leu Art Family›: Christian Jelk, Loretta, Titine und Filip Leu (von links), Museum Tinguely 2021. Foto: Daniel Spehr

Fokus

Das Licht, das aus dem Dunkel leuchtet – Künstlerfamilie Leu empfängt uns in einem malerischen Raum, in dem Magie möglich ist und längst vergessen geglaubte Träume wieder erwachen dürfen. Unter ihnen leuchtet in zarter Präsenz Miriam Tinguely – und streichelt die Haut des Himmels.

Familie Leu und Miriam Tinguely — Übersternt vom Kosmos des Lebens

1965 lernten sie sich auf einer Vernissage von Jean Tinguely in New York kennen: Loretta und Felix Leu. Er, Sohn von Eva Aeppli, die in zweiter Ehe mit Jean Tinguely verheiratet war, assistierte dort seinem Stiefvater. Nach ihrer ersten Begegnung arbeiteten beide mit Tinguely und Niki de Saint Phalle für die Weltausstellung in Montreal zusammen. Dann gingen sie auf Reisen – für viele Jahre. Sie waren in Goa, in Nordafrika und an weiteren Orten. Unterwegs kamen ihre vier Kinder zur Welt, die sie zu kreativen, reifen Menschen heranwachsen liessen. Filip, Ama, Aia und Ajja gingen nicht in die Schule wie andere Kinder – sie besuchten stattdessen die Schule des Lebens, in der sie von neuen Sprachen, Kulturen und Geografien lernten.
Im Museum Tinguely werden diese weltoffene Philosophie und der innige Zusammenhalt der Künstlerfamilie Leu in schillernden Farben spürbar – in einer freien, aufwendigen Petersburger Hängung. Es werden über 400 gross- und kleinformatige Werke der Familie gezeigt, aus drei Generationen. Der Raum im Obergeschoss ist an allen Wänden komplett mit Bildern behängt: eine Fülle aus Zeichnungen und Malereien, vereinzelt sind auch Collagen oder Fotografien dabei. Es lassen sich einzelne individuelle Handschriften der insgesamt 20 Familienmitglieder, darunter auch fünf Enkelkinder, erkennen. Einige Arbeiten sind sogar im familiären Kollektiv entstanden.
In den Bildern ist auch der Tattookult der Leus sichtbar. Felix und Loretta, die Urgesteine der Familie, haben früher selber viel gestochen: eine Möglichkeit, als Künstler mit dem Zeichnen etwas Geld zu verdienen. Da ist etwa die Serie von komplett tätowierten Zirkus-Charakteren, gemalt von Titine, Filips Frau. Da sind Aias mit feinem Bleistift gezeichnete marokkanische Frauen, die ihre Familiengeschichte auf der Haut tragen. Die Tuscheserie stammt vom Felix, vorrangig aus seinen letzten Lebensjahren.

Hauseigene Geschichte
Und da sind die Bilder von Miriam Tinguely, der Stiefschwester von Felix Leu. Die 1950 in Basel als Tochter von Eva Aeppli und Jean Tinguely geborene Künstlerin wuchs, nachdem die Familie nach Genf umgezogen war, grösstenteils bei ihrer Grossmutter in Bulle, dem freiburgischen Heimatdorf Jeans Tinguelys, auf. Das Museum Tinguely holt mit der Familie Leu also auch ein Stück eigene Familiengeschichte ins Haus.
Miriam Tinguely arbeitet auf dem Papier. Ihr Werk reicht von Zeichnungen über Malereien bis hin zu Gravuren und Aquarellen. Ihre ersten grossen Bilder entstanden in den 1980er-Jahren in den USA, nachdem sie mit 28 Jahren nach San Francisco übersiedelt war. 1998 kehrte Miriam Tinguely in die Schweiz zurück; zwei Jahre später lernte sie Pierre Keller kennen, der sie in die Technik der Radierung einführte. Die Werke der Künstlerin sind von anmutiger Feinheit, die sowohl Sicherheit in der Setzung als auch stark dynamische Bewegungen und eine in sich changierende Suche nach Motion in der Emotion ausstrahlt. Eine Gleichzeitigkeit in der Ungleichzeitigkeit wird spürbar und leitet unseren Blick auf die leisen und lauten Momente dazwischen. Sie sind umhüllt von einem melodischen Sein, das stets versucht, Gleichgewicht zu schaffen, und sich dabei im Halten einer Masse oder der Streckung einer Linie nie ganz erschöpft. Miriam Tinguelys Arbeiteten scheinen mit der Unendlichkeit verbunden, indem sie den gegenwärtigen Moment einfassen und wieder loslassen. Ihre Bilder atmen. Wie eine sensible Membran zittern sie beständig und flüstern uns dabei von anderen Sphären.

Verkörpertes Familiengedächtnis
Die Ausstellung der Künstlerfamilie Leu zeigt insgesamt 33 Arbeiten der Künstlerin im Spannungsfeld zwischen Zugehörigkeit und Entfremdung. Miriam Tinguely stand in gewisser Weise im Schatten ihrer Eltern und leuchtet doch im Licht, das eben erst neben diesem Schatten sichtbar wird. Sowohl ältere Bilder von ihrer Zeit in der Ferne als auch neuere von 2019 sind dabei. Der Kurator der Präsentation, Christian Jelk, schreibt über sie «von Einsamkeit und Einklang zugleich» in Reflexion eines Erlebnisses, das er während eines morgendlichen Spaziergangs im Wald hatte: «Zarte Präsenz. Wie goldene Sonnensprenkel auf einem See im Winter. Sie ist ein anderer Anteil. Sie ist ein Teil des Körper-Gedächtnisses der Familie. Ein leicht versetzter Anker. Ihre Werke sind die zahllosen Blätter eines Waldes, in dem fantastische Faune, müde von ihren nächtlichen Streifzügen, Schutz suchen. (…)»
Heute lebt Miriam Tinguely in einem märchenhaften Holzhaus mit integrierter Mal- und Zeichenstube auf dem Mont-Pèlerin im Kanton Waadt. Ihre Gravuren entstehen an der Ecole des Beaux-Arts und im Atelier Aquaforte in Lausanne.
Christian Jelk spricht von einem geborgenen Raum, einer sicheren Hülle, den er als sinnlich erfahrbaren Raum im Museum Tinguely erschaffen möchte. Man tritt vom Ursprünglichen, Dunklen ins Helle, Übersternte. Wie alles Leben, das entsteht, wird etwas aus dem Verborgenen sichtbar: ein Kind im Bauch der Mutter, die Wurzeln ­eines Baums. So ist der erste Raum der umnachtete, höhlenartige Erdenkörper, aus dem heraus wir uns unter einen strahlenden, erleuchteten Himmel begeben. Wir gehen an einem Meer aus schwarz-weissen Zeichnungen vorbei, die unter dem Glas einer fast raumfüllenden Vitrine dynamisch, in fliessenden Übergängen angeordnet sind. Tattoovorlagen überlagern sich mit abstarkten Motiven und fantastsichen Szenen, die wie aus dem Jenseits zu uns aufzutauchen scheinen. Am Ende der Vitrine erhebt sich eine bewegte Videobildanimation, projiziert auf eine Leinwand. Ein sich stetig transformierender, symmetrischer Lichtkörper tanzt pulsierend zu ebenso psychedelisch anmutenden Techno-Klängen.
Die beiden Arbeiten stammen von Ajja Leu, der als Musiker erfolgreich ist – jüngster und zweiter Sohn nach dem erstgeborenen Filip. Dessen Iron Tattoo Studio, 1978 in Lausanne gegründet, ist weltweit bekannt. Die älteste Tochter Ama war lange Zeit Model und arbeitet heute als Modedesignerin. Aia, die Dritte, ist Malerin und lebt in Irland. Sie zehrt in ihrem künstlerischen Schaffen viel von der Zeit des Unterwegs­seins mit der Familie. Kürzlich veröffentlichte sie zusammen mit der Astrologin ­Joanna-Kate Grant ein Tarotkartenset, das ein Produkt mehrjähriger Arbeit ist.

Sich eine eigene Welt bauen
Aus dem ersten, umnachteten treten wir in einen von leuchtenden Farben vibrierenden Raum ein. Es ist explosiv und intim zugleich, wild und sogleich unschuldig. Hier sollen wir wieder Kind sein und vertrauen dürfen – nachdem wir, durch gesellschaftliche Zwänge und die Anpassungen an bestimmte Normen, unser eigenes Universum mit dem Erwachsenwerden verlassen mussten. «Es ist nicht die Kindheit, die man verliert, sondern vielmehr die Fähigkeit, sich eine Welt nach eigenen Massstäben zu gestalten», erklärt der Kurator, der seine Arbeit des Ausstellungmachens immer auch als Kunstwerk betrachtet – ähnlich wie Harald Szeemanns szenografische Grossausstellungen. «Als ich die Leus kennenlernte und in ihre künstlerischen Universen eintauchte, fand ich genau all diese verschwunden geglaubten Dinge wieder. Diese Familie hat sich konsequent ihre eigene Welt aufgebaut, in deren Zentrum die Haut steht: das Organ, über das wir mit der Aussenwelt interagieren, das uns einhüllt und das die Umrisse einer Identität definiert.»
Jelk verbindet eine enge Freundschaft mit den Leus, nachdem sie sich vor acht Jahren als Bewohner desselben kleinen Dorfes bei Sainte-Croix in der Schweiz, wo die Weltenbummler schliesslich sesshaft geworden waren, kennenlernten. Mit der Ausstellung hat er ein kostbares Gesamtkunstwerk geschaffen. Erst in ihrem Zusammenspiel entfalten die Bilder ihre ganze Kraft. Jelk wollte eine Art Universum schaffen, in das die Besuchenden eintauchen können. Sie können auf Entdeckungsreise gehen und dabei ihre eigenen Träume reflektieren, sich vom Puls des Bildraums inspirieren lassen und sich vielleicht irgendwo selbst wiederentdecken.

Valeska Marina Stach, freie Autorin, Künstlerin aus Berlin, lebt in Basel. valeskamarinastach@gmail.com

→ ‹Leu Art Family – Caresser la peau du ciel›, Museum Tinguely, bis 31.10. ↗ www.tinguely.ch

Jusqu'à 
31.10.2021

Miriam Tinguely (*1950, Basel), Tochter von Eva Aeppli und Jean Tinguely, lebt auf dem Mont-Pèlerin
1971 Übersiedlung nach San Francisco, bis 1998 in den USA ansässig
1998 Rückkehr in die Schweiz

Einzelausstellungen
2002 Museum Tinguely, Basel
1999 Galerie Kornfeld, Bern; Espace Jean Tinguely – Niki de Saint Phalle, Fribourg
1989 Centre culturel suisse, Paris
1984 San Francisco Museum of Modern Art; Rental Gallery, CA

Gruppenausstellungen
2002 Galerie de Rue, J. und A. Basler
1988 Galerie des Bastions, Genf    

Künstlerfamilie Leu
2005 ‹Kerry Landscapes›, Deenagh Lodge, Killarney, Irland
2014 ‹Aia Leu›, Spirits Ancient Rituals Tattoo & Art Gallery, Killarney, Irland
2015–2016 ‹Art Leu Family – Caresser la Peau du Ciel›, Musée CIMA, Sainte-Croix
2018 ‹Art Leu Family – Caresser la peau du ciel›, Le lieu unique, Nantes

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