Josef Herzog — Ein zeichnerischer Kosmos

Josef Herzog · Ohne Titel, 1978, Aquarell auf Papier, 69,5 x 50 cm, Nachlass Josef Herzog. Foto: Marc Latzel

Josef Herzog · Ohne Titel, 1978, Aquarell auf Papier, 69,5 x 50 cm, Nachlass Josef Herzog. Foto: Marc Latzel

Besprechung

Der Zuger Josef Herzog schuf in rund drei Jahrzehnten ein zeichnerisches Universum von sich kreuzenden, schneidenden, zu Knäueln formenden, energiegeladenen oder auch stillen farbigen oder schwarzen Linien. Das Kunstmuseum Luzern stellt ihm die Amerikanerin Polly Apfelbaum gegenüber.

Josef Herzog — Ein zeichnerischer Kosmos

Luzern — Ein Blatt von Josef Herzog (1939–1998) aus dem Jahr 1978, ‹Ohne Titel›, wie alle seine Zeichnungen: Mit aquarellierten farbigen Linien ordnet und belebt der Künstler die Fläche. In der Mitte führt eine Vertikale beinahe an den oberen Rand. Horizontale Striche deuten vier Zonen an. Es bilden sich Kreuzungspunkte, an denen sich zackig ausgreifende Linien treffen. Einige führen an den Blattrand und verankern das Gebilde im Raum. Der Pinsel wird meist kräftig, energiegeladen geführt. Dem entspricht die auf klare Töne fokussierte, heiter gestimmte Farbwahl. Hier und dort aber schleichen sich Unsicherheiten ein, als suche er nach Form und Gestaltung. Inhaltlichen Deutungen verweigert sich das Blatt fast gänzlich. Eine erste Assoziation – es könnte sich Anthropomorphes andeuten – erweist sich bald als nichtig.
Josef Herzog lebte einige Jahre im Austausch mit der avantgardistischen quirligen Aarauer Ziegelrain-Gruppe (Kielholz, Rothacher, Matter, Müller, Suter), blieb aber still und in sich gekehrt. Sein immenses zeichnerisches Schaffen ist das Werk eines Einzelgängers, ein erratischer Block in der Schweizer Kunst und – leider – zu wenig rezipiert, wenn auch nie ganz vergessen. Das Kunstmuseum Luzern öffnet nun Herzog seine Räume und bietet Einblick in die Fülle seines Schaffens. Die Kuratorinnen Fanni Fetzer und Laura Breitschmid fügen sie nach technischen oder formalen Kriterien zu Gruppen. Chronologisches bleibt, da das meiste undatiert ist, nur am Rand ein Thema. Ein flüchtiger Blick auf Herzogs Schaffen könne glauben lassen, das Werk bewege sich innerhalb eines schmalen Bandes. Der Eindruck ist falsch: Geduldiges Hinsehen macht die Vielfalt der Emotionen deutlich und entschleiert die differenzierende Sensibilität des Künstlers, der auf die Aussagekraft «seiner» Linien vertraut. Die Möglichkeiten, die ihm die radikal vorangetriebene Reduktion bietet, nutzt Josef Herzog zum Ausloten seines eigenen, wohl einsamen Künstlerdaseins.
Polly Apfelbaum (*1956) breitet in zwei Museumsräumen bunt gemusterte triviale Dekorationsstoffe aus und erzeugt damit eine lebendige und befreiende Atmosphäre. Die klare Rechteck-Ordnung der Stoffstücke wird durch Unregelmässigkeiten und kleine Überlappungen subtil gestört. Dazu zeigt die Amerikanerin farbig glasierte kreisrunde oder rechteckige Keramikobjekte. Die Künstlerin hat die Räume im Griff und pendelt versiert zwischen Kunst, Mode, Design, Dekor. Sie zielt gekonnt auf Oberflächenwirkung – und bildet so, wohl ungewollt, einen deutlichen Kontrast zu Josef Herzogs komplexem, existenzielle Tiefen auslotenden Kosmos.

Jusqu'à 
19.06.2022
expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Polly Apfelbaum, Josef Herzog 05.03.2022 - 19.06.2022 exposition Luzern
Schweiz
CH
Artiste(s)
Josef Herzog
Auteur(s)
Niklaus Oberholzer

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